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Gute Vorsätze und falsche Typen

Ann Yacobi kann auf "alte Bekannte" gern verzichten

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Von: Ann Yacobi
Stand: 19. Dezember 2008

Mehr Zeit für die Familie! Mehr Sport! Steuererklärung rechtzeitig! Vier Kilo weniger! Öfter mal nein sagen! Ein Teil von diesen Vorsätzen ist neu - die meisten aber sind gute alte Bekannte.

Ab dem Teenageralter habe ich alljährlich zur Jahreswende listenweise gute Vorsätze formuliert: in Mathe besser aufpassen, weniger Süßigkeiten, weniger mit den Geschwistern streiten, keine Nägel mehr kauen. Später dann eher: keine Zeit mehr mit den falschen Typen verschwenden, Sport machen, Geld sparen - geholfen hat es nichts. Die einen schlechten Angewohnheiten verschwanden mit den Jahren von allein, die anderen blieben und einige neue kamen dazu. Immerhin: Ich rauche nicht, trinke nur selten und mit den falschen Typen ziehe ich auch nicht mehr herum. Daran sind allerdings ausdrücklich keine guten Vorsätze schuld, sondern mein Mann und meine Kinder!

Bei kaum einem anderen Thema liegen Vision und Wirklichkeit so weit auseinander wie beim Umgang mit den eigenen Vorsätzen. Gefasst sind sie im Nu, aber sobald die Stunde der Wahrheit naht, geht jede Entschlossenheit flöten. Das mag daran liegen, dass Vorsätze nicht hübsch klein sind. Denn wenn sie klein wären, dann würden wir das auch unterm Jahr hinkriegen und bräuchten nicht die Aura eines Jahreswechsels. Nein, man möchte etwas Grundlegendes verändern. Bei Vorsätzen geht es um uns selbst, unsere Lebensqualität und unsere Erfolgsfähigkeit. Die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu verändern - das ist eben alles andere als einfach.

Einige persönliche Erkenntnisse rund um die guten Vorsätze habe ich inzwischen gewonnen, die ich mutig verallgemeinere:

Vier Dinge sind wichtig:

  • Erstens muss jeder Vorsatz ein klar definiertes Ziel beinhalten. Also nicht "mehr Sport treiben", sondern "zwei Mal pro Woche zum Bauchtanz"! Bei manchen Vorsätzen muss das Ziel nicht beeindruckend sein: Die Politik der kleinen Schritte tut es auch. Nur zwei Bahnen mehr schwimmen als letzte Woche, nur einen Strich Butter weniger aufs Brot, nur eine Woche früher mit der Steuererklärung beginnen. Die kleinen Schritte haben langfristig einen großen Effekt.

  • Zweitens sollte man sich - wo möglich - Mit-Leidende suchen und sich zusammentun. Oder, wie es vielerorts so schön heißt: Erfolgsteams bilden! Wer sich vorgenommen hat, seinen Arbeitsalltag täglich für eine richtige Mittagspause zu unterbrechen, tut gut daran, einen Kollegen zu überzeugen, sich diesem Vorsatz anzuschließen. Dann kann man sich nämlich gegenseitig motivieren, wenn die Anfangseuphorie verflogen ist.

  • Mir ist aufgefallen, dass manche Dinge einfacher sind als befürchtet. Schwierig wird es erst, wenn man denkt, es sei schwierig. Also sollte man drittens möglichst nicht zu viel Wirbel um das eigene Vorhaben machen, weil die Umsetzung dann umso schwieriger erscheint. Es geht schließlich nicht um die Veränderung der Welt, sondern nur um einen kleinen Vorsatz. Mehr Sport? Einfach loslaufen, genau wie Forrest Gump!

  • Viertens und am allerwichtigsten: Sich nicht zu verzetteln. Auch wer ganze Listen von Dingen aufzählen kann, die er in seinem Leben anders machen möchte: Immer nur eine Sache auf einmal angehen, das nächste Problem erst danach anpacken. Wenn man seine Kräfte auf ein ausgewähltes Projekt konzentriert, hat man die besten Chancen, dass es funktioniert.

Inzwischen verspüre ich nicht mehr den Zwang, mein Leben in neue Bahnen zu lenken, weil die Champagnerkorken knallen. Ich brauche nicht das große Feuerwerk, um zu sagen: Jetzt wird alles anders. Die große Maxime, weniger zu arbeiten, dabei mehr zu verdienen, sich weniger zu ärgern und mehr Zeit mit angenehmen Menschen zu verbringen, versuche ich schließlich jeden Tag umzusetzen.

Auch wenn ich keine guten Vorsätze mehr fasse: Das Jahresende ist eine gute Gelegenheit für einen Rückblick, für eine ganz persönliche Bilanz. Und die ziehe ich gerne auch schriftlich. Um den 31. Dezember herum lasse ich das vergangene Jahr Revue passieren. Was ist gut gelaufen? Worüber habe ich mich geärgert? Was habe ich gelernt? Wie hat es mich weitergebracht? Was war mir wichtig? Woran knüpfe ich im neuen Jahr an? Auf diese Weise kann man viel über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse erfahren - seien es nun so banale, wie weniger Kilos, oder eher fundamentale, wie die nach einer beruflichen Neuausrichtung. Und das wiederum bewirkt Änderungen viel schneller und wirkungsvoller als gute Vorsätze, die meist erzwungen und schnell wieder vergessen sind.

Die gewonnenen Erkenntnisse können durchaus Zielvorgaben für das neue Jahr sein - müssen sie aber nicht. Änderungen mache ich dann, wenn die Gelegenheit dazu gekommen ist - wann immer das ist. Am Jahresende nehme ich mir inzwischen nur vor, das Beste aus meinem Leben zu machen und keine Zeit mit unsinnigen Gedankenspielen zu vergeuden. Uns erwartet wahrscheinlich ein spannendes Jahr. Und, mal ehrlich: Gibt es etwas Schöneres, als wenn das Leben spannend ist und immer wieder Überraschungen birgt?

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