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Professionell morden auf Papier

Interview mit der Krimi-Lektorin und Workshopleiterin Lisa Kuppler

Die rechte Hand hält eine Kanone, der Blick ist martialisch: Die Lara-Croft-Puppe, die im Berliner Büro von Lisa Kuppler steht, ist lebensgroß und überragt ihre Besitzerin um einige Zentimeter. "Ich interessiere mich für jede Art von populärer Kultur, von Hollywood-Filmen bis zu Krimis, Science-Fiction und Fantasy", sagt die Krimi-Lektorin und rückt dabei ihre silberne Brille zurecht. Seit rund zehn Jahren ist sie im Geschäft, ihre Arbeit versteht die 41-Jährige als Grenzgang zwischen Literatur-Theorie und Schreib-Praxis, zwischen Verleger und Autor. Das vermittelt die gebürtige Schwäbin auch in ihren Workshops, die sie mit dem Berliner Autor Carlo de Luxe leitet: Dort werden den Teilnehmern nicht nur das Handwerk des Schreibens beigebracht, sondern auch Einblicke in die Realität des Buchmarkts gewährt.

"Wenn irgendwo Pilze schmoren, wird der Kriminalist unwillkürlich hellhörig", sagte die Gift-Expertin und Krimi-Ikone Agatha Christie. Welche Morde gefallen Ihnen am besten?

Kuppler: Ganz privat finde ich harmlose Morde langweilig. Heute ist vor allem der Serienkiller eine attraktive Figur, was bedeutet, dass in aktuellen Krimis unglaublich brutal gemordet wird. Wie in allen populären Genren - man denke nur an Filme wie Pulp Fiction, Leon der Profi oder Kill Bill - ist auch das Gewalt-Level in den Krimis angestiegen. Einfach eine Leiche irgendwo in einer Villa, das reicht heute nicht mehr. Serienkiller sind vielleicht auch deshalb so faszinierend, weil es keine eindeutige soziale Ursache für ihre Verbrechen gibt. Woher das Böse kommt, ist in den Krimis nicht mehr so wichtig. Die Leser interessiert mehr, was im Kopf des Serienmörders vor sich geht, wie seine Psychologie funktioniert und zu welchen bizarren Verbrechen das führt.

In den letzten Jahren haben sich Autoren wie Henning Mankell, Hakan Nesser und Siri Hustvedt, allesamt Skandinavier, mit ihren sozialkritischen Krimis einen Namen gemacht. Die Geschichten spielen in abwegigen Milieus, zerrütteten Familien. Hat sich das Genre Krimi gewandelt?

Kuppler: Der große Wandel kam in den 70er-Jahren. Davor waren grob zwei Richtungen dominierend: Beim Landhauskrimi wie den Geschichten von Agatha Christie will man das Verbrechen enträtseln. In der Regel kommt da eine Amateur-Ermittlerin wie Miss Marple an den Ort des Verbrechens - meist ein abgeschiedener Ort wie eben das britische Landhaus -, spricht mit allen Verdächtigen und löst den Fall dann mit viel psychologischem Gespür. Beim so genannten Hard-Boiled-Krimi, der in den 30er-Jahren in den Vereinigten Staaten entstanden ist, hat man einen professionellen Ermittler, den Privatdetektiv. Die Auflösung des Falls steht nicht mehr im Vordergrund. Das sind oft lyrische Großstadt-Porträts, in denen ein harter, sehr männlicher Held - ikonenhaft verkörpert durch Humphrey Bogart - auf eine rätselhafte weibliche Schönheit trifft, deren dunkles Geheimnis er enthüllen muss. Im Extremfall, wie z.B. in Raymond Chandlers Buch Der große Schlaf, versteht dann niemand mehr, wer wen warum umgebracht hat. Aber das ist auch egal. Dahinter steckt eine Weltsicht, dass überall Verbrechen und Korruption stattfinden. Auch der Held ist hier nicht mehr eindeutig nur der Gute. In den 70er-und 80er-Jahren kam dann eine Welle von Krimis, die die Anliegen der 68er-Generation, der Frauenbewegung, der Ökobewegung oder der Schwulen- und Lesbenbewegung in Krimis verarbeiteten. In Deutschland sind damals die sozialkritischen Krimis vom schwedischen Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö sehr erfolgreich gewesen.

Sie arbeiten als Lektorin unter anderem für die Verlage Rotbuch und Die Hanse. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob ein Manuskript veröffentlicht werden soll?

Kuppler: Ich achte bei den Büchern, die ich meinem Verleger zur Veröffentlichung vorschlage, auf allgemeine Kriterien: Ist die Story spannend, zieht mich das Buch von Seite eins bis 300 in seinen Bann? Regelmäßig prüfe ich auch die unaufgefordert eingesandten Manuskripte. Doch aus diesen hohen Stapeln habe ich in den letzten zehn Jahren nur drei Krimis veröffentlicht. Das Problem ist, dass jeder, der Zeit hat und in Frankreich Urlaub macht, meint, nun müsse er einen schönen Frankreich-Krimi schreiben. Und dann will er ihn auch gleich veröffentlichen. Einen guten Krimi schreiben, das kann doch jeder - diese Einstellung ist weit verbreitet. Doch als Hobbyschreiber muss man sich genau fragen, ob die eigenen Geschichten wirklich so spannend sind, dass andere Menschen bereit sind, dafür Geld auszugeben. Der Krimi ist das populäre Genre, das es geschafft hat, als ernst zu nehmende Literatur wahrgenommen zu werden. Inzwischen kann man auch Paul Auster oder Dostojewski als Krimi lesen. Im Krimi steht immer die aktuelle Realität im Zentrum, es geht um das Heute, um Menschen und Probleme, die jeder kennt, auch um so etwas wie Zeitgeist. Und im Prinzip macht das auch die Belletristik aus. Als Lektorin suche ich nach Krimis, die nicht einfach gut geschrieben sind, sondern sie müssen auch etwas Originelles über unsere Zeit vermitteln.

Manchmal hat man das Gefühl, dass Krimi-Autoren immer wieder die gleiche Erzählweise verwenden. Ein Plot, eine Pointe und dann wird die Handlung darauf zugeschnitten. Ist das eine Genre-Konvention?

Kuppler (lacht): Nein, Langeweile ist natürlich keine Genre-Konvention des Krimis. Zusammen mit dem Autor Carlo de Luxe leite ich auch Krimi-Schreibworkshops. Wir besprechen da Die Bildhauerin von Minette Walters, ein wunderbar geplotteter Krimi. Dieser Krimi hat keinen eindeutigen Schluss, die Leser wissen am Ende nicht hundertprozentig, wer denn nun eigentlich der Mörder ist. Und eigentlich ist das ein klassischer Genre-Fehler: Die Faustregel beim Krimiplotten heißt: kein offenes Ende. Am Schluss müssen alle Fragen geklärt sein. Aber bei Der Bildhauerin funktioniert dieser Kunstgriff. Am Ende des Buches bleibt dem Leser die Erkenntnis, dass die Wahrheit eben nicht so eindeutig ist. In unserem Workshop geht es darum, die Genre-Konventionen des Krimis, die wir alle unbewusst im Kopf haben, deutlich zu machen. Die hohe Kunst des Krimischreibens besteht darin, innerhalb dieser Konventionen einen neuen Dreh zu finden und eine originelle Geschichte zu schreiben.

Carlo de Luxe hat bereits eine Reihe von Krimis auf den Markt gebracht, darunter Latex letal, Tödliches Tarot und Mord in Mitte. Die Titel klingen stark nach Pop und Trash - ein Zeichen von Originalität?

Kuppler: Carlo de Luxe würde ich als einen etwas schrägen Vertreter des zeitgenössischen Landhauskrimis bezeichnen. Mit seiner Serienfigur, dem schwulen Kommissar Knudsen, schreibt er tolle Porträts der Berliner schwullesbischen Szene. Trash und Parodie sind Carlos Markenzeichen. In Mord in Mitte hängt da zum Beispiel eine Leiche eingewickelt in eine Regenbogenflagge von der Bühne. Aber Carlo beobachtet die Realität scharf und setzt sie in originelle Bilder und packende Szenen um, alles mit viel Humor. Und manchmal bleibt einem das Lachen da schon im Hals stecken. Wie schreibt man guten Humor? Darum geht es auch in unserem Workshop.

Kommt es vor, das bei einem Workshop Talente gefunden werden?

Kuppler: Ich glaube, jeder Mensch bringt ein gewisses Talent zum Schreiben mit in unsere Workshops. Ob das Talent zur Veröffentlichung reicht, das ist eine ganz andere Frage. Ein guter Autor zeichnet sich dadurch aus, dass er neugierig ist auf andere Menschen und ihre Geschichten, dass er genau zuhört und hinschaut. Schreiben hat viel mit Leidenschaft zu tun. Und mit Handwerk. Ein guter Autor zu werden, das dauert lange. In unserem Workshop unterrichten wir vor allem die handwerkliche Seite des Schreibens. Wir zeigen, wie man Bilder, Figuren und Geschichten entwickelt, wie man einen spannenden Plot konstruiert. Wir beschäftigen uns mit dem perspektivischen Schreiben. Eine klassische Creative-Writing-Regel lautet: In einer Szene darf sich die Perspektive nicht wechseln. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Oder das berühmte "zeigen, nicht behaupten" - was bedeutet das eigentlich und wie "schreibt" man so? Wir arbeiten sehr genau am Text, gehen oft Wort für Wort durch. Aber trotz allem: Schreibtalent können wir fördern, aber nicht lehren. Das bringen die Teilnehmer selbst mit.

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