Basel II in der Praxis: Vom Rating zum Bankkredit
Jedes Kreditinstitut muss bei der Vergabe eines Kredites einen Prozentsatz der Kreditsumme - gewichtet nach einem bestimmten Risikofaktor - mit Eigenkapital (EK) unterlegen:
Kreditsumme * Prozentsatz * Risikofaktor = EK-Unterlegung
Das früher etablierte Verfahren der Risikoeinschätzung führte in der Praxis dazu, dass sich insbesondere bei kleineren und mittleren Unternehmen ein mehr oder weniger einheitliches Zinsniveau bildete. Dieses Zinsniveau berücksichtigte jedoch die individuelle Bonität des Kreditnehmers nur unzureichend. Kreditnehmer mit (sehr) guter Bonität in einem wachstumsstarken Marktumfeld zahlten eher einen zu hohen, Kreditnehmer mit schwacher Bonität einen zu geringen Risikoaufschlag.
Basel II verfolgt den Ansatz, den einzelnen Kreditnehmer mit einer persönlichen Risikobewertung bzw. einer Einteilung in eine Risikoskala zu versehen und damit einen "richtigeren" Preis (= Zins) für seinen Kredit anzulegen. Diese Bewertung des Kreditnehmers wird als Rating bezeichnet.
Ein Rating ist das Ergebnis einer stichtagsbezogenen Bonitätsanalyse des Kreditnehmers. Ratings sind also Bewertungen, die die zukünftige Fähigkeit eines Kreditnehmers darstellen, seinen Zahlungsverpflichtungen in der Zukunft pünktlich und in vollem Umfang (Zins und Tilgung) nachzukommen. Dabei wird die Höhe des Risikos in einer Ausfallwahrscheinlichkeit für den einzelnen Kreditnehmer ausgedrückt.
Das Rating geht allerdings weiter als die bisherige Kreditwürdigkeitsprüfung. Wurden bislang vor allem das Vorhandensein harter Sicherheiten und einige finanzwirtschaftliche Kennzahlen berücksichtigt (und damit eine Orientierung an Vergangenheitszahlen), so beschäftigt sich nun das Rating erheblich mehr und zusätzlich mit zukünftigen Chancen und Entwicklungen des Unternehmens.
Im Kern geht es bei Basel II also darum, dass Banken und Sparkassen die an sie gestellten Kapitalanforderungen vom ökonomischen Risiko einer Kreditvergabe abhängig machen.
Je schlechter das Rating eines Unternehmens - umso größer also das Risiko - desto höher die Eigenkapitalunterlegung, desto teurer für das Kreditinstitut, desto teurer der Kredit für den Unternehmer.
Bei Banken oder Sparkassen wirken sich die Regelungen nach Basel II wie folgt aus: Bei einer fiktiv angenommenen Kreditsumme von 1 Mio. Euro kann sich für ein Unternehmen mit sehr guter Bonität eine Gewichtung von 20 % ergeben (damit 16.000 Euro EK-Unterlegung), für ein Unternehmen mit mangelhafter Bonität eine Gewichtung von 150 % (damit 120.000 Euro EK-Unterlegung für die Bank).
Kurz gesagt: Je höher das Risiko bei einer Kreditvergabe durch ein schlechtes Rating eingestuft wird, umso "teurer" wird dieses Geld für die Bank - weil sie dann deutlich mehr Eigenkapital hierfür hinterlegen muss (das dadurch gebunden ist und nicht anderweitig eingesetzt werden kann) - und um so teurer wird entsprechend dieser Kredit für den Antragsteller.
Die Konditionengestaltung bei der Kreditvergabe stellt sich damit wesentlich differenzierter dar als bislang üblich. Die Auswirkungen kann man sich bereits jetzt bspw. an der Konditionentabelle der KfW-Mittelstandsbank anschauen. Die wichtigen Förderkredite für Existenzgründer und Unternehmen haben keinen einheitlichen Zinssatz mehr, sondern eine "Zinsspanne" - abhängig vom jeweiligen, individuellen Risiko. Je nach "Preisklasse" differiert der Effektivzins bei ein und demselben Darlehen damit um mehr als 3 % - je nach Rating des Darlehensnehmers.
Ein zentrales Thema der Ausgestaltung von Basel II waren die möglichen Auswirkungen der neuen Eigenkapitalregeln auf die Verfügbarkeit von Bankkrediten und auf die Kreditkonditionen für den Mittelstand. Angesichts der großen Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen für Innovationen, gesamtwirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung lag das Hauptaugenmerk der deutschen Verhandlungsdelegation darauf, bei der Konzeption von Basel II die Besonderheiten des Mittelstands zu berücksichtigen, um eine Benachteiligung kleiner und mittlerer Firmen auszuschließen.
Aktueller Stand ist: Kredite an kleinere Unternehmen, d. h. wenn sie insgesamt nicht mehr als 1 Mio. Euro umfassen, werden in das "Privatkundenportfolio" integriert, wodurch sie sich z. B. ein sehr zeit- und kostenintensives "externes" Ratingverfahren durch Ratingagenturen ersparen. Ein "internes" Rating nimmt die Hausbank vor.
Welche Fördermöglichkeiten es gibt bzw. wie und wo Sie Kredite erhalten, lesen Sie im Ratgeber "Fördermittel und Kredite für kleine und mittlere Unternehmen".
