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Kreditvergabe: Wie Sie Ihre Chancen durch ein Vor-Rating deutlich verbessern

Bevor Sie einen Kreditantrag stellen, sollten Sie Ihr Unternehmen gründlich "durchleuchten", Wir sagen, wie Sie das in Eigenregie machen können

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Stand: 24. Februar 2012 (aktualisiert)

Was wird geprüft?

Optimieren Sie Ihr Unternehmen durch Ihr eigenes Vor-Rating: Kreditinstitute sind mit verpflichtet, potenzielle Kreditnehmer auf deren "Zukunftsfähigkeit" zu untersuchen. Da das Rating bei einer Kreditaufnahme nicht zu umgehen ist, zeigen wir, wie Sie die Auflagen zum eigenen Vorteil nutzen. - Klingt aufwändig? Das muss es nicht sein!

Kreditvergabe nach Basel II

"Basel II" ist das Schlagwort für das zweite Konsultationspapier des "Baseler Ausschusses für Bankaufsicht der Kreditwirtschaft" - einem Gremium der Zentralbanken der wichtigsten Industrieländer. Mit Basel II haben sich 2006 die Spielregeln im Firmenkunden-Kreditgeschäft radikal geändert. Fragen zum Markt, zum Unternehmen, Produkt, zur Entwicklung, zur Liquidität sowie zur Rechtssituation eines kreditsuchenden Unternehmens gehören nun zum Standard. Und zwar bei Banken, Kreditinstituten und Finanzdienstleistern gleichermaßen.

Was heißt das konkret?

  1. Die Kreditrisiken werden präziser und damit individueller beurteilt, das heißt, die Banken reduzieren das eigene Kreditrisiko durch das Rating drastisch, weil sie es auf den Verursacher, also auf das kreditsuchende Unternehmen konzentrieren.

  2. Wenn sich die Banken trotz vorhandener Risiken entschließen, Unternehmen Kredit zu gewähren, lassen sie sich das durch (deutlich) höhere Zinsen bezahlen, weil der Zinssatz dem Kreditrisiko angepasst wird. Je höher die Bank ihr Risiko einstuft, desto höher ihr Zinssatz und desto geringer ihre Kreditbereitschaft.

  3. Je schlechter die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens ist, desto höher wird die (Zins-) Belastung durch Basel II und durch die kürzeren Wiederholungsintervalle der Ratings.

  4. Durch das Rating werden kreditsuchende Firmen zu gläsernen Unternehmen. Es gibt keinen wichtigen (Teil-) Bereich der Firma, der nicht permanent sorgfältig durchleuchtet, analysiert und bewertet wird.

  5. Die Kreditinstitute verdienen immer. Entweder wenn sie das Rating in Eigenregie durchführen, oder durch die Provision, die sie kassieren, wenn sie eine externe Ratingagentur beauftragen.

  6. Um eventuelle Veränderungen des Kreditrisikos zu erfassen, muss das Rating permanent fortgeführt bzw. wiederholt werden. In der Praxis heißt das:

    - permanent zusätzliche Kosten durch die wiederkehrenden Ratings;

    - permanent hoher Zeitaufwand für die Vorbereitung der Ratings und

    - permanent totale Transparenz für die Bank.

Damit entsteht für viele Unternehmen ein fataler Kreislauf. Es müssen zusätzliche Kosten für die Ratings verkraftet werden, die Rendite wird doppelt geschmälert und die notwendigen Mittel für Erneuerungen und Innovationen werden noch knapper. Das ist dann für viele Firmen der Anfang vom Ende. Deshalb müssen Unternehmer dieser Entwicklung so nachhaltig wie möglich begegnen.

Aus dieser Abhängigkeits- und Kostenfalle können sich Unternehmen durch erfolgreiches Eigenmarketing befreien, das sie in die Lage versetzt, ohne Kredite zu arbeiten, denn:

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Basel II, je nach Einstellung: Chance oder Nachteil

Zunächst einmal gilt: Zusätzliche Arbeit und Kosten sind für alle kreditsuchenden Unternehmen entstanden. Gleichwohl können Sie die Kosten und Konditionen zu Ihren Gunsten beeinflussen, wenn Sie sich im Voraus mit diesem Thema auseinandersetzen. Das birgt einen entscheidenden Vorteil: Er zwingt Sie zur intensiven Auseinandersetzung mit Ihrem eigenen Unternehmen und den Fragen der Zukunft.

Wird Basel II richtig genutzt, ist es ein gutes Instrument zur Analyse des eigenen Unternehmens. Werden die neun Bewertungsbögen ernsthaft und gewissenhaft, also ohne Selbstbeschönigung beantwortet, zeigen sich die Defizite, die behoben werden müssen, damit das Unternehmen seine generelle Wettbewerbsfähigkeit erhält und ausbauen kann.

Unternehmer/innen, die sich dieser Entwicklung verschließen, müssen entweder soviel Eigenkapital besitzen, dass sie ohne Kredite arbeiten können oder sie sind doppelt benachteiligt. Sie führen ihr Unternehmen weniger professionell und müssen für ihre Kredite mehr zahlen. Daher ist es sinnvoll und zum eigenen Vorteil, sich dieser Aufgabe intensiv zu widmen, um die Chancen, die Basel II bietet, zu nutzen.

Da sich sowohl unsere Gesellschaft als auch die Märkte verändern, ist die Beschäftigung mit der Zukunft sowieso ein Muss. Für Unternehmer bedeutet Basel II die konkrete Auseinandersetzung mit diesem Thema, um in diesen Zeiten mit bisher nicht bekannten Veränderungsprozessen bestehen zu können. Das Rating und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der eigenen Firma führen zwangsweise zu neuen Erkenntnissen und Impulsen, die dann in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden können.

Zurzeit wird das dritte Konsultationspapier des "Baseler Ausschusses für Bankaufsicht der Kreditwirtschaft" entwickelt und diskutiert. Es soll 2013 schrittweise in Kraft treten. Es betrifft im Wesentlichen nur die Banken, die Ihre Eigenkapitalquote erhöhen müssen. Es ist aber zu erwarten, dass die Banken mit der Vergabe von Krediten dann noch vorsichtiger werden.

Was wird geprüft?

Mit Basel II ist die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens nicht mehr von der subjektiven Einschätzung einer oder mehrerer Personen abhängig, sondern erfolgt immer nach identischen Prüfungskriterien. Dazu zählen:

  1. Wie gut ist das Unternehmen in der Lage, Erträge zu erwirtschaften?

  2. Von welcher Qualität sind die Einkünfte, die erwirtschaftet werden sollen?

  3. Kapitalstruktur, Anteil der Fremdfinanzierung.

  4. Qualität der Wettbewerbspositionierung, vorhandenes Differenzierungspotential.

  5. Leistungsvermögen und Qualität des Managements.

  6. Aussichten für die Zukunft, Entwicklungspotential.

Werden die Punkte 1., 2., 4., 5. und 6. genauer betrachtet, zeigt sich, dass damit die bereits zitierte Zukunftsfähigkeit hinterfragt wird. Mit anderen Worten:

Zu 1. Wie gut ist das Unternehmen in der Lage, Erträge zu erwirtschaften?

Wie gut ist die Differenzierung zu den Wettbewerbern, wie groß, wie stark ist die Nachfrage nach den Angeboten und Leistungen des Unternehmens, wie professionell ist die Vermarktung der Produkte und Leistungen? Gibt es konkrete Ertragsplanungen? Wie groß ist z. B. die Abhängigkeit von konjunkturellen Entwicklungen, Lieferanten oder Kundengruppen?

Natürlich müssen dazu auch Fragen nach der Organisation, Logistik und Technik im Unternehmen beantwortet werden, aber was nützt es einem Unternehmen, wenn Organisation, Logistik und Technik stimmen, aber keine Nachfrage vorhanden ist?

Zu 2. Von welcher Qualität sind die Einkünfte, die erwirtschaftet werden sollen?

Damit wird hinterfragt, wie wettbewerbsfähig die Produkte und Leistungen sind, die das Unternehmen anbietet. D. h. können diese Einkünfte für eine längeren Zeitraum als gesichert beurteilt werden? Anders formuliert, sind es innovative Angebote, oder sind es Einkünfte aus Produkten und Dienstleistungen, die keine "Zukunft" haben? Gibt es (zu) viele oder bessere Wettbewerber mit gleichen oder besseren Angeboten? Oder wird die Nachfrage abnehmen, weil das Produkt, die Technik, das Design, die Funktion oder der Service nicht ausreichend aktualisiert werden oder wurden? Ist die Angebotsstruktur, das Sortiment zukunftsorientiert? Werden die Wettbewerber als innovativer eingestuft?

Zu 4. Qualität der Wettbewerbspositionierung, vorhandenes Differenzierungspotential

Mit den Fragen zur Qualität der Wettbewerbspositionierung und dem vorhandenem Differenzierungspotenzial soll festgestellt werden, ob die Produkte und Leistungen eigenständig oder austauschbar sind. Je eigenständiger, je unverwechselbarer die Angebote sind, desto besser ist die Wettbewerbspositionierung. Zur Wettbewerbspositionierung muss auch die Qualität der Kundenbeziehungen gezählt werden, das heißt, wie gut und wie intensiv ist die Loyalität der Kunden zum Unternehmen?

Das Differenzierungspotenzial ergibt sich im Wesentlichen aus dem Innovationsmanagement des Unternehmens. Also, wie innovativ ist das Unternehmen und welche (konkreten) Pläne sind vorhanden, sich durch neue Angebote und Leistungen zu differenzieren?

Zu 5. Leistungsvermögen und Qualität des Managements

Wie intensiv beschäftigt(en) sich der oder die Verantwortlichen des Unternehmens mit der markt- und kundenorientierten Ausrichtung des Unternehmens? Sind Leistungen und Angebote allgemeiner Standard oder zeichnet sich das Unternehmen durch besondere Leistungen in den Bereichen Positionierung, Angebot, Innovationen, Mitarbeiterführung/Mitarbeiterbeteiligung, Marketing (Werbung), Sicherung der Nachfrage, Finanzmanagement, Regelung der Vertretung und Nachfolge etc. aus?

Zu 6. Aussichten für die Zukunft, Entwicklungspotential

Die Aussichten für die Zukunft und das Entwicklungspotenzial ergeben sich aus den Bewertungen 1. bis 5.

Anhand der ermittelten Ergebnisse werden die Risiken und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens beurteilt. Dazu zählen:

  • das Marktrisiko,

  • das Betriebsrisiko,

  • das Kreditrisiko,

  • das Liquiditätsrisiko und

  • das Rechtsrisiko

auf den Absatzmärkten, den Beschaffungsmärkten, dem Personalmarkt und dem Kapitalmarkt.

Die Bewertung erfolgt in Form von Noten. Ziel eines jeden Ratings ist es, anhand vieler Teilaussagen ein Gesamtbild vom Unternehmen zu gewinnen, um die Kreditwürdigkeit bzw. Zahlungsfähigkeit des Unternehmens objektiv erfassen und bewerten zu können. Dabei wird wenig Wert auf Analysen gelegt, die die Vergangenheit betreffen (Warum ist das so gewesen?), sondern das Kreditinstitut will wissen, wie, mit welchen Aktivitäten, die Zukunft erfolgreich bewältigt werden soll. Oder anders formuliert, die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens wird umfassend beurteilt und in vergleichbaren Werten/Zahlen dargestellt.

Wie wird beurteilt?

Insgesamt gibt es eine zehnstufige Bewertung. Von AAA bis D. AAA ist die bestmögliche Beurteilung. Sie besagt, dass ein Unternehmen in der Lage ist, seinen Zins- und Tilgungsverpflichtungen uneingeschränkt nachzukommen. Der Kreditgeber kann von optimalen Voraussetzungen ausgehen.

Wird ein Unternehmen mit BBB (über BB bis B) eingestuft, so sagt das aus, dass das Unternehmen im Rahmen seiner Möglichkeiten angemessene Maßnahmen zum Schutz des Gläubigers getroffen hat. Es kann jedoch sein, dass durch Veränderung der wirtschaftlichen Bedingungen mit einer Beeinträchtigung der Kreditrückführung zu rechnen ist.

Wenn das Rating mit CCC beurteilt wird, ist das Unternehmen am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Die Erfüllung der finanziellen Verpflichtungen ist nur bei einer günstigen Geschäftsentwicklung gesichert. Ist das nicht der Fall, können die finanziellen Verpflichtungen wahrscheinlich nicht erfüllt werden.

Erfolgt nur eine Bewertung mit CC, ist die Wahrscheinlichkeit der Zahlungsunfähigkeit sehr groß. Wird ein C als Bewertung ausgewiesen, ist bereits ein Insolvenzantrag gestellt oder es erfolgten bereits ähnliche Maßnahmen, aber Kreditrückführung bzw. Zinszahlungen erfolgen noch.

Das D wird dann erteilt, wenn Zins- oder Kapitalzahlungen am Fälligkeitstag nicht mehr erbracht wurden, aber die Nachfrist noch nicht abgelaufen ist.

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Hallo Herr Borchardt,

vielen Dank für den ausführlichen und nützlichen Beitrag auf den wir als junges und aufstrebendes Speditionsunternehmen gerade gestoßen sind, da wir für die Entwicklung einen größeren Kredit beantragen möchten.

Herzliche Grüße aus Nürnberg,

Alex

Guten Tag,

zu Ihrer Kritik:

Grundsätzlich ist es so, dass es zwischen dem externen und dem internen Rating keine Unterschiede gibt. Die Beurteilungskriterien sind identisch, wohl aber gibt es von Geldinstitut zu Geldinstitut unterschiedliche Ausprägungen im Detail.

Nach Rücksprache mit einem Filialleiter einer großen deutschen Bank und einem Vorstandsmitglied einer Sparkasse, kann ich allerdings ergänzend sagen, dass beim internen Ranking die Geldinstitute unterschiedliche Vorgaben haben. Und: Es kommt auch darauf an, ob man Kunde oder neuer Antragsteller ist.

Die Beurteilungskriterien sind, insbesondere bei der Bank, sehr rigoros. Wenn nicht ein (absolut) sicheres Einkommen in der notwendigen Größenordnung nachgewiesen wird, muss man auf jeden Fall einen solventen Bürgen stellen. Ist man bereits Kunde, sind die Beurteilungskriterien nicht ganz so streng. Bei der Sparkasse ist es ähnlich.

Ist man bei der Sparkasse bereits Kunde, ist die vergangene Geschäftsentwicklung sehr wichtig. Je nach Ist-Situation und Zukunftsaussichten greift die Sparkasse mehr oder weniger massiv in die Unternehmensplanung ein. Wenn die vorgegeben Empfehlungen nicht eingehalten werden, werden seitens der Sparkasse die entsprechenden Konsequenzen gezogen.

Mit freundlichen Grüssen
Hans-Jürgen Borchardt

Der Artikel geht kaum auf das interne Rating der Banken ein, das von Bank zu Bank unterschiedlich ist und dem Bankkunden (direkt) nichts kostet

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Hans-Jürgen Borchardt ist seit 1967 selbstständiger Marketingberater. Er berät mittelständische Unternehmen, vorwiegend im Handel und Handwerk in Deutschland, Schweiz und den Niederlanden. Seit über ...

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