Wenn die Flamme erlischt: Burnout
Von Cao Tuan Lam
(29.07.2005) Was zunächst mit Lustlosigkeit anfängt, kann auf Dauer schwere Folgen haben: Burnout lautet die Diagnose. Immer mehr Menschen sind davon betroffen und fühlen sich im Berufsleben überfordert. Mit der schlechten Wirtschaftslage wächst zudem die Angst, darüber offen zu sprechen.
Eine Frau, gerade mal Mitte zwanzig, sitzt in ihrer Wohnung, starrt Löcher in die Luft. Ihr Gesichtsausdruck ist eingefroren, der Blick schwermütig. Fast sieht es so aus, als hätte Barbara Bethke
nichts zu tun. Doch in ihrem Kopf spielen die Gedanken verrückt, drehen sich um einen einzigen Brennpunkt: Arbeit, Entscheidungen, Zukunftsängste.

Der Arbeitsplatz wird für immer mehr Menschen zur Stressfalle. Berufliche und private, psychische und physiche Grenzerfahrungen lösen auf Dauer einen Burnout aus.
An diese Situation vor knapp zwei Jahrzehnten erinnert sich die heute 46-Jährige aus Wuppertal nur allzu gut. "Ich war Leiterin einer sozialen Einrichtung, dachte von morgens bis abends an meine Arbeit und war ohne Lebensfreude. Einfach erschöpft." Der Beruf wurde zum einzigen Lebensinhalt, Freunde und Familie verschwanden im Hintergrund. Damals wusste die Diplom-Sozialwissenschaftlerin nicht, wie sie ihren Zustand nennen sollte. Heute ist sie schlauer: "Ich hatte einen Burnout."
Die Zahl der Burnout-Betroffenen nimmt zu
Hat jemand viel um die Ohren, gehen derartige Klagen schnell über die Lippen. Burnout - ein Modewort. Doch es ist kein Synonym für alle Stress-Situationen. "Ein Betroffener ist regelrecht arbeitsunfähig, privat und beruflich ausgebrannt. Ohne professionelle Hilfe kommen solche Menschen aus ihrer Situation nicht mehr heraus", sagt Dr. Matthias Dietrich aus Oldenburg, Präsidumsmitglied im Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V.
Von den Gesprächen mit seinen Kollegen weiß der 56-Jährige, dass die Zahl der Betroffenen zunimmt. Eine offizielle Statistik von Verbänden gibt es aber nicht. "Denn das Krankheitsbild ist schwammig. Es ist eine psychische Störung mit physischen Begleiterscheinungen." Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Angstzustände, Erschöpfung bis hin zu Depressionen und körperlichen Beschwerden wie Verdauungsstörungen seien nur einige der zahlreichen Symptome. Die Patienten erscheinen dann in der Statistik unter den genannten Krankheiten, Burnout ist nur ein Sammelbegriff.
Wie viele Burnout-Betroffene bundesweit existieren, bleibt eine Schätzungsfrage. Dennoch: Aus dem Gesundheitsreport 2005 der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) geht hervor, dass zwar der Krankenstand im Jahr 2004 von 3,5 Prozent auf 3,2 Prozent gesunken ist, davon aber 9,8 Prozent auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind - ein Indiz dafür, dass auch die Zahl der Burnout-Betroffenen steigt.
Burnout ist keine Managerkrankheit
Die Ursachen sind vielfältig. Zeitdruck, Überforderung, Angst um den Arbeitsplatz, die Verantwortung für mehrere Aufgaben gleichzeitig, das so genannte Multitasking, werden in einem Atemzug genannt. "Und obendrein kommen noch private Probleme hinzu", sagt Dr. Dagmar Ruhwandl
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie aus München. Als Spezialistin für das Burnout-Syndrom gilt ihr Augenmerk der Prävention: Mit Vorträgen, Seminaren und persönlichen Beratungen leistet sie Aufklärungsarbeit, berät vorwiegend Berufstätige aus der Wirtschaft, Industrie und dem öffentlichen Dienst. Viele davon sind Führungskräfte.
Eine Managerkrankheit ist Burnout aber nicht. In den 70er-Jahren führte der New Yorker Arzt und Psychotherapeut Dr. Herbert Freudenberger den Begriff erstmalig in die Medizin ein. Damals wurde das Syndrom gehäuft bei den helfenden Berufsgruppen, also bei Krankenschwestern, Erziehern, Sozialarbeitern festgestellt, dann kamen Lehrer und Manager hinzu. "Heute zieht sich die Krankheit quer durch die Gesellschaft", so Ruhwandl, denn nicht nur Überforderung, sondern auch Unterforderung seien ernst zu nehmende Stressfallen. Berufstätige, die in ihrem Job keine Herausforderung und wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage keine Möglichkeit der Weiterbildung finden, seien auf Dauer gleichermaßen frustriert.
Wege aus der Stressfalle
Grund zur Panik besteht aber nicht, Burnout ist heilbar. Wer bereits die ersten Warnsignale wahrnimmt, kann mit Entspannungstechniken oder Selbsthilfegruppen etwas dagegen tun. Im fortgeschrittenen Stadium sollten Betroffene über eine Therapie nachdenken. Informationsstellen gibt es mittlerweile reichlich.

Die Notbremse zu ziehen und eine Pause einzulegen sind die ersten Schritte, um aus der Burnout-Krise herauszukommen. Doch die Betroffenen müssen das erst wieder lernen.
Einige dieser Kontaktstellen werden heute von Barbara Bethke
geleitet. Sie hat mittlerweile in Wuppertal und Umgebung Selbsthilfegruppen gegründet, ist hauptberuflich Business- und Management-Coach und arbeitet ehrenamtlich im Vorstand des Burnout-Forums
, eine Internet-Plattform, auf der sich Hilfesuchende anonym austauschen können. Ihr Engagement entstand aus der früheren, eigenen Betroffenheit, sie weiß, wo die Probleme liegen. "Heutzutage ist die Angst groß, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, wenn man Probleme anspricht." Dabei sei das der erste Schritt zur Veränderung und Heilung. Ihre Hauptarbeit besteht darin, den Teilnehmern "das Sprechen wieder beizubringen": In den Selbsthilfegruppen lernen die Anwesenden, wie sie mit Mitarbeitern und Vorgesetzten reden sollen, wie sie mit autogenem Training
einfache Entspannungstechniken in den Arbeitstrott integrieren können. Denn die Erholung darf "nicht nur am Wochenende, sondern muss bereits während der Arbeitsstunden stattfinden", sagt Bethke.
Die Ratschläge helfen ihr selbst im Alltag. Im ihrem Wuppertaler Büro hat sie ein Wandbild aus Tibet aufgehängt. Darauf ist eine rechtsdrehende Spirale zu sehen, die sich in warmen Erdtönen vom hellen Weiß der Wand abhebt. Wenn sie von einem Termin zum nächsten hetzt, das Telefon sturmklingelt oder schwierige Entscheidungen anstehen, dann richtet sie Ihren Blick auf das Kunstwerk, holt tief Luft, entspannt sich mithilfe von Konzentrationstechniken. Jetzt sieht Barbara Bethke keine Löcher mehr in der Luft, sondern eine Spirale, die ihr bildlich den Weg zur inneren Mitte weist.

Tipp: Service-Box
Bundesweit werden Selbsthilfegruppen organisiert. Auf der Homepage der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
, kurz NAKOS, können Betroffene in der großen Datenbank nach Adressen für Selbsthilfegruppen suchen.
Wer anonym bleiben möchte, kann sich an den gemeinnützigen Bundesverband der Burnout Initiativen Deutschlands e.V.
(BBID e.V.) wenden. Die Gründungsmitglieder waren teilweise selbst betroffen und haben ein Online-Forum eingerichtet, auf dem registrierte Mitglieder per Mausklick ihre Erfahrungen mit Gleichgesinnten teilen können.
Einer der Gründungsväter dieses Vereins ist Waldemar Christians, Diplom-Ökonom und europäisch zertifizierter Psychologe (ECP). Sein Motto: "Wer in der Wirtschaft erfolgreich sein möchte, muss im Privaten mit sich selbst im Reinen sein." Christians arbeitet im Bereich der Wirtschaftspsychologie und leitet das Institut für Wert-Schöpfung
. Zu seinen Hauptaufgaben zählen Beratung und Coaching.
Vorsitzende des BBID e.V ist Barbara Bethke
. Sie bildet Burnout-Berater aus allen Berufssparten aus. Zu ihren Auftraggebern zählen sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen. Ein Buch zum Thema "Selbsthilfemethoden gegen das Burnout" wird im Herbst erscheinen. Darin beschreibt die Buchautorin, wie die psychischen Kräfte mit einfachen Mitteln und moderner Kunst gestärkt werden können.
Ein umfassendes Informationsangebot zum Thema bietet auch die Burnout-Expertin Stephanie Dann
auf ihrer Seite. Dort gibt es ein Weblog mit Neuigkeiten und Erfahrungsberichten. Sie selbst veranstaltet Workshops und gibt als Beraterin Anleitungen zur Ursachenbekämpfung.

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Leser haben folgende Kommentare abgegeben:
Am 05.11.2009 23:37:29 schrieb <Anonym>:
Burn Out? Ich weiß nicht, ob ich mit diesem Schlagwort umgehen kann. Vermutlich bin ich betroffen. Ich befinde mich in fachärztlicher Behandung. Habe aber das Gefühl, trotz Langzeitterepie ( 45 Gespräche ) und einer Kurmasnahme mich nicht besser zu fühlen. Vom Arbeitgeber (Land NRW) fühle ich mich allein gelassen. Ich habe trotz Bemühungen keinen kompetenten Ansprechparter, sprich Untrstützer, gefunden. Ich hänge in der Luft und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Meine Existens und der meiner Familie ist trotz 36 jähriger Berufstätigkeit nicht gesichert. Wege aus der Krankheit kann man sich nur mühsam selbst zusammen suchen. Es ist ein Dilemma. Solange man funktioniert ist alles klar. Braucht man Hilfe bricht das Kartenhaus zusammen. Arbeitskollegen, die nicht betroffen sind, und das gilt insbesondere für Vorgesetzte, haben kein Verständnis für die Krankheit. Ohne die Unterstützung meiner Frau weiß ich nicht was passiert wäre. Ich wünsche allen Betroffenen, das sie einen Weg finden, Hilfe zu finden. Wartet nicht zu lange um trotz aller Hindernisse professionelle Hilfe zu suchen. Redet offen über das Problem. Es hilft dann allen. Ein Tabuthema ist es lange nicht mehr. Ich bin Polizeibeamter seit fast 36 Jahren. Alles Gute
Am 30.12.2008 19:28:55 schrieb <Anonym>:
Seit Mai 2006 - nun also 2,5 Jahren bietet http://burnout-infos.foren-city.de/ Informationen, Hilfen und sammelt kontinuierlich verschiedenste Erfahrungen Betroffener, sowohl in einem Forum als auch in einer Selbsthilfegruppe.
Interessierte sind herzlich Willkommen
Site Admin
Am 22.05.2008 00:15:50 schrieb <Anonym>:
Als aktuelle Hilfestellung zum Themenbereich BurnOut wurde eine neue Plattform geschaffen: http://www.burn-out-forum.de. Dort werden von Betroffenen gesammelte Informationen und Hilfestellungen angeboten. Zum gegenseitigen, diskreten Austausch wurde ein moderiertes und entsprechend geschütztes Forum installiert. Wir würden uns über einen Besuch freuen!
Am 07.11.2006 13:54:47 schrieb <Anonym>:
Mein Mann hat Burnout im fortgeschrittenen Stadium, hat bereits einen Klinikaufenhalt hinter sich,hat nichts gebracht,hat darauf hin seine Familie verlassen braucht nur noch sich selber oder irgendwelche Liebschaften, helfen lassen will er sich nicht mehr. Was können wir tun, garnichts.... oder gibt es etwas
Am 24.09.2006 16:31:39 schrieb <Anonym>:
Was kann man ineiner Firma tun, um Burnout zu vermeiden und wie kann man einen Mitarbeiter bei der Gesundung unterstützen, wenn er Burnout hat???
Am 13.04.2006 15:20:30 schrieb <Anonym>:
interessanter Artikel
Am 28.10.2005 10:34:09 schrieb <Anonym>:
Das ist auch nur ratsam, wenn Ihr Arzt für die Problematik sensibilisiert ist - das gilt leider nicht für alle. Sonst sind aber Selbsthilfegruppen (siehe die Links im Artikel) und einschlägige Foren im Internet eine gute Anlaufstelle, um sich dem Problem erstmal zu stellen und zu sehen, wie man die eigene Lösung dafür findet.
Am 28.10.2005 09:16:07 schrieb <Anonym>:
es war für mich gut zu lesen ich denke das ich es habe aber auch angst zum arzt zu gehen
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