Food-Styling für die Food-Fotografie

Erwartungshaltung und aktueller Zeitgeschmack des Verbrauchers

Erwartungen versus Realität

Die Erwartungen und der Geschmack der Betrachter und Verbraucher weichen leider oftmals erheblich von der Realität ab. Das ist nicht nur das Ergebnis einer veränderten Mode oder neuer Trends, sondern vor allem auch eine Folge von Food-Styling in der Vergangenheit. Food-Fotos setzen Trends und verändern den Geschmack. Diese Änderungen wiederum wirken sich auf die Food-Fotografie und das Food-Styling aus. Aber auch geänderte gesellschaftliche Werte, ein anderes Bewusstsein für Essen, Trinken und gesunde Ernährung führen zu einer geänderten Erwartungshaltung der Verbraucher und damit zu einer anderen Beurteilung von Food-Bildern.

Was Verbraucher von Rezepten und Essen erwarten

Wenn Sie verschiedenen Leuten ein Foto von einem perfekten Hähnchen zeigen würden, würden Sie sicherlich bei der Frage, ob sie es als lecker empfinden, zehn im Wesentlichen identische Aussagen bekommen. Bedeutet dies aber gleichzeitig, dass die Befragten im Zweifel ein nicht perfektes Hähnchen nicht essen würden? Sicherlich nicht.

In der Realität sieht ein Hähnchen eben oft nicht perfekt aus, schmeckt aber trotzdem. Es so zu fotografieren, wie es aus dem Ofen kommt, entspricht auf dem Bild jedoch nicht mehr dem Zeitgeschmack bzw. dem, was der Verbraucher in der Werbung, in Kochbüchern und Zeitschriften als das perfekte Hähnchen präsentiert bekommt.

Der Spruch "Das Auge isst mit" hat vor allem in der Food-Fotografie seine Daseinsberechtigung. In der Realität kann ein leckeres Essen auch mit seinem Duft und Geruch punkten - der verführerische Duft eines knusprigen Hähnchens lässt eben schon mal über ein paar optische Unzulänglichkeiten hinwegsehen. Ein Food-Foto kann aber nur durch sein Aussehen wirken. Der leckere Duft entfällt und so konzentriert sich der Betrachter ganz auf das Aussehen und die Optik - die muss daher auch perfekt sein.

Betrachten Sie einmal die folgenden beiden Bilder. Welches der beiden Hähnchen würden Sie als appetitlicher empfinden?

Foto: Food-Styling-Hähnchen.

Foto: Echtes Hähnchen.

Bei dem oberen Hähnchen handelt es sich zwar ebenso um ein echtes Hähnchen wie bei dem unteren und auch das obere habe ich später gegessen; in dem abgebildeten Zustand war es allerdings noch fast roh und keineswegs so knusprig gebraten, wie es im Bild wirkt. Bei dem unteren Bild handelt es sich um ein fertig gebratenes Hähnchen, frisch aus dem Backofen, fertig zum Essen. Und jeder (Vegetarierer mal ausgenommen) würde es wohl mit Genuss essen, wenn es auf den Tisch käme. Dennoch haben beide Bilder eine sehr unterschiedliche Wirkung auf den Betrachter, alleine was die Wirkung des Hähnchens angeht. Aber warum ist das so?

Der Grund liegt ganz einfach in dem, was uns von den Medien als "lecker" eingetrichtert wird! Nehmen Sie einfach mal die Koch-Shows im Fernsehen als Beispiel. Dort werden in der Regel moderne Gerichte gekocht, kalorienarm und gesundheitsbewusst, aber auch mit viel Farbe und optisch schön angerichtet. Das ist zwar nicht das, was der Durchschnittsverbraucher zuhause auf dem Tisch vorfindet, aber die Medien suggerieren den Leuten, dass dies erstrebenswert und lecker sei. Folglich orientieren sie sich an diesem Leitbild. Wenn Sie bei der Beurteilung zweier Fotos die Wahl haben, wählen Sie in der Regel schon mal das farbenfrohere, achten aber auch auf bestimmte Details des abgebildeten Produktes, etwa ob das Hähnchen schön prall, saftig und knusprig wirkt.

Und noch etwas kommt dazu: Wunsch und Realität sind oftmals zweierlei. Was die Menschen gerne essen würden und was dann wirklich auf den Tisch oder den Teller kommt, das sind ebenfalls zwei ganz verschiedene Dinge. Wer sich gerne kalorienbewusst mit viel Salat und Rohkost ernähren würde, aber auf die Frikadellen und Schnitzel mit Pommes in der Kantine angewiesen ist, hat zwar in der Realität nicht die Wahl, wird aber dennoch immer einem Bild den Vorzug geben, auf dem sein Wunschessen verwirklicht wird.

Und: Zumindest theoretisch achten heute viele Leute auf eine gesunde Ernährung (auch wenn dann in der Realität ab und an die Heißhunger-Fastfood-Attacken dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung machen). Gesunde Ernährung mit viel Salat und Vitaminen ist im Trend und setzt daher auch Trends in der Food-Fotografie.

Brötchen mit Schinken, Salatblatt und Schnittlauch, wirkt frisch, lecker und gesund

Sandwich: Durch Salat, Gurken und Tomate ein frischer, leichter Touch, auch dank heller Beleuchtung

Was in der Vorstellung der Verbraucher lecker und gesund ist, wird auch durch gesellschaftliche Entwicklungen in der Einstellung zu Tieren und Umwelt ganz entscheidend beeinflusst. Gleichzeitig prägt uns aber auch eine weitgehende Entfremdung von der Natur. Vor 50 Jahren war es noch durchaus normal, dass Salat auch mit kleinen braunen Stellen gegessen wurde, zumindest wenn diese entfernt und der Salat gewaschen wurde. Heute empfinden viele Verbraucher eine braune Stelle am Salat als eklig und schmeißen dann den ganzen Salat weg. Eine braune Stelle am Salat auf einem Food-Foto wäre vor 50 Jahren vielleicht kein Problem gewesen, ist heute aber ein No-Go: Viele Betrachter würden den Salat als unhygienisch und ungenießbar empfinden, auch wenn er das natürlich keinesfalls ist.

Ähnliches gilt für Fett an Fleisch oder Köpfe und Augen an Fischen.

Während dies früher durchaus normal war und vor allem fettiges Fleisch bei den häufiger noch körperlich schwer arbeitenden Menschen als Kalorienlieferant durchaus begehrt war, ist es heute eher unerwünscht. Selbst beim Grillfleisch hört man häufig "Iiiih, ein Nackenkotelett esse ich nicht, das ist zu fettig!" Dieser Einstellung zu fettigem Fleisch tragen auch die Food-Stylisten in der Regel Rechnung. Wenn es nicht gerade um Gerichte geht, bei denen Fettrand bzw. Kruste ein Muss ist, wie Schweinshaxen oder Krustenbraten, wird auf Fotos möglichst auf Fett verzichtet.

Auch mit Fisch haben viele Menschen heute so ihre Probleme, insbesondere bei ganzen Fischen mit Kopf. Noch vor vierzig Jahren war dieser Anblick völlig normal. Viele Menschen finden Fischaugen und auch die als glitschig empfundene Haut als eklig und abstoßend. Daher haben sie auch mit Fotos so ihre Probleme, auf denen Kopf und Augen gut sichtbar sind.

Foto: Fisch mit Augen

Interessant sind oft Kommentare zu Food-Fotos in Fotocommunities, denn man erkennt daran, wie realistische Fotos auf andere wirken. So habe ich kürzlich unter einem Foto mit einer rohen Wildschweinkeule den Kommentar gelesen "Das dunkle Fleisch wirkt unappetitlich". Unter einem Bild mit einer Schale Pommes, die gar nicht schlecht fotografiert war und auch in meinen Augen lecker wirkte, stand zu lesen: "Die dunkle Spitze der einen Pommes stört mich. Die wirkt abstoßend." Wohlgemerkt, die Spitze war nicht verbrannt oder schwarz, sondern nur minimal dunkler als der Rest. Sicher sind solche Meinungen ein Extrem, die nicht auf die Masse der Bevölkerung zutreffen, aber sie schärfen den Blick dafür, worauf beim Food-Design geachtet werden sollte.

Blutiges Fleisch, ob bei Steaks oder Roastbeef, ist für viele Menschen heute sehr abstoßend. Bei Fotos mit entsprechenden Motiven sollte daher sehr darauf geachtet werden, eher ein zartrosa Fleisch als wirklich dunkelrotes, blutig wirkendes Fleisch zu fotografieren. Das ist nicht immer ganz einfach, wirkt aber auf den Durchschnittsbetrachter einfach besser.

Zartrosa Schweinefilet ...

rosa gebratene Entenbrust

Eine ähnliche Abneigung ist in letzter Zeit bei der Masse der Bevölkerung auch bei leicht grauem Fleisch zu beobachten. Frisches, rohes oder nicht ganz durchgegartes Fleisch wird nun mal bei Kontakt mit Luftsauerstoff grau bis leicht grünlich. Das können Sie beobachten, wenn Sie ein frisches Stück Rindfleisch offen in den Kühlschrank legen. Obwohl diese Verfärbung gerade bei dunklem Fleisch völlig natürlich ist und keineswegs bedeutet, dass das Fleisch schlecht ist, empfinden viele Menschen eine große Abneigung gegen graues Fleisch.

Einerseits soll Fleisch nicht blutig sein bzw. aussehen, grau darf es aber auch nicht sein - genau hier ergibt sich eines der wichtigsten Aufgabenfelder des Food-Stylisten beim Fotografieren von Fleisch.

Bild vergrößernSchön rosa gebratene Entenbrust

das Fleisch, nun deutlich grau

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Über die Autorin:

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Helma Spona ist Fachautorin und Expertin im Bereich Digitalfotografie, Bildbearbeitung, (Website-)Programmierung und Webdesign. Seit einigen Jahren fotografiert sie für verschiedene Bildagenturen vor ...

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