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Datenautonomie in Zeiten von PRISM, XKeyscore und Tempora

Freiheit und Transparenz haben ihren Preis. Aber: Wir können uns wehren.

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Stand: 19. August 2013

In den 50er- und 60er-Jahren war die Rede vom mächtigen „military industrial complex”. Damit war die enge Verflechtung von Vertretern des Militärs, Politikern, Denkfabriken und Industrieunternehmen (insbesondere der Rüstungsindustrie) gemeint, die die Steuerung der Politik, vor allem die Außenpolitik, immer mehr zu übernehmen drohte. In seiner Abschiedsrede vom 17. Januar 1961 appellierte der damalige Präsident Dwight D. Eisenhower in einer Mischung aus Verzweiflung und Resignation an die US-Öffentlichkeit:

Zitat Anfang

Wir in den Regierungsgremien müssen uns vor ungerechtfertigtem Einfluss, ob bewusst angestrebt oder unbeabsichtigt, durch den militärisch-industriellen Komplex schützen. Das Potenzial für eine katastrophale Zunahme an fehlplatzierter Macht ist gegeben und wird auch weiterhin bestehen. Wir dürfen es nie zulassen, dass der Einfluss dieser Verbindung unsere Freiheiten oder unsere demokratischen Prozesse gefährdet.

Wir sollten nichts als gegeben hinnehmen. Nur wachsame und informierte Bürger können erzwingen, dass die gigantische industrielle und militärische Verteidigungsmaschinerie mit unseren friedlichen Methoden und Zielen in Übereinstimmung gebracht wird, sodass Sicherheit und Freiheit gemeinsam wachsen und gedeihen können.

Zitat Ende

Ähnlichkeiten und Unterschiede zu heute

Eisenhowers Worte klingen heute leider immer noch aktuell. Es gibt aber einen ganz wichtigen Unterschied zwischen dem von Eisenhower genannten „military industrial complex” und der heutigen, unheilvollen Verflechtung von Politik, Nachrichtendiensten, Militär sowie Telekommunikations- und Internetdiensten, die Edward Snowden und die Whistleblower vor ihm der Öffentlichkeit enthüllten.

Im Gegensatz zu damals sind wir jetzt als Verbraucher und Bürger selber mitten im Geschehen. Die fraglichen Firmen haben nicht nur den Staat als Kunden, sondern auch uns. Wir sind für Sie Objekt, Rohstoff und Kunde in einem – und als solcher haben wir die Macht, uns zu verknappen. Wir können mit den virtuellen Füßen abstimmen und nur solche Dienste benutzen, die unsere Forderungen zumindest ernst nehmen. Wir können einen Markt für Dienstleistungen schaffen, die unseren Wünschen nach Datensicherheit Genüge leisten.

Es ist natürlich vollkommen legitim, kostenlose Produkte und Dienstleistungen anzubieten – als vertrauensbildende Maßnahme, als Werbemaßnahme, als Kompetenznachweis oder als Teil sozial- und netzpolitischer Aktionen. Wenn aber ein Unternehmen als Geschäftsmodell kostenlos Produkte oder Dienstleistungen anbietet und „nichts weiter” von Ihnen will als Ihre Daten, sollten inzwischen die Alarmglocken klingeln.

Frei ist nicht umsonst

Freiheit und Transparenz haben aber schon ihren Preis. Wir müssen anfangen, AGB und Datenschutzerklärungen wirklich zu lesen und ggf. bei den herausgebenden Firmen Fragen zu stellen. Wir müssen aufhören, uns wie kleine Kinder zu verhalten und allem nachzulaufen, was eine noch einfachere Kommunikation verspricht, uns noch besser mit „unseren Freunden vernetzt”, im Austausch gegen Werbung zum Nulltarif angeboten, kurz: noch bequemer, schicker und obendrein kostenlos ist. Schließlich glauben wir als erwachsene Menschen auch nicht an den Weihnachtsmann oder den Osterhasen.

Wir können nicht nur Druck auf die eigene Regierung ausüben, sondern vor allem auch auf Internet-Dienstleister. Wir können uns auch schützen. Keiner zwingt uns, google.com oder google.de zu besuchen und jede unserer Suchanfragen „tracken” zu lassen. Es gibt gute Alternativen zu Google Analytics. Wir müssen nicht Gmail benutzen oder andere kostenlose Dienste, die im Gegenzug unsere E-Mails mitlesen, auswerten und an die NSA weitergeben. Wir können uns angewöhnen, unsere E-Mails zu verschlüsseln – schließlich kleben wir auch unsere Briefumschläge zu. Wir können anonym browsen – jedenfalls weitgehend – mit Diensten wie Tor (und diese natürlich auch handfest und mit Spenden unterstützen). Wir können Ad-Blocker einsetzen, jedenfalls so lange, wie nicht klar ist, wo unsere Daten landen. Wir müssen uns nicht von Facebook und Google-Plus-Buttons jagen lassen – schalten wir diese Bauernfängerei einfach mal aus.

Wir bei akademie.de möchten Ihnen Mittel und Wege zeigen, wie Sie selber Ihr Netzleben in die Hand nehmen. In den nächsten Tagen und Wochen erscheinen bei akademie.de weitere Beiträge mit Hintergrundinformationen und praktischen Tipps, damit Sie ganz konkret sich und Ihre eigenen Daten schützen und Ihr Leben im Netz neu, besser und sicherer organisieren.

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Über die Autorin:

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Ray M. Rosdale ist Historikerin, Unternehmensberaterin und Mitgründerin von akademie.de. Seit über 20 Jahren konzipiert und implementiert sie IT- und Internet-Projekte. Ein besonderer inhaltlicher Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Frage nach brauchbaren, erfolgreichen Geschäftsmodellen, insbesondere für Contentangebote im Netz.

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