Das böse Wort "Kreditklemme" findet sich zunehmend häufiger in der Presse. Gemeint ist: Eine sehr zögerliche, restriktive Haltung der Banken und Sparkassen bei der Darlehensvergabe. Unternehmensberater Joachim Brüser erklärt, warum selbst kleinere Finanzierungslücken derzeit in die Pleite führen können.
Unternehmer und Existenzgründer stellen seit Ende des Jahres 2008 zunehmend fest, dass ihre Darlehensanträge bei der Hausbank nicht ansatzweise so bewilligt werden, wie sie das erwartet hatten und wie es vielleicht auch notwendig wäre.
Zahlreiche Unternehmensbefragungen und Analysen belegen sehr deutlich:
Die Bankenwelt tut sich seit Ausbruch der Finanzkrise ganz allgemein sehr schwer mit der Gewährung neuer Darlehen.
Die Anforderungen an Antragsteller sind enorm in die Höhe geschraubt worden.
Am 27. Juli 2009 veröffentlichte die Europäische Zentralbank ihre aktuellen Daten. Demnach verringerte sich alleine im Monat Juni 2009 das Volumen der Kredite, die Unternehmen gewährten wurden, um den Rekordwert von 35 Milliarden Euro. Diesen stärksten Rückgang seit Beginn der Datenreihe veranlasste sogar den Volkswirt der Deutschen Bank zum Kommentar: "Das Minus ist spektakulär. Wir hatten bereits vorher negative Vorzeichen, aber mit der Zahl befinden wir uns in einer anderen Welt."
Kreditklemme - Wieso eigentlich?
Existenzgründer/innen und Unternehmen erleben momentan in großer Zahl, dass sie mit ihren Darlehensanträgen entweder vollständig scheitern oder mit unerfüllbaren Anforderungen an den Eigenkapitalanteil und an die Absicherung konfrontiert werden.
Die Ablehnung eines Kreditantrages wird beispielsweise mit "derzeit nicht einschätzbaren wirtschaftlichen Entwicklungen" begründet. Auf gut Deutsch: die langjährige Geschäftsverbindung, das erworbene Vertrauen, der Businessplan sind für die Katz.
Diese Probleme haben sich inzwischen zugespitzt und einen solchen Umfang angenommen, dass selbst die KfW in einer Studie Ende Mai 2009 konstatierte, dass "erhöhte Sicherheitsanforderungen den Unternehmen massive und gravierende Schwierigkeiten bereiten, an frisches Kapital zu kommen".
Besonders kleine Unternehmen sind betroffen - sie haben erhebliche Probleme, überhaupt einen Kredit zu erhalten (während große Firmen vor allem über schlechtere Finanzierungsbedingungen klagen). Banken verlangen heute vor einer Kreditvergabe erheblich mehr Unterlagen zu den Vorhaben, die finanziert werden sollen. Und sie pochen in deutlich höherem Umfang auf Sicherheiten.
Die KfW selbst geht übrigens davon aus, dass sich die Situation in den nächsten Monaten weiter verschärfen wird.
Das Problem von Existenzgründern und kleineren Unternehmen ist: Die so genannten "KMU" in Deutschland sind im Durchschnitt nur zu rund 20 Prozent eigenkapitalfinanziert - sie arbeiten also mit 80 Prozent Fremdkapital, d. h. geliehenem Geld. Verknappt eine Bank oder Sparkasse die Kreditversorgung, wird es ganz schnell sehr eng mit der Liquidität.
"Gute" (und damit vertretbare) Risiken aus Sicht der Kreditwirtschaft sind Vorhaben, bei denen ein hoher Eigenkapitalanteil und eine weitreichende Besicherung des Kreditengagements einhergehen mit wichtigen Ratingkriterien wie Kapitalausstattung und Ertragslage des Unternehmens.
Das jedoch ist bei Existenzgründungsvorhaben und auch bei mittelständischen Betrieben eher schwierig. Gerade, wenn Ratingkriterien wie Branchenzugehörigkeit u. a. ohne deren Einflussmöglichkeit drastisch verschlechtert werden.
Die erhöhten Anforderungen der Kreditinstitute an eine Darlehensvergabe beziehen sich insbesondere auf:
deutlich höhere Sicherheitsanforderungen
erhöhte Dokumentations- und Nachweispflichten
die Ratingeinstufung
Und als Folge dieser Kreditvergabepolitik registrieren Unternehmen auch:
erheblich längere Bearbeitungszeiten
und verschlechterte Konditionen
Denkbare Lösungsansätze bieten die vorhandenen Förderprogramme der Landesbanken und der KfW-Mittelstandsbank. Sie könnten wegen ihrer aktuellen Ausgestaltung vieles erleichtern - aber Banken vor Ort finden immer wieder Gründe, diese Kreditprogramme nicht mit einzubinden.
Und nicht in jedem Fall sagt das ein Banker so offen, wie kürzlich in einem Vier-Augen-Gespräch: "Bei einem solchen Betrag (es ging um unter 100.000 Euro) rechnet es sich einfach nicht für uns, diese Antragstellung über die KfW laufen zu lassen."
Für einen Bankkunden bedeutet das im Klartext: Rechnen Sie bei diesem Thema nicht unbedingt mit einer ausgeprägten Unterstützung durch Ihre Bank.
Die Diskrepanz zwischen den bereitstehenden Mitteln in öffentlichen Förderprogrammen und den tatsächlich beantragten Darlehensbeträgen ist gewaltig. Für Finanzierungen von KMU stehen im "Sonderprogramm 2009" der KfW 15 Mrd. Euro bereit - tatsächlich in Anspruch genommen wurde in mehr als einem halben Jahr weniger als 1 Milliarde. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem mehr als 60 Prozent aller Unternehmer in Deutschland von zunehmenden Schwierigkeiten bei Finanzierungen berichten.
Nicht ohne Grund tourt die KfW aktuell mit einem Bus durch die Bundesrepublik, um in 60 Städten über dieses Sonderprogramm zu informieren ("Konjunktur auf Tour").
Was können Sie tun?
Zu Ihren Vorbereitungsarbeiten einer Darlehensbeantragung sollte unbedingt eine ausführliche eigene Recherche gehören, damit Sie wissen, welche Förderprogramme Sie - zumindest den Richtlinien nach - einbinden können.
Ganz wichtig dabei: Es geht bei vielen Förderkrediten nicht nur darum, Darlehensmittel zu günstigen Konditionen bereitzustellen. Mindestens genau so wichtig ist es, dass diese Programme ganz erhebliche Unterstützung bereitstellen bzgl. der "banküblichen" Absicherung. Mit einer hohen "Haftungsfreistellung" wird nämlich der Bedarf an Sicherheiten auf ein Minimum reduziert. Beispielsweise das aktuelle Sonderprogramm der KfW: Investitionskredite können dort mit bis zu 90 Prozent Haftungsentlastung beantragt werden - das Risiko der Hausbank liegt damit lediglich noch bei 10 Prozent!
Nicht nur unverändert, sondern wichtiger denn je ist jetzt: Bereiten Sie sich bei Ihrem Kreditantrag extrem gut vor und tun Sie alles, um einem Kreditinstitut eine positive Entscheidung zu ermöglichen und zu erleichtern. Bedenken Sie immer die kritische Sichtweise der Bank oder Sparkasse auf Ihr Projekt bzw. Unternehmen.
Für einen Existenzgründer ist die Qualität des Businessplanes das ganz wesentliche Kriterium. Wird dieser als unprofessionell eingeschätzt, die Geschäftsidee als wenig tragfähig, wird dem Jungunternehmer ganz persönlich die notwendige Kompetenz nicht zugetraut oder findet der Banker die Zahlen der Finanzplanung nicht plausibel - dann folgt ganz konsequent die Absage. Ein Nachbessern ist im Regelfall nicht möglich.
Für Kleinunternehmer und Mittelständler gilt Vergleichbares: Auch wenn die Hausbank sicherlich seit Jahren weiß, was Sie herstellen, vertreiben oder als Dienstleistungen erbringen - die Erarbeitung eines kurz gefassten, aber präzise formulierten Businessplanes mit einer Finanzplanung für zumindest zwei Jahre gehört nicht nur "zum guten Ton" - er ist heute Standard und damit wichtige Basis für die Kreditentscheidung.
Wer heute noch darauf wartet, dass die Hausbank die letzten Bilanzen und die aktuelle BWA anfordert und die dann einreicht, handelt schon beinahe fahrlässig.
Und noch zwei Detail-Punkte, die in diesem Zusammenhang für jeden Antragsteller elementar wichtig sind:
Definieren Sie präzise, welchen Kapitalbedarf Sie haben. Es ist von der Finanzierungs- und auch von der Förderseite her ein ganz gravierender Unterschied, ob Sie Investitionen finanziert haben möchten oder so genannten Betriebsmittelbedarf haben.
Sagen Sie Ihrer Hausbank nicht nur genau, wie viel Geld Sie brauchen, sondern weisen Sie außerdem plausibel nach, dass Sie in der Lage sind, die anfallenden Zinsen und die Tilgung zu leisten. "Kapitaldienstfähigkeit" sagen die Banker hierzu - wenn die fehlt, nutzen auch die besten Sicherheiten nichts.
Beide Dinge sind eigentlich selbstverständlich - in der Praxis ist es aber unfassbar, wie viele Kreditanträge schon deshalb abgeschmettert werden, weil diese Aspekte von Antragstellern einfach nicht bedacht werden.
Ganz schlecht wäre es im Augenblick übrigens, wenn die Planung so ungenau ist, dass sich eine Finanzierungslücke auftut. Eine Bank oder Sparkasse braucht grundsätzlich "verlässliche" Zahlen, also Investitions- und Finanzierungspläne, Finanz- und Liquiditätsplanungen usw., die Bestand haben.
Alternativen zum Bankkredit
Sie sollten auch an alternative Finanzierungsformen denken: Alternativen zum klassischen Bankkredit.
"Eigenkapitalähnliche Mittel" bzw. Mezzanine-Kapital ist zu nennen, das ebenfalls von öffentlichen Fördergebern bereit gestellt wird. Das sind Mittel - häufig ausgestaltet als sogenannte "Nachrangdarlehen" - die sogar das Bilanzbild verbessern helfen, weil sie das Eigenkapital verstärken.
Zu den alternativen Finanzierungsformen zählt allerdings auch das Leasing. Aber auch Factoring kann für einen mittelständischen Betrieb ein geeignetes Instrument sein. Liquidität kann zudem durch das sale-and-lease-back-Verfahren beschafft werden, wobei es Anbieter gibt, die sowohl materielle Anlagegüter (Anlagen, Maschinen) wie auch immaterielle Werte (Patente/Marken) auf diesem Wege finanzieren.
Schließlich sollten Sie auch an Beteiligungskapital denken. Wenn das Geschäftsmodell das zulässt oder auch wenn hohe Wachstumsprognosen das ermöglichen, kann Beteiligungskapital sogar sinnvoll sein.
Egal, welche Finanzierung Sie ins Auge fassen: Planen Sie in jedem Fall ausreichend (!) Zeit und ggf. entstehende Kosten mit ein, die Sie für beratende Unterstützung brauchen. Es rechnet sich.
Gewappnet für die Krise
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