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Gewerkschaft für Selbstständige: Unfug oder unverzichtbar?

Verdi will sich künftig verstärkt um die Belange von Solo-Selbstständigen kümmern. Was ist davon zu halten?

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Stand: 1. Juli 2009

Die Vereinte Dienstleistungsgesellschaft hat ein "Selbstständigenpolitisches Programm" veröffentlicht: Verdi will sich künftig verstärkt um die Belange von Solo-Selbstständigen kümmern. Für viele gestandene Gewerkschafter, aber auch Vertreter des Unternehmerlagers, galt eine "Gewerkschaft für Selbstständige" bislang als Widerspruch in sich. Robert Chromow gewinnt der Verdi-Initiative überwiegend gute Seiten ab.

Das Verdi-Programm für Selbstständige

Seit vergangener Woche hat Verdi ein "Selbstständigenpolitisches Programm". Darin bekundet die Gewerkschaft erstmals auf höchster Ebene ihre ausdrückliche Absicht, in ihrem Zuständigkeitsbereich auch die Interessen von Solo-Selbstständigen zu vertreten. Sie reagiert damit nach eigenem Bekunden auf die erheblich gestiegene Zahl von Selbstständigen - davon viele unfreiwillige.

Die Gewerkschaft fordert unter anderem ...

  • eine verbesserte soziale Absicherung von Solo-Selbstständigen (insbesondere die Einbeziehung in die gesetzliche Sozialversicherung bei günstigen Beiträgen, die Beteiligung der Auftraggeber an den Sozialversicherungskosten sowie die Bekämpfung der Scheinselbstständigkeit),

  • die faire Vergütung selbstständig erbrachter Leistungen und

  • von Auftraggebern mitfinanzierte Weiterbildungsangebote.

Konkrete Maßnahmen zur Umsetzung der anspruchsvollen Agenda finden sich in den programmatischen Leitlinien nicht. Immerhin: In ihrem eigenen Verantwortungsbereich verspricht die Gewerkschaft ihren selbstständig arbeitenden Mitgliedern ...

  • Informations, Beratungs- und Weiterbildungsangebote,

  • Rechtsschutz bei geschäftlichen Streitfällen,

  • Öffentlichkeitsarbeit und politische Interessenvertretung zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation Solo-Selbstständiger sowie

  • Netzwerk-Plattformen, mit deren Hilfe das solidarische Handeln der Solo-Unternehmer untereinander und mit ihren angestellten Kollegen gestärkt werden soll.

Sofern gesetzlich zulässig, wollen die Gewerkschafter sogar vermehrt Kollektivverträge für bestimmte Berufsgruppen aushandeln (wie das zum Beispiel schon jetzt bei den Tarifverträgen für arbeitnehmerähnliche "Freie" bei Tageszeitungen der Fall ist).

Steuerberatung für Selbstständige

Inzwischen bietet Verdi auch Steuerhilfe für Freie - was bislang die wenigsten Gewerkschaftsmitglieder wissen. Der bisherige Lohnsteuerservice wurde um Einzelfall-Beratungen für Selbstständige erweitert.

Angesichts des umfangreichen Serviceangebots kann sich die Mitgliedschaft sogar für Freelancer lohnen, denen Gewerkschaftspositionen ansonsten eher fremd oder gar suspekt sind. Kostenpunkt: Ein Prozent des versteuerten Gewinns aus der selbstständigen oder gewerblichen Tätigkeit.

Wie bitte? Eine Gewerkschaft für Selbstständige!?

Dass sich Verdi um die Belange selbstständiger Einzelkämpfer kümmert, ist nicht wirklich neu. In ihrer Vorgänger-Organisation IG Druck und Papier (später IG Medien) fanden freiberufliche Journalisten, Schriftsteller, Künstler und ähnliche kreative "Exoten" seit eh und je eine politische Heimat - und konnten spezielle Beratungs- und Serviceangebote nutzen. Die ausgegründete Dienstleistungs-Plattform mediafon GmbH stellt viele dieser Angebote mittlerweile sogar Nicht-Mitgliedern zur Verfügung: zwar nicht kostenlos - aber zu vergleichsweise günstigen Konditionen. Mit Connex-av gibt es darüber hinaus eine eigene Interessenvertretung für Medienschaffende im Bereich Rundfunk, Film und Neue Medien.

Vor allem die Berufsgruppe der selbstständigen Publizisten ist in Gewerkschaftskreisen traditionell willkommen oder zumindest geduldet - nicht zuletzt im Kampf um die Meinungshoheit. In Solo-Unternehmern anderer Branchen sahen die Arbeitnehmervertreter hingegen vorwiegend eine Bedrohung abhängig Beschäftigter und gewerkschaftlicher Gegenmachtpositionen: Wenn das (schein-)selbstständige Dienstleistungs-"Prekariat" es den gesetzlich und vertraglich gebundenen Arbeitgebern ermöglicht, im Handumdrehen zu unbeschwerten Auftraggebern zu mutieren, verschlechtert das nun einmal die Lage der klassischen Gewerkschafts-Klientel.

Von der Hand zu weisen sind die Gefahren des Honorar- und Konditionen-Dumpings sicher nicht - das ist spätestens seit der massenhaften Gründung von Ich-AGs klar. Dass sich die größte Einzelgewerkschaft dessen ungeachtet als umfassende Interessenvertretung für Solo-Selbstständige begreift, liegt daher nicht nur an den rund 30.000 "Freien", die sie nach eigenen Angaben schon jetzt in ihren Reihen hat:

  • Die Zahl der (neuen) Selbstständigen in Dienstleistungsberufen wächst weiter.

  • Der wiederholte Wechsel zwischen Arbeitnehmer- und Selbstständigenstatus ist längst keine Ausnahme mehr.

  • Gewerkschaftsmitglieder, die als Arbeitslose oder von Kündigung bedrohte Arbeitnehmer unfreiwillig ins Lager der Selbstständigen wechseln und sich als solche unverstanden oder gar ausgegrenzt fühlen, gehen der Organisation auf Dauer verloren.

  • Vor allem aber: Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse beruflicher Einzelkämpfer, die ganz oder weit überwiegend von der Verwertung ihrer persönlichen Arbeitskraft leben, ähneln denen von Arbeitnehmern bei Licht betrachtet viel stärker als denen "richtiger" Unternehmer.

Durch Kooperation und Solidarität untereinander (und mit ihren angestellten Kollegen) können Solo-Selbstständige sowohl ihre objektive Verhandlungsposition stärken als auch die Voraussetzungen für ihr eigenes Überleben am Markt verbessern.

Frag-würdige Forderungen

Ob es Verdi auf Dauer gelingt, über den eigenen Schatten zu springen und den tiefen Graben zwischen ihrer Stamm-Mitgliedschaft und neuen Selbstständigen zu überwinden, steht auf einem anderen Blatt. Wie schwierig die Umorientierung ist, zeigt sich am nach wie vor schwerfälligen Umgang mit Arbeitslosen: Bis heute gelten Gewerkschaften in erster Linie als Interessenvertreter der Arbeitsplatzbesitzer.

Hinzu kommt, dass so manche Forderung des selbstständigenpolitischen Programms nicht nur in den Ohren von Arbeitgebern/Auftraggebern und anderen Gewerkschaftskritikern unausgegoren, abwegig oder gar bedrohlich klingt.

Freien wird das Leben durch einen pauschalen Scheinselbständigkeits-Verdacht schon jetzt schwer gemacht. Da dürften sie von der Forderung nach verstärkter Bekämpfung der Scheinselbstständigkeit wenig begeistert sein.

Ein genereller Anspruch auf (Mit)Finanzierung von Weiterbildungen durch Auftraggeber wird hingegen eher für allgemeine Heiterkeit sorgen: Warum ausgerechnet dieser Kostenbestandteil - womöglich per staatlicher Weiterbildungsabgabe - auf die potenziellen (?) Auftraggeber von Selbstständigen umgelegt werden soll, erscheint nicht wirklich plausibel. Bei aller Verwandtschaft zu Arbeitnehmern: Ein Mindestmaß an unternehmerischem Denken müssen Selbstständige schon an den Tag legen, wenn sie auf Dauer am Markt überleben wollen. Dazu gehören auch die Kalkulation, das Vermitteln und das Durchsetzen angemessener Honorare - Weiterbildung inbegriffen.

Trotzdem: Wenn Verdi in ihren Reihen nun auch selbstständige Fahrradkuriere, Pflegekräfte, Dozenten oder Programmierer ausdrücklich willkommen heißt, ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wie schwierig es ist, in einer Gewerkschaft neben der traditionellen Betriebsarbeit eine schlagkräftige Freien-Vertretung zu verankern, wissen deren Protagonisten selbst: Das zuständige Referat bittet selbstständige Mitglieder schon jetzt in weiser Voraussicht darum, die übrigen Fachbereiche "auf Trab zu bringen".

Kommentar: Gewerkschaft? Find' ich gut!

Als Beamtenkind habe ich Unternehmertum und Selbstständigkeit wahrlich nicht mit der Muttermilch aufgesogen. Schon eher, dass kleine Leute gut daran tun, sich mit ihresgleichen zusammenzutun, um nicht hilflos der Übermacht von Arbeit- und Kapitalgebern ausgeliefert zu sein. Da war es Ehrensache, mich schon als Student gewerkschaftlich zu organisieren und politisch aktiv zu werden.

Dass ich mich später selbstständig gemacht habe, war vorwiegend aus der Not geboren: Trotz Ausbildung, Studium und einiger Berufserfahrung fand ich in meiner näheren Umgebung keine Beschäftigung, die zu meinen Qualifikationen und meiner damaligen familiären Situation passte. Bereut habe ich den Wechsel in die Selbstständigkeit nicht - im Gegenteil: Im Laufe der letzten 15 Jahre habe ich deren Vorteile erst nach und nach so richtig schätzen gelernt!

Zum Glück brachte es meine Arbeit als freiberuflicher Journalist mit sich, dass ich meine Sympathie für (viele) gewerkschaftliche Positionen beim Wechsel ins "Unternehmerlager" nicht wie einen unpassenden Anzug ablegen musste: Denn in der damaligen IG Medien gab es für selbstständige Gewerkschaftsmitglieder eine verdienstvolle "Freien-Beratung". Die leistet seit Jahr und Tag auf vielfältige Weise Hilfe zur Selbsthilfe:

  • mit fundierten Informationen (wie dem mediafon-"Ratgeber Selbstständige"),

  • qualifizierten und günstigen Weiterbildungsangeboten rund um die Selbstständigkeit im Medienbereich,

  • Unterstützung bei der Vernetzung mit anderen Kollegen,

  • persönliche Einzelfallberatung in rechtlichen Zweifelsfragen sowie

  • Rechtsschutz in Streitfällen.

Mindestens ebenso hilfreich finde ich die vielen Möglichkeiten, mich in fachlichen, geschäftlichen und persönlichen Fragen mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen - und uns gegenseitig zu unterstützen. Schließlich gilt auch und gerade für selbstständige Einzelkämpfer: Allein machen sie dich ein!

Und Sie?

Wie stehen Sie zu einer "Gewerkschaft für Selbstständige" - ob nun unter dem Dach von Verdi oder außerhalb des DGB?

  • Fühlen Sie sich auch eher dem Arbeitnehmer- als dem Unternehmerlager zugehörig?

  • Brauchen Solo-Unternehmer eine kollektive Interessenvertretung - oder ist schon die Vorstellung völlig unpassend und überflüssig wie ein Kropf?

  • Versprechen Sie sich mehr Nutzen von Berufs- und Branchenverbänden und / oder informellen sozialen Netzwerken?

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Anwartschaft auf Festanstellung.

Ich schließe mich diesem Beitrag hier an, noch unwissend,ob Sie mir hier überhaupt helfen können. Aber hier bin ich gelandet, nachdem ich versucht habe, die Ver.di zu kontaktieren und mir als nicht Gewerkschaftsmitglied Hilfe in einer rechtlichen Sache erhofft hatte, die mir nun zwar gerne eine Mitgliedschaft anbieten würde, aber nicht mehr in ein laufendes gerichtliches Verfahren eingreifen möchte. Ich sehe mich in Ihrem Beitrag eher da angesprochen, wo aus den ehemaligen Arbeitnehmern "sogenannte" Soloselbständige wurden, nicht aus dem Bereich der Freien, aber auch nicht der der Kurierfahrer, um den sich in letzter Zeit häufiger mal die Medien kümmern und möchte heute eigentlich mit Hilfe eines Anwalts eher darauf hinaus, dass die Tätigkeit der letzten Jahre eher eine "Anwartschaft auf Festanstellung" war, als das sie eine Selbständigkeit war. Leider kämpfen wir hier bislang auf verlorenem Posten und bräuchten dringend Hilfe. Ob seitens der Medien, die sich mit ähnlichen Fällen bereits beschäftigen oder Arbeitsrechtsanwälten etc. Gerne auch durch Sie persönlich, wenn Ihnen hierzu bereits genug Grundlage zur Verfügung steht.

Antwort: Anwartschaft auf Festanstellung.

Hallo,
ehrlich gesagt habe ich Ihr Anliegen nicht wirklich verstanden.

Zweifellos sind die Gewerkschaften der richtige Ansprechpartner für prekäre, scheinselbstständige Tätigkeiten, die auf Druck verantwortungsloser Auftraggeber / Arbeitgeber eingerichtet werden.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass ver.di Neu-Mitgliedern normalerweise keinen Rechtsschutz bei bereits anhängigen Gerichtsverfahren gewährt: Falls Sie und / oder Ihr Anwalt Hinweise auf systematische Ausbeutung von ArbeitnehmerInnen in bestimmten Branchen haben, sind die Gewerkschaften daran aber ganz bestimmt interessiert.

Alles Gute und freundliche Grüße
Robert Chromow

endlich!

Guten Tag,

da gehen verdi die Mitglieder aus und man will nun schon Selbstständige organisieren oder eher doch regulieren? Da erscheint mir verdi der falsche Ansprechpartner, zumal diese bisher noch nicht einmal die Interessen von Beschäftigten in KMUs vernünftig artikulieren konnte. Die Übernahme des KSK Modells wäre eine Katastrophe, hierdruch wurde bereits erfolgreich der Markt für freie Artdirektoren geschrumpft.

Leider muss man als Selbstständiger immer wachsam sein, wenn Gewerschaften oder öffentliche Hand diesen Bereich fördern wollen hat man als nächstes neue statistische Bögen, neue steuerliche Erfassungsformulare und Regelungen, Verordnungen und im Zweifelsfall neue Abgaben bzw. erweiterte Bemessungsgrundlagen auf dem Schreibtisch.

Mit freundlichen Grüßen

Einerseits, andererseits

Einerseits finde ich Hilfestellung und Interessenvertretung für kleine Selbständige absolut gut. Viele Soloselbständige schlagen diesen Weg nicht freiwillig ein, auch wenn die Selbständigkeit unbestreitbar Vorteile hat. Auch den Rechtsschutz halte ich für sinnvoll, insbesondere wenn der Auftraggeber ein Großunternehmen ist. Da benötigt man ein wenig Waffengleichheit.
Andererseits sind mir manche Sprüche von ver.di so fremd wie ein Marsbewohner: "Kein Verkaufsdruck". Was habe ich denn sonst als Selbständiger? Verstehen die mich wirklich?
Aber abgesehen von speziellen Berufsverbänden (wo sie existieren) ist das wohl der sinnvollste Partner.

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