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Leser fesseln mit gelungenen Beschreibungen

Riechen, Hören, Schmecken, Fühlen, Sehen: Texte, die alle Sinne ansprechen, sind unwiderstehlich

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Stand: 13. April 2012 (aktualisiert)

Stilmittel

Keine Zusammenrottungen von Adjektiven und auch von Adverbien

Wenn jetzt der Eindruck entstanden sein sollte, dass es für eine gute Beschreibung genügt, möglichst viele Adjektive oder Adverbien zu benutzen, weit gefehlt. Denn genau das darf nicht passieren. Vielmehr gilt: Achtung, Versammlungsverbot!

Ein kurzer Seitenblick: Den Teilnehmern meiner Drehbuchworkshops muss ich immer wieder die für manche traurige Tatsache beichten, dass Drehbücher nicht gerade der Hort literarischen Schreibens sind. Drehbuchautoren schreiben kurze Sätze und sie schreiben immer im Präsens. Nebensätze existieren kaum. Adjektive und Adverbien sind weitgehend tabu. Das liegt daran, dass die Leser eines Drehbuchs, also Regisseure, Produzenten, Schauspieler und die vielen anderen am Prozess Beteiligten, keine Zeit haben, in Satzlabyrinthen umherzuirren oder sich durch Berge von Adjektiven und Adverbien zu arbeiten. Es ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie wollen wissen, wie es mit der Geschichte vorangeht. Der wichtigste Grund aber ist, dass sie schon beim Lesen den Film sehen möchten.

"Ich bin aber kein Drehbuchautor, was geht mich das an?" werden einige von Ihnen jetzt knurren. Ganz einfach: In der schönen Literatur führen zu viele Adjektive und Adverbien bei Beschreibungen zu genau der gleichen Schwammigkeit wie vage Beschreibungen.

Ein Beispiel: Die blonde Frau ging anmutig die Straße hinab. Weder von der Frau noch von ihrem Gang kann man sich ein Bild machen. Der Text wird beliebig. Und er bekommt den Klang von Trivialliteratur.

Noch einmal zur "Giftschwuchtel": "Immer noch der gleiche verschlagene, gierige Blick, der einem nie direkt in die Augen ging, sondern so knapp daran vorbei, dass man sich nach einer Weile unwillkürlich umdrehte, ob hinter einem jemand Grimassen schnitt, vielleicht ein Haus brannte oder ein Zeppelin vorbeiflog."

Ein anderer Autor hätte es vielleicht bei einem "verschlagenen, gierigen Blick" belassen. Aber Jakob Arjouni ist ein viel zu guter Autor, als dass er die Beschreibung des Blicks der "Giftschwuchtel" mit zwei Adjektiven abhandelte und sowohl Blick als auch Text damit beliebig und trivial werden ließe. Die zwei Adjektive sind nur der Auftakt zu einer sehr exakten, mit Humor gewürzten Beschreibung.

Nicht umsonst gelten Anhäufungen von Adjektiven und auch Adverbien sowohl in der Kurzprosa als auch im Roman als schlechter Stil. Hier schließt sich der Kreis zu den Drehbuchautoren. Um trotz der oben genannten Beschränkungen Texte zu schreiben, die visuell sind und den Leser nicht langweilen, müssen sie für ihre Beschreibungen auf andere Stilmittel als diese Eigenschaftswörter zurückgreifen. Diese anderen Stilmittel sind zum einen Metaphern und Vergleiche. Auf sie werde ich später noch eingehen. Zum anderen gibt es den Trick mit den aussagekräftigen Verben. Um den soll es jetzt gehen.

Lassen Sie lieber Verben arbeiten

Aussagekräftige Verben machen Adverbien gewissermaßen arbeitslos.

Eine Inspiration zum Finden solcher Verben ist diese Übung, die ich von Alessandra Pilar, einer meiner Drehbuchlehrerinnen an der UCLA, übernommen habe:

Aufgabe: Verben, die Action machen

Nehmen Sie einen einfachen Ausgangssatz wie "Auf dem Bett ist eine Puppe." Ersetzen Sie "ist" durch ein Aktionsverb. Also zum Beispiel: "Auf dem Bett thront eine Puppe." "Auf dem Bett lauert eine Puppe." "Auf dem Bett wartet eine Puppe."

Dadurch, dass "ist" durch ein spezifischeres Verb ersetzt wurde, entsteht im Leser jedes Mal ein anderes Bild. Genau das Gleiche passiert, wenn wir nun das "anmutige Gehen" der blonden Frau aus dem Beispiel weiter oben durch ein solches aussagekräftiges, weil spezifischeres Verb ersetzen. Zum Beispiel: "Sie glitt" oder "sie schwebte die Straße hinab."

Adverbien kann man also durch aussagekräftige Verben erledigen. Was aber ist mit den Adjektiven? Zum einen gilt für sie, was ich bereits weiter oben beschrieben habe: Konkret, spezifisch sein. Immer überlegen, ob das verwendete Adjektiv wirklich ein deutliches Bild hervorruft. Im Falle unserer blonden Frau könnte man fragen, wie genau das Blond beschaffen ist. Genauso berechtigt wäre die Frage, ob "blond" überhaupt die Eigenschaft ist, die die Frau wirklich auszeichnet. Zum anderen könnte man beschreiben, wie das Blond wirkt, statt einfach zu schreiben, dass sie blond ist. Nur mal so kurz herumgesponnen: Vielleicht wirkt ihr Haar ja wie ein Scheinwerfer oder wie eine Sonnenblume. Vielleicht ist sie die Frau mit dem Sonnenblumenhaar?

Und damit wären wir beim Kapitel "Vergleich und Metapher".

Vergleiche und Metaphern

Bisher haben wir geübt, Beschreibungen alle Sinne des Lesers ansprechen zu lassen. Wir haben geübt, diese Beschreibungen möglichst konkret zu machen. Und wir haben durch die aussagekräftigen Verben eine Strategie gefunden, nicht in die Falle der A-Wörter zu tappen.

Als Letztes beschäftigen wir uns mit den zwei Werkzeugen, die nicht nur den übermäßigen Gebrauch von Adjektiven und Adverbien wegpusten wie ein Tornado, sondern die es auch wie keins der anderen Werkzeuge schaffen, Bilder im Leser hervorzurufen: Vergleich und Metapher. Beide sind eng miteinander verwandt.

Wir alle kennen Vergleiche aus der Alltagssprache. "Er ging an die Decke wie das HB-Männchen." "Sie führte sich auf wie Rumpelstilzchen." "Ihr Gang war geschmeidig wie der einer Raubkatze".

Auch Metaphern begleiten uns tagtäglich: Er ist eine Maschine, sie eine Blume, der Sänger Tom Jones "der Tiger" und damit eine lebende Metapher.

Der Vergleich verdeutlicht eine Analogie zwischen zwei Dingen. Etwas oder jemand "ist wie". Bei der Metapher ersetzt ein Begriff einen anderen. Auch Sprichwörter bedienen sich gerne der Metapher.

Wer würde sich nicht gerne ins gemachte Bett setzen und diese Alltagsvergleiche und -Metaphern nutzen? Genau das aber funktioniert nicht. Denn die Vergleiche und Metaphern für unsere Texte sollen frisch sein, neue Zusammenhänge herstellen, unverbrauchte Bilder im Kopf des Lesers auslösen. Metaphern und Vergleiche aus der Alltagssprache sind meist längst zum Klischee verkümmert. Sie lösen im Kopf des Lesers nichts mehr aus.

Alexander Osang beschreibt den Weg des kleinen Heinz durch Pattayas Straßen beispielsweise so: "Mopeds, bepackt mit drei oder vier Menschen, kreuzen seinen Weg wie Sternschnuppen."

Amerikanische Autoren sind wahre Meister im Finden von Metaphern und Vergleichen. Die trockensten und ironischsten davon findet man in den Hardboiled-Romanen von Raymond Chandler und Kollegen.

Hier eine Übung, die ich in leicht abgewandelter Form dem Buch "Garantiert schreiben lernen" von Gabriele L. Rico entnommen habe. Die Übung hilft, die Schreibmuskeln für außergewöhnliche Vergleiche zu lockern. Sie ist von einer Stelle aus Chandlers Roman "Die kleine Schwester" inspiriert. Dort schreibt Chandler:

"Ich war schwindelig wie ein Derwisch, schwach wie eine müde Waschmaschine, ich hing durch wie ein Dachsbauch, war so scheu wie eine Spitzmaus, und meine Chancen waren so gering wie die von einem Ballettmädchen mit einem Holzbein."

Die Übung, die Gabriele L. Rico daraus abgeleitet hat, funktioniert so:

Aufgabe:

  1. Vervollständigen Sie folgende Sätze:

    • Ich/Sie/Er fühle mich/fühlt sich... wie ...;

    • Mein(e)/Sein(e)/Ihr(e) .... sahen aus wie ...;

    • Ich/Sie/Er war verwirrt wie ...;

    • Mein/Sein/Ihr Haus war ... wie ...;

    • Schreiben ist wie ...

  2. Freie Assoziation: Spielen Sie dabei mit Bildern aus einem Bereich, den Sie gut kennen - Kochen, Bücher, Joggen, Fußball, Mode etc...

  3. Wenn Sie genug Teilsätze beisammen haben, dann bilden Sie einen ganzen Satz.

  4. Lesen Sie den Satz laut vor. Verändern Sie den Satz, wenn Sie das Gefühl haben, dass er dadurch eine komischere oder intensivere Wirkung entfaltet.

Hier ist, was ich gerade geschrieben habe.

Ich fühle mich wütend wie ein Vulkan. Ich fühle mich wütend wie eine angebissene Springmaus, ich fühle mich wütend wie ein kochender Hummer, ich fühle mich wütend wie ein Mädchen, dem man die Puppe weggenommen hat, ich fühle mich wütend wie die Zweite auf einem Schönheitswettbewerb.

Mein Auto sah aus wie ein plattgedrückter Kuchen. Mein Auto sah aus, als hätte ein Zehntonnentruck sich entspannt darauf niedergelassen. Mein Auto sah aus, als hätte ihm jemand den Hintern abgerissen.

Ich war verwirrt wie eine demente Oma im Supermarkt. Ich war verwirrt wie ein Huhn mit verbundenen Augen. Ich war verwirrt wie ein Mann, der das erste Mal Wäsche sortieren muss.

Voilà, mein Satz: Mein Auto sah aus, als hätte sich ein Zehntonnentruck entspannt darauf niedergelassen. Ich war verwirrt wie eine demente Oma im Supermarkt und wütend wie die Zweite auf einem Schönheitswettbewerb.

Hey, jetzt fehlt nur noch, dass eine aufregende Brünette mit dem Chassis einer Corvette mein Büro betritt...

Lassen Sie Ihrem Hardboiled-Ego freien Lauf. Sie werden sehen, dass Sie mit einiger Übung treffende Vergleiche und Metaphern finden werden, die den Leser zu einem "Genauso ist es!" oder "Genauso fühlt es sich an!" provoziert. Und dann haben Sie ihn.

Fazit: Der sinnliche Sammler

Mit den Bildern, die ein Autor im Kopf des Lesers erzeugt, lockt er ihn in die Welt seiner Geschichte. Diese Bilder entstehen durch Beschreibungen.

Um den Leser mit Ihren Beschreibungen zu verführen, müssen Sie Sammler werden. Sammeln Sie Farben, Gerüche, Eindrücke, Emotionen, Bilder, Fachausdrücke, sammeln Sie Figuren und Gesten. Kurz: Betrachten Sie die Welt wie ein Forscher durch ein Mikroskop. Als Autor können Sie das, denn sie haben sich das kindliche Staunen über die Dinge bewahrt.

Als Autor sollten Sie auch Wörter sammeln. Natürlich gehört dazu ein Thesaurus. Das ist sozusagen Pflicht. Aber eine Fundgrube für wunderbare Wörter sind zeitgenössische Gedichte. Hier ein Ausschnitt aus einem Gedicht von Rolf Hochhuth, in dem er außergewöhnliche Farbadjektive findet.

Malkasten Oktober

Lackhartes Licht, parkettgelb. See-Ufer weißweinhell. Die schildpattbraunen Farben in Feldern, Gärten, in den Reben. Saftschwere Birnen, die im Gras verdarben - so naß wie Du - nicht aufzuheben! (...)

(aus: Frankfurter Anthologie 26, 2003)

Als Wörtersammler wird man auch in Werken wortgewaltiger Autoren wie Frank Schulz (z.B. in "Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien") fündig. Selbst für den, der eher minimalistisch schreibt, sind solche Bücher wahre Wortminen, in denen es sich zu schürfen lohnt, weil sie die eigene Wortfindungskunst anregen. Besonders gelungene Bilder und Beschreibungen finden sich in den Werken amerikanischer Autoren. Auch hier sollte man sich inspirieren lassen.

Bilder zu finden und gut zu beschreiben ist eine Mischung aus Beobachten, Lesen und Üben, Üben, Üben. Aber so locken Sie Ihre Leser in Ihre Welt und sorgen dafür, dass sie alles um sich herum vergessen. Wie gesagt: So kriegen Sie sie.

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Über die Autorin:

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Iris Leister lernte das Handwerk des Drehbuchschreibens unter anderem an der UCLA in Los Angeles. Sie war außerdem jahrelang eine der Stammautorinnen des interaktiven Hörspielkrimis "Der Ohrenzeuge" auf RBB Radio Fritz. Nach diversen Kurzgeschichten hat Iris Leister im Mai 2008 ihren ersten Roman veröffentlicht, zu dem sie den gleichnamigen Blog Novembertod betreibt. Ihr Mystery-Thriller "Die unsterbliche Beute" wurde 2009 zum Drehbuchpreis DER CLOU für das beste Krimi-Konzept nominiert.

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