öffentlich
Redaktion Druckversion

Der richtige Abstand im Job

Wie viel Nähe und Distanz sollten Führungskräfte zulassen?

Balance finden

Die richtige Art der Kommunikation zu finden ist für Führungskräfte oft nicht ganz einfach. Denn am Arbeitsplatz gilt dasselbe wie im Konzertsaal: Wer die erste Geige spielen will, der muss immer den richtigen Ton treffen. Die Balance zwischen menschlicher Nähe und professioneller Distanz wird auf keiner Schule gelehrt. Dabei ist gerade dieser Punkt eines der wichtigsten Kriterien auf dem Karriereweg. Welche Fettnäpfchen auf junge Führungskräfte warten können - das erklärt Ihnen Jürgen W. Goldfuß.

Die Frage, die sich einer jeden neuen Führungskraft stellt: Soll ich mehr Nähe wagen oder doch besser auf Distanz gehen?

Auf der einen Seite sollten Sie für ein angenehmes, vertrauensvolles Arbeitsklima sorgen. Denn nur dort, wo menschliche Wärme und Verständnis spürbar ist, kann man Mitarbeiter zu (freiwilligen) Höchstleistungen anspornen.

Andererseits sollte aber keine allzu kumpelhafte Atmosphäre entstehen. Sonst wird es schwieriger, sich durchzusetzen und Vorgaben ohne Endlos-Diskussionen zu erreichen.

Ihre Rolle in dem Spiel: Sie sind die Wärmequelle

Sie kennen das wohlige Gefühl in der Nähe eines Lagerfeuers? Ist Ihnen zu kalt, dann rücken Sie näher an die Wärmequelle heran. Kommen Sie den Flammen zu nahe, wird es ungemütlich heiß und es besteht Verbrennungsgefahr, man entfernt sich etwas von der Glut. Entfernen Sie sich allerdings zu weit, dann sehen Sie zwar noch die lodernden Flammen - aber von der Wärme spüren Sie nichts mehr.

Genauso verhält es sich mit Ihrem Team: Ihre Mitarbeiter wollen menschliche Wärme spüren. Aber Vorsicht! Die Distanz zur Wärmequelle muss gleichzeitig gewahrt sein. Die Balance zwischen "zu nahe" und "zu weit weg" bestimmen Sie mit Ihren Worten, mit Ihrer Kommunikation, mit Ihrem Verhalten. Hier sind Ihre kommunikativen Fähigkeiten voll gefordert.

So halten Sie Nähe und Distanz in Balance

Machen Sie sich bewusst: Als Führungskraft stehen Sie unter permanenter Beobachtung durch Ihre Mitarbeiter.

Ihre Aussagen und Wortbeiträge werden kritischer bewertet als die gleichrangiger Kollegen. Befindet sich Ihre Abteilung oder Ihr Unternehmen gar in einer krisenhaften Situation, wird Ihr Team zusätzlich jedes Wort auf die Goldwaage legen. Es ist daher oft weniger entscheidend, was gesagt wird, sondern es zählt mehr, wer etwas sagt. Die Position verleiht den Worten ihr Gewicht.

Deshalb: Sprechen Sie eindeutig. Benutzen Sie positives Vokabular. Denken Sie immer daran: Sie sind jetzt nicht mehr gleichrangiger Kollege, sondern Chef. Auch wenn Sie Ihre Rolle vielleicht selbst weniger formell sehen, für Ihre Mitarbeiter sind Sie jetzt Vorgesetzter. Man erwartet von Ihnen nun professionelles Auftreten.

Denken Sie immer daran: Alles, was Sie jetzt sagen, motiviert (oder demotiviert) die Mitarbeiter, beeinflusst das Klima und die Effektivität Ihrer Abteilung.

Wollen Sie auf flapsige Bemerkungen absolut nicht verzichten, dann machen Sie diese bitte immer nur unter vier Augen. In der Praxis werden Sie allerdings schnell feststellen, dass das Risiko von Missverständnissen einfach zu groß ist, um mit Mitarbeitern allzu locker zu kommunizieren.

Verzichten Sie auf Kneipenbesuche

Ein populäres Fettnäpfchen sind die feucht-fröhlichen Anlässe, die geselligen Zusammenkünfte (gerade für "frischgebackene" Führungskräfte), die gemeinsamen Kneipenbesuche mit befreundeten Kollegen (Ihren heutigen Mitarbeitern), die Sie noch in positiver Erinnerung haben. Ordnen Sie solche Erinnerungen in die Rubrik "Aus meinem früheren Leben" ein. Wenigstens in der Anfangszeit in der neuen Führungsrolle sollten Sie auf gemeinsame Kneipenbesuche verzichten.

Wenn sich derartige Unternehmungen schon nicht vermeiden lassen, dann führen Sie bitte bei solchen Gelegenheiten keine dienstlichen Gespräche. Die professionelle Distanz ist nach dem dritten Glas in Gefahr! Deshalb sollten Sie sich auch nicht erst am Ende der Runde, sondern weitaus früher verabschieden.

Wenn Sie hier auf professionelle Distanz verzichten, entsteht bei Ihren anderen Mitarbeitern schnell das Gefühl der Ungleichbehandlung. Kommt es dann noch zu Unterschieden in der Ansprache (befreundete Mitarbeiter duzen, andere siezen Sie), sind Eifersüchteleien vorprogrammiert. Und handelt es sich bei den Beteiligten um Angehörige unterschiedlichen Geschlechts, werden im Team schnell die unterschiedlichsten Interpretationsmöglichkeiten kursieren.

Duzen oder Siezen?

Ein Thema, das gelegentlich zur Verunsicherung führt. Wie gehen Sie am Besten mit dem Thema um?

Zeigen Sie von Anfang an klar und deutlich auf, dass die Form der Anrede keine Bevorzugung oder Benachteiligung einzelner Mitarbeiter darstellt. Machen Sie klar, dass für Sie nur die Erreichung der vereinbarten Ziele als Maßstab für die Beurteilung der Mitarbeiter gilt. Bestätigen Sie Ihre Ankündigung dadurch, dass Sie (gerade am Anfang) gute Leistungen stärker hervorheben. Nun sind heute viele von dem locker wirkenden Stil amerikanischer oder skandinavischer Firmen beeindruckt, wo es keinen verbalen Unterschied zwischen dem DU und dem SIE gibt.

Lassen Sie sich nicht täuschen! Hinter der für uns sichtbaren persönlichen Nähe verbirgt sich professionelle Distanz, verpackt in einem freundlicheren Umgangston. Das Fehlen eines sprachlichen "Sie" dort bedeutet allerdings keinesfalls kumpelhafte Nähe.

Wenn das "Du" zum Problem wird

Manche Mitarbeiter glauben allerdings, dass sie mit einem "Du" größeren Einfluss auf ihren Chef nehmen können. Das zeigt sich besonders in Meetings, in denen bei kritischen Entscheidungen das vertraute "Du" überbetont wird: "Mensch Paul, Du als Chef kannst das doch durchsetzen!"

Haben Sie den Eindruck, dass das "Du" in solchen Situationen strategisch genutzt wird, dann zeigen Sie dem betreffenden Mitarbeiter durch einen distanzierten Ton, dass er keinerlei Vorrechte besitzt. Signalisieren Sie dem Mitarbeiter durch kurze prägnante Sätze, untermauert durch eine förmlichere (steifere) Körperhaltung, dass Sie ein solches Verhalten nicht akzeptieren. Reduzieren Sie dabei Ihr Lächeln. Lassen Sie den Mitarbeiter den "Liebesentzug" spüren (so wie Eltern ihren Kindern zeigen, dass sie mit deren Verhalten nicht einverstanden sind). Ihr Ziel in der Rolle als "Sandwich" zwischen oben und unten muss sein, nach beiden Seiten hin gleichzeitig die gleiche Nähe und die gleiche Distanz zu wahren.

Beitrag bewerten

Ihre Wertung:

 

Mitglied werden, Vorteile nutzen!

  • Sie können alles lesen und herunterladen: Beiträge, PDF-Dateien und Zusatzdateien (Checklisten, Vorlagen, Musterbriefe, Excel-Rechner u.v.a.m.)
  • Unsere Autoren beantworten Ihre Fragen

Downloads zu diesem Beitrag

Newsletter abonnieren