Fachtexte schreiben, die gelesen werden

Von: Barbara Brecht-Hadraschek
Stand: 15. Mai 2012
5
(3)
Beitrag bewerten
Anmelden um Kommentare zu schreiben

Spinnen Sie einen roten Faden!

Sie haben jetzt ein gutes Thema für Ihren Text - das ist Ihr Fundament. Jetzt konstruieren Sie die Pfeiler: Die inhaltliche Gliederung, die Textstruktur, die das ganze Gebäude tragen muss. Diese Struktur sollte übrigens schon in groben Zügen stehen, bevor Sie mit dem Schreiben und Recherchieren beginnen. Zur Bedeutung der Textstruktur meint der Schriftsteller T. S. Elliot:

"Wenn die Phantasie gezwungen wird, innerhalb eines strengen Rahmens zu arbeiten, wird sie bis zu ihrem Äußersten belastet. Wird dem Werk völlige Freiheit gewährt, dann ufert es aus."

Das heißt für Sie, dass Sie schon vor dem eigentlichen Schreiben und vor der Detailrecherche eine klare Vorstellung davon haben sollten, wie Sie Ihren Artikel aufbauen wollen. Was wird am Anfang, im Hauptteil und am Schluss stehen? Das heißt nicht, dass Sie nicht mehr offen sein sollen für interessante Aspekte, die sich im Laufe der Recherche ergeben. Aber Sie ersparen sich viel Arbeit, wenn Sie sich immer wieder klar machen, wo Sie hinwollen.

Orientieren Sie sich an der umgedrehten Pyramide

Ein auch für Fachtexte sinnvolles journalistisches Strukturprinzip nennt sich die "umgedrehte Pyramide". Ob Print, Online, TV oder Radio - Nachrichten und Berichte sind stets so aufgebaut: Alle wesentlichen Fakten stehen in der Überschrift und im Vorspann (im "Lead"). Die ersten Sätze sind damit eine Inhaltsangabe des folgenden Textes, der weitere Details bietet. Die sogenannten W-Fragen werden gleich zu Beginn beantwortet. Dann geht es immer vom Wichtigen zum weniger Wichtigen.

  1. Wer hat was getan? Oder:

  2. Wem ist was widerfahren?

  3. Wann?

  4. Wo?

  5. Wie?

  6. Warum? Und schließlich die 7. W-Frage:

  7. Aus welcher Quelle stammt diese Neuigkeit?

Das heißt: Das Wichtigste - die Kernaussage - muss an den Anfang.

Das Pyramidenmodell hat einen großen Vorteil: Der Leser hat gleich einen Überblick über die Kernaussagen und kann so viel leichter Ihren Ausführungen folgen. Schreiben Sie schon zu Beginn, worauf Sie hinauswollen, dann kann der Leser die folgenden Informationen leichter einordnen und bewerten.

Beachten Sie die Grundregeln für den Aufbau von Ratgebertexten

Im Ratgeber-Journalismus gibt es noch einige weitere Grundregeln für den Aufbau eines Textes, die Sie sehr gut auf Ihren Fachtext anwenden können. Christoph Fasel nennt sie in seinem Artikel "Näher, mein Leser, zu dir!" (Medienpraxis für Journalisten 2/2005):

  1. Beschreiben Sie das Problem, bevor Sie es lösen. Erst wenn Ihr Leser versteht, um was es konkret geht, kann er Ihren Lösungsvorschlägen folgen.

  2. Machen Sie das Problem durch anschauliche Beispiele deutlich.

  3. Kommen Sie dann von dem konkreten Fall immer hin zum Allgemeingültigen. Schließlich soll Ihr Leser nicht das Gefühl bekommen, das Thema beträfe Ihn nicht auch.

  4. Wechseln Sie konkrete und abstrakte Teile in der Argumentation ab. Variieren Sie also Ihre Darbietung. Beschreiben Sie anhand eines Fallbeispiels ein Problem und verdeutlichen Sie anschließend mit Zahlen oder anderen Hintergrundinformationen, wer noch davon betroffen ist. Beispiele bedienen Emotionen, lassen Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Statistische oder wissenschaftliche Hintergrundinformationen sprechen das rationale Bedürfnis an und schärfen den Blick für die weitere Argumentation.

  5. Diskutieren Sie verschiedene Wege zum Ziel. Stellen Sie keine alleinseligmachende Lösung vor, sondern zeigen Sie mehrere.

  6. Beziehen Sie dennoch Stellung. Stellen Sie nicht einfach fünf Lösungswege vor, sondern sagen Sie, welcher warum aus Ihrer Sicht der beste ist.

Kill your Darlings!

"In writing, you must kill your darlings." (William Faulkner)

Ein roter Faden kann dramaturgisch ganz unterschiedlich durch den Text gelegt werden. Wichtig ist: Behalten Sie ihn stets im Auge! Sie haben sicher auch schon Texte nicht zu Ende gelesen oder ungeduldig zwischen den Seiten geblättert, um zu erfahren, was denn jetzt eigentlich Sache ist. Zu viele Abschweifungen langweilen und verwirren. Manche Fachtexte kranken daran, dass der Autor einfach seinen Wissenstand über ein Thema referiert. Doch dieses "Knowledge telling", also das Beschreiben dessen, was Sie wissen und erfahren haben, reicht nicht für einen guten Fachtext. Lenken Sie Ihren Blick auf den Leser! Stellen Sie Ihr Wissen im Text so dar, dass Ihre Leser einen Erkenntnisnutzen haben - dann wird Ihr Text gut!

Das heißt für Ihren roten Faden: Selektieren Sie Ihre Informationen! Ihr Leser muss nicht alles wissen, was Sie über das Thema zu sagen haben. Gehen Sie immer wieder zu Ihrer Botschaft zurück. Und manchmal müssen wir für den roten Faden unsere Lieblinge opfern. Das heißt: Eigene Steckenpferde oder auch Themen, die wir für interessant halten, in denen wir uns besser auskennen, einfach aus dem Manuskript löschen. Fragen Sie sich beim Schreiben und später auch beim Überarbeiten Ihres Textes immer wieder:

  • Ist diese Information relevant für die Fragestellung?

  • Kann ich einen Bezug zum Thema herstellen? Und wenn ja, wie?