Keine Aufträge = keine Arbeit?
Wenn in einem Monat mal keine Termine oder Aufträge anliegen, bin ich froh. Nicht, dass ich nicht auch mit Arbeit mein Geld verdienen würde. Aber sie stört manchmal bei all den vielen Dingen, die ich auch noch machen möchte. Und während ich mich noch über die freie Zeit freue, droht schon wieder ein Kunde mit einem Auftrag. Dann bin ich auch froh. - Wie akademie-Autor Lorenz Hölscher Phasen beruflichen Misserfolgs überlebt.
Et hätt noch immer jot jejange
Meine Technik, schwierige Phasen zu meistern, ist angelehnt an das (zwischen Wahnsinn, Naivität und Glück pendelnde) rheinische Grundgesetz: "Et hätt noch immer jot jejange!". Um dieses Grundgesetz zu verinnerlichen, braucht es nicht nur gute Nerven und ein kleines finanzielles Polster, sondern etwas Vorbereitung und Erfahrung. Kurz und gut, das ist nix für Berufsanfänger.
Aber Sie können dem Glück etwas nachhelfen: wenn es in Ihr berufliches Umfeld passt, sollten Sie dafür sorgen, dass Sie unterschiedliche Arten von Aufträgen haben. Bei mir ist es inzwischen eine Mischung aus Schulungen, Programmierungen und Schreibtätigkeiten. Das sorgt nicht nur für abwechslungsreiche Arbeit, sondern vor allem für unterschiedliche Bezahlungsphasen:
Schulungen sind nach ein bis drei Tagen beendet und werden typischerweise gesammelt zum nächsten Monatsende bezahlt. Der Abstand zwischen Arbeit und Bezahlung ist sehr gering.
Programmierungen dauern bei mir von ein paar Tagen bis zu mehreren Jahren (wenn auch nicht Vollzeit) und lassen sich gut zwischen die Schulungen einschieben, um die Lücken zu füllen. Hier gibt es eher mal Abschlagszahlungen, bevor der Auftrag wirklich komplett fertig ist.
Schreibtätigkeiten passen wiederum in die immer noch verbleibenden Leerzeiten, oftmals im Zug oder (bei Büchern) durchaus wochenlang konzentriert am Bürotisch, vor allem erzeugen sie Bezahlungen weit nach der eigentlichen Tätigkeit.
Wenn ich also eine berufliche Durststrecke habe, dann ist das eine unterbrochene Auftragszeit, nicht aber notwendigerweise eine unterbrochene Bezahlung. Die Einnahmen aus Büchern oder Artikeln laufen weiter als eine Art Hintergrundrauschen. Davon könnte ich nicht leben, aber das federt die Panik deutlich ab.
Keine Aufträge = keine Arbeit?
Immer wieder gerne übersehen wird der Nicht-Zusammenhang zwischen Arbeit und Geld verdienen. Aus arbeitnehmerischer Gewohnheit denkt man oft, mit Arbeit würde man Geld verdienen. Das ist falsch, wie Ihnen viele Frauen aus eigener Anschauung mit der (Haus-)Arbeit bestätigen können.
Arbeit macht Mühe, wird aber nicht notwendig bezahlt. Deswegen ist auch die Bezeichnung arbeitslos falsch, die Menschen sind in Wirklichkeit erwerbslos. An Arbeit muss es ihnen gar nicht mangeln, sie erhalten nur keine Entlohnung dafür.
Für Ihre "berufliche Durststrecke" müssen Sie daher zuerst einmal prüfen, an was es Ihnen mangelt: an Arbeit oder an Geld oder an Erfolg. Da versteckt sich nämlich das zweite Missverständnis, denn Sie können für Ihre Arbeit auch mit Zuwendung, positiver Bestätigung oder sonst einem guten Gefühl entlohnt werden, nicht nur mit Geld. Das hilft zwar nur wenig, wenn Sie Ihre Miete bezahlen müssen, wird an Wichtigkeit aber deutlich unterschätzt.
Gerade wenn Sie keine Aufträge haben, ist es Arbeit, neue zu akquirieren. Solange alles gut läuft, fällt diese Art Arbeit gerne mal unter den Tisch. Ich habe es da zugegebenermaßen sehr bequem, weil ein Kollege für mich die Akquise macht und ich nur noch nicken muss, ob ich einen Auftrag übernehmen möchte.
Mein Anteil an der Akquise besteht aber in der Weiterbildung, denn wenn ich keine neuen Techniken lerne, bin ich irgendwann raus aus dem Geschäft. Es ist zuerst einmal unproduktiv, mühsam Neues zu erwerben, und ich muss gestehen, dass ich das oft auch erst unter dem Druck eines neuen Auftrags mache, aber gerade die berufliche Durststrecke ist ein optimaler Zeitpunkt, sich mit so etwas zu beschäftigen.
Ich entwickle in solchen Auftragslücken eher mal ein Konzept für ein längst erledigtes Projekt, welches wegen knapper Termine oder unpassender Kundenwünsche nur so gerade eben an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Dann kann ich für mich mal durchspielen, wie es eigentlich ordentlich hätte gemacht werden sollen. Als Software-Entwickler kostet das kein Material, sondern nur meine Arbeitszeit. Und davon habe ich in solchen Phasen ja ausreichend.
Leerzeiten nutzen
Daraus entwickeln sich aber oftmals fruchtbare Erkenntnisse für die nächsten Projekte oder sogar ein Angebot für eine andere Firma, weil ich mich plötzlich austoben konnte und es damit ordentlich gelöst wird. Bei der Gelegenheit kann ich dann gleich ein paar Techniken durchspielen, von denen ich zwar schon gehört hatte, für die aber keine Zeit im laufenden Projekt war. Und siehe da, wenn ich das damals gewusst hätte, wäre es vielleicht einfacher gewesen ...
Warum eigentlich immer "Weiter so"?
"Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst!" Und was macht der Sultan also? Genau, er macht Pause! Wenn die berufliche Tretmühle sich einmal ohne Sie weitergedreht hat, lehnen Sie sich ein wenig zurück und verschnaufen. So können Sie besser die Konkurrenz oder die Kollegen strampeln sehen.
Sie erhalten dadurch unfreiwillig die Möglichkeit, einmal in Ruhe in die Zuschauerrolle zu wechseln, sozusagen auf die Meta-Ebene. Viel zu selten gönnen wir uns die Chance, innezuhalten und mal über das nachzudenken, was wir gerade machen.
Per Richtungswechsel zum Geschäftserfolg
Wenn Sie nicht einfach weitermachen wollen, zeigt Ihnen der Beitrag "Geradeaus ins Abseits - oder per Richtungswechsel zum Geschäftserfolg?" Anregungen, wie Sie sich verändern können.
Wetten, Sie denken jetzt schon wieder darüber nach, wie Sie den nächsten Auftrag an Land ziehen, wie Sie mit noch mehr Einsatz diesen Verlust wettmachen? Welchen Verlust? Sie haben gar kein Geld verloren, Sie haben nur kein neues bekommen. Das ist ja an sich nicht schlimm, wenn es nicht zu oft oder zu lange auftritt.
Da können solche Zwangspausen der Anlass sein, mal über sich und sein Arbeitsleben nachzudenken. Mitten im Projekt lassen sich schlecht die Brocken hinschmeißen, aber vielleicht sehen Sie sich mal nach etwas Anderem um? Selbstständig machen, wieder zurück in ein Angestellten-Verhältnis, eine Ausrichtung auf andere Zielgruppen, neue Techniken, was auch immer. Dann ist die berufliche Zwangspause eine Verschnaufpause.
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Das sind sehr wichtige Hinweise! Einen weiteren habe ich noch für den Fall, dass die Auftragsflaute einfach nicht kommen will und die Arbeit kein Ende nimmt. Ich habe es irgendwann akzeptiert, dass ich es nicht schaffe, eine 40-Stunden-Woche einzuhalten: Nachtarbeit, Wochenendarbeit, und immer will man noch mehr Aufträge haben. Bis ich mir irgendwann gesagt habe: Gut. Wenn ich schon mehr als 50 Stunden in der Woche arbeite, dann habe ich künftig wenigstens drei Monate Urlaub im Jahr - das sind im Jahresdurchschnitt dann wieder etwa 40 Stunden pro Woche. Das geht - und es ist ganz herrlich! Aber das geht nicht von selbst. Die Urlaube muss man planen, am besten gleich am Jahresbeginn, sonst verschiebt man sie doch nur unter aktuellem Druck. Aber wenn man es hinkriegt, dann ist das eine ganz tolle Alternative zur Disziplinlosigkeit beim Feierabend-Machen. Und endlich ist einem mal der Neid der angestellten Kollegen gewiss!
Goetz Buchholz
Toller Artikel! Sehr Motivierend!