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Drehbuch schreiben für Einsteiger

Eine gute Figur machen

Filmdiskussion: Lösungsansatz

  • Das Schweigen der Lämmer: Clarices Ziel ist es, Buffalo Bill zu schnappen. Genau das tut sie in den letzten, teuflisch spannenden Minuten des Films.

    Clarices Bedürfnis ist es, nicht zu versagen. Nicht wie damals, als sie das Lämmchen retten wollte, das ihr dann einfach aus den Armen gerissen wurde. Clarice strahlt dieses Bedürfnis durch ihr Überkompensieren (immer die Beste sein, alles ganz genau wissen, nicht nachgeben) geradezu aus.

    Die „Lämmer zum Schweigen bringen“ ist das Bild für ihr Bedürfnis. Die Lämmer schweigen nur, wenn sie (dieses Mal) nicht versagt.

    Ziel und Bedürfnis ergänzen sich, sind quasi auf einer Linie. Wenn Clarice Buffalo Bill stellt, hat sie in dem Moment auch ihr Bedürfnis gestillt. Sie ist erwachsen geworden.

    Das Schweigen der Lämmer sticht dadurch, dass die Protagonistin ein so prägnant vorhandenes Bedürfnis hat, aus einer Vielzahl von Thrillern und Actionfilmen heraus.

  • Auf der Flucht: Dr. Kimbles Ziel ist Freiheit. Deswegen muss er herausfinden, wer der Mörder ist. Was passiert nämlich am Schluss des Showdowns, wenn Deputy Gerard und Kimble aufeinandertreffen? Gerard lässt die Handschellen weg und verhaftet ihn nicht. Ziel erreicht.

    Bedürfnis: Das Bedürfnis ist der entscheidene Faktor zur Wandlung. Ohne Bedürfnis kann der Protagonist sich nicht wandeln. Er kommt unverändert aus dem Film heraus. Wandelt sich Kimble? Nein. Hatte Kimble in seiner normalen Alltagswelt, in der er verheiratet war, eine Schwäche? Nein. Seine Welt und er selbst waren perfekt, bis der Mord geschah. Kimble hat kein Bedürfnis. Am Ende des Films ist er nicht erwachsener. Er ist der gute, alte Dr. Kimble, nur rehabilitiert.

    „Auf der Flucht“ ist ein Film, in dem sich der Antagonist wandelt: Deputy Gerard ist derjenige, der sich ändert. Er, dem es vorher noch „scheiß egal“ war, ob Kimble unschuldig ist, lässt auf einmal die Handschellen weg. Die Wandlung des Antagonisten ist ein Ausnahmefall.

  • Ganz oder gar nicht: Gaz' Ziel ist „mit Männerstrip Kohle machen“. Das ist die Hauptspannung im Film, die man auch mit der Frage „Wird es Gaz und seinen Jungs gelingen, mit ihrem Strip Geld zu machen?“ deutlich machen kann.

    Sein Bedürfnis, und das sollte man bei einem Großmaul wie Gaz nicht denken, ist „Selbstbewusstsein bekommen“.

    Der ganze Film kreist eigentlich um das Thema „Selbstbewusstsein“. Dem ganzen Ensemble um Gaz mangelt es daran. Deswegen sind sie alle Loser.

    Dass mangelndes Selbstbewusstsein Gaz' echte Schwäche ist, merkt man zum ersten Mal, wenn Nathan sein Sparkonto für ihn plündert. Gaz will ihn davon abhalten, weil er sich selbst nicht traut.

    In der Klimax kämpft er eigentlich gegen sich selbst. Er traut sich nicht. Nathan übernimmt den Part des Erwachsenen und schickt ihn auf die Bühne. Ergebnis: Endlich hat Gaz mal was komplett durchgezogen. Die Menge jubelt. Gaz ist glücklich. Er hat es sich und den anderen gezeigt. Er ist ein anderer. Ziel und Bedürfnis arbeiten sich zu. Wenn er sein Ziel erreicht, gewinnt er auch an Selbstbewusstsein.

Haben Sie die gleiche Lösung für die Aufgabe erarbeitet? Wenn nicht, keine Sorge. Die Aufgabe ist nicht trivial. Vieles daran wird im zweiten Kapitel klarer werden, wenn es um den Plot geht.

Noch einmal zur Verdeutlichung:

Für das Festnageln des Ziels gelten zwei Kriterien:

  • Es ist immer ganz konkret.

  • Die Entscheidung, ob der Protagonist es erreicht oder nicht, fällt erst in den letzten Minuten des Films (in Klimax/Showdown).

Für das Festnageln des Bedürfnisses gelten drei Kriterien:

  1. Es ist nicht so konkret wie das Ziel. Es ist eher etwas, was der Figur insgeheim fehlt, damit sie sich rund fühlt.

  2. Im Gegensatz zum Ziel, das die Figur ja erst dann hat, wenn sie aus ihrer gewohnten Welt hinauskommt oder hinauskommen will, ist das Bedürfnis schon von Anfang an da.

  3. Im Gegensatz zum Ziel ist das Bedürfnis universell für alle Menschen verständlich.

Beispiel:

Wahrscheinlich könnte kein Eingeborener auf Papua verstehen, warum eine Figur alles mögliche anstellen würde, um an das neue Macbook Air zu kommen (Ziel). Aber er könnte es dann sehr gut verstehen, wenn hinter diesem Ziel das Bedürfnis nach Anerkennung stecken würde. Das kennen nämlich alle Menschen.

Es gibt allerdings durchaus Filme, bei denen der Protagonist kein Bedürfnis, sondern nur ein Ziel hat. Das funktioniert. Allerdings fehlt dem Film dann ein universelles bzw. emotionales Element. Problematisch wird es, wenn der Protagonist kein Ziel hat. Dann passiert meistens eigentlich nicht viel im Film, denn der Protagonist lässt sich einfach nur treiben. Ein Beispiel dafür wäre Lost in Translation.

Das Ziel ist, wie gesagt, das Rückgrat des Films. Und deswegen braucht man es unbedingt, wenn man selbst einen Film schreiben will.

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Über die Autorin:

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Iris Leister lernte das Handwerk des Drehbuchschreibens unter anderem an der UCLA in Los Angeles. Sie war außerdem jahrelang eine der Stammautorinnen des interaktiven Hörspielkrimis "Der Ohrenzeuge" auf RBB Radio Fritz. Nach diversen Kurzgeschichten hat Iris Leister im Mai 2008 ihren ersten Roman veröffentlicht, zu dem sie den gleichnamigen Blog Novembertod betreibt. Ihr Mystery-Thriller "Die unsterbliche Beute" wurde 2009 zum Drehbuchpreis DER CLOU für das beste Krimi-Konzept nominiert.

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