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Gute Vorsätze sind gut. Auch wenn sich nichts ändert.

Warum sich Robert Chromow nicht ins Bockshorn jagen lässt

Ob pünktlich zum Jahreswechsel, zu Beginn eines neuen Lebensjahres oder nach dem alarmierenden Arztbesuch: Anlässe für einen radikalen Neuanfang oder auch nur einzelne Verhaltensänderungen gibt es viele. Die damit verbundenen Glückserwartungen sind hoch. Doch allzu oft sind die guten Vorsätze schon nach kurzer Zeit wieder Makulatur: "Na und?" fragt Robert Chromow und bricht eine Lanze für Schwächlinge, Schweinehund-Besitzer und andere unermüdliche Weicheier.

Wer den Vorsatz hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Bestenfalls erntet man amüsierte Blicke, wenn man sich vornimmt, "ab sofort" etwas an seinem Leben zu ändern. Mit Anerkennung oder gar Anfeuerung sollte man jedenfalls nicht rechnen, ganz gleich, wie sinnvoll, gesund und längst überfällig das Vorhaben sein mag.

Sie haben den festen Vorsatz, deshalb in Zukunft auf Vorsätze zu verzichten? Tun Sie's bloß nicht. Sie schaden sich selbst.

Nicht, dass ich Ihnen ein Patentrezept liefern kann. Im Gegenteil: Ich bin leider ein ausgesprochen erfahrener Vorsatzbrecher:

  • Mehr als 20 Jahre lang habe ich erfolglos versucht, mir das Rauchen abzugewöhnen: Immer mal ein paar Tage, manchmal wochen- ein paarmal sogar monatelang konnte ich auf die Glimmstängel verzichten. Dann kam unweigerlich der Rückfall.

  • Immer und immer wieder wollte ich effektiver arbeiten und mir mehr Zeit für Familie, Freunde und erholsames Nichtstun nehmen. Dann fand mich immer wieder abends und am Wochenende am Schreibtisch meines Heimbüros wieder.

  • Zumindest regelmäßige Erholungspausen wollte ich in meine langen Arbeitstage einbauen - und ließ mich doch ständig wider besseres Wissen durch vermeintlich wichtige, aber meistens doch bloß dringende Aufgaben davon abhalten.

  • Aus meinen zwei wöchentlichen Joggingrunden sollte endlich ein tägliches Bewegungsprogramm werden. Im Alltag fiel die Bewegung an frischer Luft dann doch wieder unter den Tisch.

Die Liste meiner ständig neu gefassten und dann irgendwann doch wieder gebrochenen guten Vorsätze ließe sich beliebig verlängern. Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, kennen Sie das Muster vermutlich.

Mit guten Vorsätzen in guter Gesellschaft

Wer Menschen und Sprichwörter kennt, weiß:

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Der gute Vorsatz ist ein Gaul, der oft gesattelt, aber selten geritten wird. Vorsätze sind wie Aale - leicht zu fassen, aber schwer zu halten.

Ja, ja, und doch: Gerade, weil es so schwer ist, aus Vorsätzen dauerhafte Verhaltensänderungen zu machen, sind wir schwächlichen Vorsatzbrecher in guter und zahlreicher Gesellschaft. Kein Anlass also, von vornherein zu resignieren. Und auch kein Grund, sich in weiser Voraussicht zu schämen, bloß weil man das Bedürfnis für gute Vorsätze verspürt, den Drang, sich mehr Zeit für seine Familie zunehmen, endlich mit dem Rauchen aufzuhören, sich mehr zu bewegen oder fünf Kilo abzunehmen.

Meine wichtigste und folgenreichste Vorsatz-Erkenntnis: Nur weil man an den eigenen Ansprüchen scheitert, ist man noch lange kein Versager.

Ganz gleich, wie zahlreich, anspruchsvoll und ernsthaft gute Vorsätze gefasst sind, wie sie formuliert werden und ob sie miteinander kompatibel sind: Allein der Drang zum Vorsatz tut gut.

Ich sehe das inzwischen so:

  • In dem wiederkehrenden intensiven Bedürfnis, sein Verhalten zu ändern, steckt ein enormes Kraftpotenzial. Mir gibt bereits der Gedanke an ein (noch) gesünderes, erfüllteres, besseres Leben einen spürbaren Energieschub. Die Vorstellung, in Zukunft stärker im Reinen mit mir und meinen Überzeugungen zu sein, fühlt sich einfach gut an. Selbst wenn dieses Gefühl bloß ein paar Stunden, Tage oder Wochen vorhält: Na, und? Immer noch besser, als mich von vornherein im resignierten Selbstmitleid zu suhlen.

  • Selbst Minimalwirkungen habe ich zu schätzen gelernt: Jeder Tag ohne Rauchen ist eindeutig besser als einer mit. Die Bewegung an frischer Luft tut mir heute gut - auch wenn ich morgen wieder nicht die Kurve kriegen sollte.

  • Vorsätze geben mir die Richtung vor, ganz gleich, ob frisch gefasst oder gerade mal schon wieder über den Haufen geworfen. Sie erinnern mich daran, dass ich immer wieder aufstehen und neu anfangen kann. Und ich muss dafür nicht einmal bis Neujahr oder zum nächsten Geburtstag warten.

  • Mit meinen Vorsätzen halte ich zumindest den Anspruch aufrecht, es irgendwann mal zu schaffen. Irgendwann ist die Zeit reif: Dann klappt es.

  • Vorsätze kosten mich nichts - noch nicht einmal Selbstachtung: Selbst wiederholt verletzte Vorsätze betrachte ich als wertvolle Quelle der Selbsterkenntnis. Hinterher weiß ich wieder ein bisschen mehr über mich. Und sei es nur, dass dieses "Ich" in unterschiedlichen Situationen sehr wechselhafte, oft widersprüchliche Motive verfolgt.

Wirksame Vorsatz-Förderung

Mit zunehmendem Alter habe ich festgestellt, dass diese "Ichs" bei all ihrer Verschiedenheit letztlich ziemlich genau wissen, was ihnen gut tut. In der alltäglichen Achtlosigkeit gehen diese Einsichten bloß allzu oft verloren. Indem ich gelernt habe, aufmerksamer zu sein, meine Schwächen zu akzeptieren und immer wieder einen neuen Anlauf zu nehmen, konnte ich in den vergangenen Jahren zu meiner eigenen Überraschung dann doch eine ganze Menge guter Vorsätze verwirklichen:

  • Das Rauchen habe ich mir schon lange abgewöhnt: Die Befreiung von dieser wirklich gemeinen und hartnäckigen Sucht genieße ich immer wieder neu.

  • Für die tägliche Bewegungsration ist gesorgt, indem ich inzwischen jede Mittagspause bei Wind und Wetter mit einem Waldlauf beginne.

  • Durch vermehrte körperliche Aktivität, viel Obst und Gemüse, wenig Junkfood und Null Quälerei habe ich nach und nach fast alle überflüssigen Pfunde verloren.

  • Meine Arbeitszeiten sind auf ein vernünftiges Maß begrenzt und mithilfe schlichter Handy-Erinnerungen schaffe ich es sogar, meine täglichen Pausenzeiten einzuhalten.

  • Tägliche Meditationsphasen sorgen für spürbar mehr Gelassenheit und Ausgeglichenheit.

  • Sogar das Sabbatjahr, mit dem ich seit Jahren liebäugele, ist für kommendes Jahr fest eingeplant.

Ohne die vielen gescheiterten Vorsätze in den Jahren zuvor und all die unverdrossenen neuen Anläufe wären die für mich wirklich einschneidenden Veränderungen nicht möglich gewesen. Und: Anders als manche entmutigenden Skeptiker behaupten, haben mir viele meiner guten Vorsätze letztlich viel mehr Lebensqualität gebracht. Als über 50-jähriger Oldie fühle ich mich heute viel wohler und zufriedener als früher.

Nach dem Vorsatz ist vor dem Vorsatz

Zu tun gibt's natürlich noch genug - wenn ich in Zukunft neue Verhaltensänderungen in Angriff nehme, werde ich wieder ...

  • Schwerpunkte setzen und auf Rundumschläge verzichten ("Ab heute wird alles anders ..." bringt wenig),

  • möglichst konkrete, positive Vorsätze formulieren (am besten nach der SMART-Methode: spezifische, messbare, attraktive, realistische und terminierte Ziele),

  • die gewünschten Ergebnisse in meiner Vorstellungswelt möglichst genau sinnlich vorwegnehmen (z. B. in Form von Bildern, Empfindungen, Klängen, anerkennenden Rückmeldungen etc.)

  • meine Vorsätze schriftlich festhalten und sie mir immer wieder an unterschiedlichen Stellen vor Augen führen (z. B. durch Listen, Plakate, Notizzettel, E-Mail- oder Handy-Erinnerungen),

  • meine Vorhaben öffentlich machen - zumindest gegenüber Menschen, die mir nicht in den Rücken fallen,

  • eigene und fremde Widerstände vorwegnehmen und mir überlegen, wie ich damit umgehe,

  • Kontakt zu Gleichgesinnten suchen und wechselseitige Unterstützung organisieren (z. B. in Form eines neuen Erfolgsteams).

Und ich werde mich weiterhin nicht auf das Ergebnis meiner Vorhaben fixieren, sondern den Prozess beobachten, die Tricks meines inneren Schweinehundes noch besser kennenlernen und meine Beobachtungen aufschreiben. Auch und gerade dann, wenn's nicht klappt oder gar die berühmte "Jetzt ist alles egal"-Haltung entsteht.

Fazit

Bei Licht betrachtet sind gute Vorsätze genau das: gut für uns! Jedenfalls, wenn die Absicht sich nicht in einem halbherzigen, augenzwinkernden "Ja, ja, man müsste eigentlich ..." erschöpft. Ehrgeizige Vorhaben - am besten in Form konkreter langfristiger Ziele - stellen aus meiner Sicht eine unverzichtbare Orientierungshilfe für die laufende Tages- und Wochenplanung dar.

Also: Lassen Sie sich von resignierten Zeitgenossen bloß nicht bremsen, wenn Sie wieder einmal das dringende Bedürfnis verspüren, für mehr oder weniger einschneidende Änderungen in Ihrem Leben zu sorgen!

Nutzen Sie die positive Energie: Fangen Sie mit einer Liste Ihrer Vorhaben an, ohne sich selbst zu zensieren. Setzen Sie anschließend Prioritäten. Prüfen Sie, ob Ihre Absichten zueinander passen. Wenn nein, stellen Sie weniger wichtige, gegenläufige Absichten zurück. Und seien Sie gnädig mit sich, wenn Sie einmal etwas nicht schaffen:
Next time better.

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Ihre Wertung:

 

Danke, Monika,
für die guten Wünsche! (Der gelungene Nikotinentzug ist zum Glück schon eine Weile her. Rückfallgefahr besteht also nicht mehr. :-))
Ein gesundes, erfolgreiches und zufriedenes Jahr 2009 wünscht
Robert Chromow

Hallo Robert,

herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Rauchen-Abgewöhnen und alles Gute fürs neue Jahr!

Danke für den aufmunternden Artikel sagt
Monika

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