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"Kannste mal eben?" - Wann Sie für den Nachbarn sein Schwager arbeiten sollten (und wann nicht).

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Stand: 15. März 2012

Wer selbstständig ist, ist beliebt. "Du machst doch da irgendwas mit Computern, kannst Du nicht mal eben meinen Laptop reparieren?" Mal abgesehen davon, dass ich Software programmiere und von Hardware nur das Nötigste verstehe, soll es selbstverständlich ebenso prompt wie unbezahlt sein. Sobald Ihre Fähigkeiten als Selbstständiger bekannt werden, können Sie sich früher oder später auf solche Anfragen einstellen. Lorenz Hölscher kann ein Lied davon singen.

Arbeit gegen Leistung

Sie müssen als erstes für sich klarstellen, worin Ihre Arbeit besteht. Sind Sie Maler, dürfte Ihnen eine nachbarschaftliche Hilfe beim Heckenpflanzen oder Baumfällen leicht fallen. Als Gärtner sieht das schon anders aus.

Noch schwieriger ist es, wenn Ihre Kernkompetenz weniger scharf abgegrenzt ist. Als Designer die neue Website für die Schwägerin zu erstellen, kann sowohl geringe als auch umfangreiche grafische Arbeiten umfassen.

Bedenken lösen meistens diejenigen Anfragen aus, bei denen Sie gerade wegen Ihrer beruflichen Kenntnisse um Hilfe gebeten werden. Letzten Endes läuft es auf die einfache Frage hinaus: Was habe ich davon?

Geld? Nein, das ja gerade nicht! Schließlich ist Geld auch nicht die einzige Gegenleistung für Arbeit. Es gibt noch:

  • Ruhm und Ehre

  • Schuld und Dankbarkeit

  • Neugier und Weiterbildung

Ruhm und Ehre

Das "Ruhm und Ehre"-Argument kommt gerne auch mal als versprochener Folgeauftrag daher und lautet dann: "Schreiben Sie dieses Gutachten umsonst, dann gewinnen Sie durch dessen Veröffentlichung viele neue Kunden".

Wenn Sie glauben, dass Sie so tatsächlich neue Kunden gewinnen, mag das in Ordnung sein. Meine Erfahrung lehrt mich etwas anderes. Das lohnt sich meistens nur für denjenigen, der das kostenlose Gutachten erhält.

Möchten Sie wirklich berühmt werden, sind also Ruhm und Ehre schon ein Selbstzweck, dann bedeutet das übrigens keineswegs, dass Sie umsonst dafür arbeiten müssen. Es wird nur gerne als Argument missbraucht, um Ihnen kostenlose Arbeit "aus den Rippen zu leiern".

Reich und berühmt

Als Autor bei akademie.de haben Sie die Chance auf beides. Müssen Sie vorher noch Ihren Schreibstil verbessern, gibt es dafür Workshops wie "Einfach besser texten: Wie Sie mit guten Texten überzeugen".

Schuld und Dankbarkeit

Während der Ruhm eher auf einer anonymen Masse beruht, gibt es das auch einer konkreten Person gegenüber. Entweder müssen Sie eine bereits erfolgte Gefälligkeit ausgleichen oder Sie haben anschließend einen Gefallen gut.

Schwierig wird es mit dem "Verrechnen" der jeweils geleisteten Arbeit. Sind die Erstellung einer Website und die Reparatur eines Heizkessels gleichwertig? Wenn sich nicht beide Parteien dabei einig sind, bleibt schnell eine ziemliche Unzufriedenheit zurück.

Umsatz ist schlecht

Wenn Sie für einen Kunden arbeiten und dieser im Gegenzug auch für Sie, ist es durchaus im beiderseitigen Interesse, kein Geld zu verdienen. Dadurch stiege nämlich der Umsatz und dieser wird mitunter als Maßstab für die Berechnung bspw. bei der Krankenkasse oder der Umsatzsteuerpflicht herangezogen: "Kleinunternehmer, aber Umsatzgrenze überschritten?".

Neugier und Weiterbildung

Am einfachsten ist es, wenn Sie die erbetene Arbeit sowieso immer schon mal machen wollten. Dann ist es nur ein konkreter Anlass, der oft sogar mehr Spaß macht als ein theoretisches Beispiel. Dann haben beide Seiten etwas davon.

Technikstudien

Ich erstelle hin und wieder Websites für kleine Freiberufler, die ich privat kenne. Dabei kann ich dann irgendeine spezielle Technik (ASP, PHP, CSS-Tricksereien, ...) auf Alltagstauglichkeit testen, ohne gleich mit den einhundert Seiten eines großen Webauftritts zurechtkommen zu müssen.

Wer fragt? ...

Für mich ist von durchaus entscheidender Bedeutung, wer mich um einen Gefallen bittet. Dabei würde ich im Wesentlichen zwischen privaten und beruflichen Kontakten unterscheiden.

... private Kontakte

Das entscheidende Kriterium für die Berücksichtigung privater Kontakte besteht eigentlich vor allem im Non-Profit-Charakter der Verwertung. Wer mich bittet, weil er sich diese Arbeit sonst nicht leisten könnte oder würde, drückt keine Preise.

Aller Anfang ist schwer

Die typische Anfrage bei mir sind Eltern, die sich gerade selbstständig machen. Das fängt eben meistens nicht mit einer intensiven Vorbereitungsphase, einem Businessplan und einem Gründungszuschuss an, sondern eher zufällig. Irgendein bisheriges Hobby wird plötzlich zu einem bezahlten Auftrag. Dann sind weder Zeit, Geld noch Ahnung vorhanden, um etwa ein Excel-Rechnungsformular oder eine Word-Geschäftsbriefvorlage zu erstellen.

Auch aus dieser Erfahrung heraus ist der Beitrag "Logo gestalten - Wie Sie schnell und einfach Ihr eigenes Logo entwickeln" entstanden, weil eben nicht immer jemand für solche Aufgaben in der Bekanntschaft gefunden wird.

Den Non-Profit-Maßstab lege ich dabei durchaus großzügig aus und fordere keinen vollständigen Gewinnverzicht. Es geht vor allem darum, dass meine Leistung für diesen Geschäftsumfang unangemessen teuer wäre.

Wem nützt es?

Ich habe beispielsweise für einen Kiosk unentgeltlich dessen Logo und Werbematerial entworfen. Den Betreibern wäre die Gestaltung ziemlich egal gewesen, so dass sie kein Geld investiert hätten. Ich fand den Laden jedoch an dieser Stelle unterstützenswert und wichtig (und musste täglich draufgucken ...).

Schwieriger wird es, wenn Ihre Arbeit anderswo Geld spart. Damit ruinieren Sie anderen Selbstständigen die Preise und damit letztendlich sich selbst.

Privat statt Staat?

Wenn Eltern in Eigenleistung die Klassenräume ihrer Kinder renovieren, ist auch dann schon die Non-Profit-Grenze überschritten, wenn sie keine Handwerker sind. Schließlich spart der Schulträger hier ganz bewusst Geld ein, welches sonst im örtlichen Handwerk investiert würde.

... berufliche Kontakte

Bei erbetenen Zusatzleistungen innerhalb einer beruflichen Beziehung kommt es vor allem auf deren Umfang an. Wie schon im Beitrag "Kundenbindung statt Dumping-Preise - So bauen Sie eine gute Beziehung zu Ihren Kunden auf" beschrieben, besteht eine Kundenbeziehung aus mehr als der nackten Arbeit und dem Geld. Idealerweise ist es eine Win-Win-Situation, bei der beide Seiten zufrieden sind.

Geben und zurückgeben

Ich habe Kunden, für die ich seit 15 Jahren tätig bin, da wäre ich mit dem Klammerbeutel gepudert, wollte ich kleinlich sein mit Nebenleistungen. Interessanterweise funktionieren aber gerade solche langjährigen Beziehungen so gut, weil beide Parteien darauf achten, dass fünf auch mal gerade sein können. Wenn da wirklich mal angefragt wird, ob ich etwas im Rahmen eines Festpreises auch noch erledigen könnte, kann ich das fast unbesehen bejahen.

Einen ganz anderen Eindruck hinterlässt es allerdings, wenn beim ersten Angebot an einen neuen Kunden direkt nachverhandelt wird, ob man nicht dies und jenes noch machen und solches noch zusätzlich liefern könne.

Da können Sie eigentlich schon direkt vermuten, wie die Geschäftsbeziehung weiterlaufen wird: mit einer Tendenz zum Preisdrücken und Leistungsschröpfen. Solche Geschäftsbeziehungen machen keinen Spaß und bleiben (vermutlich auch deswegen) kurz und auf das Nötigste beschränkt.

Etwas ganz anderes ist es übrigens, wenn Sie von sich aus eine Extra-Leistung gratis anbieten. Das verbessert eine Geschäftsbeziehung immer und lässt Sie in einem besseren Licht als die (geizige) Konkurrenz erscheinen. Dabei entscheiden aber Sie selbst über den Umfang der Leistung.

Der Ton macht die Musik

Und nicht zu vergessen ist die Art, wie die zusätzliche oder komplett kostenlose Leistung erbeten wird. Eine Formulierung wie "Ich setze voraus, dass auch die Einrichtung der Arbeitsplätze in Ihrem Angebot enthalten ist" würde ich tendenziell als unverschämt einstufen. Die Frage "Ist die Einrichtung der Arbeitsplätze in Ihrem Angebot enthalten?" klingt ungleich freundlicher und erlaubt mir als Anbieter, diese (eventuell sowieso enthaltene) Leistung noch einmal ausdrücklich als inklusiv herauszustellen.

Fazit

Verkaufen Sie sich nicht unter Wert; wer Ihre Leistung bezahlen kann, soll das auch machen. Wenn Sie kostenlos arbeiten, muss auch für Sie ein Vorteil erkennbar sein. Schließlich heißt kostenlos nicht umsonst.

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