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Psychische Gesundheit

Was ist psychische Gesundheit?

Die "echten" Gefühle erkennen und ausdrücken

Wenn wir im Reinen mit uns selbst sind, dann fällt es uns recht leicht, klar zu sehen: Wir wissen, ob wir traurig sind, wütend, neidisch, eifersüchtig oder fröhlich. Und wir können diesem Gefühl Ausdruck verleihen. Das ist ein wichtiges Merkmal psychischer Gesundheit: Gefühle erkennen, benennen und ausdrücken zu können.

Im Gegensatz zu Bedürfnissen, bei denen man darauf angewiesen ist, Dinge zu haben und zu bekommen, um mich gut zu fühlen, sind Gefühle eher "nach außen" gerichtet. Es sind innere Regungen, die nach Ausdruck verlangen. Wenn ich wütend, enttäuscht, fröhlich oder verwirrt bin, dann brauche ich die Möglichkeit, dies meiner Umwelt auch mitzuteilen. Wenn ich Gefühle zu lange für mich selbst behalte, so ist dies psychisch belastend und kann langfristig zu psychosomatischen, also körperlichen Beschwerden führen.

Allzu oft sind wir nämlich weit davon entfernt, unsere Gefühle benennen zu können: Wir sind verwirrt und schlecht gelaunt, ohne dass wir sagen könnten, welche Laus uns eigentlich über die Leber gelaufen ist. Ein Gefühlsmix kann ganz schön verstörend sein.

Beispiel:

Martin geht mit Magenschmerzen ins Büro. Er hat heute ein Gespräch mit seinem Chef. Martin ist eigentlich wütend auf seinen Chef, weil dieser seine Arbeit nicht ausreichend würdigt. Doch er will diese Wut nicht wahrhaben. Die Stimmung im Büro empfindet er heute als gereizt, seine Kollegen kommen ihm "irgendwie aggressiv" vor.
Dass er heute Morgen noch selbst wütend war, hat er ganz vergessen. Magenschmerzen und diffuse Ängste machen sich breit. Martin betritt das Büro des Chefs und bemerkt jetzt ganz andere Gefühle: Er ist irgendwie neidisch auf ihn, denn er ist wirklich ein kompetenter Mann. Ein wenig Bewunderung schwingt mit. Eigentlich kann er ihn nicht leiden, aber ein Funke Sympathie ist doch auch immer da. Und sein Macho-Gehabe erinnert ihn unbewusst an die Art seines Vaters.

Neid, Wut, Unsicherheit: Die Gefühlsmischung komplett. Wie soll Martin da noch "ein Gefühl" erkennen, benennen und ausdrücken können? Doch auch diese Situationen gehören zum Alltag. Unsere Gefühle sind sehr oft "gemischt". Wir kennen die Ursache für unsere schlechte Laune oft nicht und wir wissen manchmal nicht mehr, was zu uns und zu den anderen gehört. Da hilft es nur, sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass meistens die Zeit mehr Klarheit schafft. Je länger Martin mit diesem Chef zusammenarbeitet und je mehr Situationen er mit ihm erlebt, desto deutlicher werden wahrscheinlich die einzelnen Gefühle und desto klarer werden die Bilder, die er zu der Situation hat. Vielleicht kommt er über die Zeit zu der Überzeugung, dass er mit diesem Chef nicht mehr zusammenarbeiten will. Vielleicht lernt er aber auch, ihm deutlicher die Meinung zu sagen und vielleicht ist sein Chef auch gar nicht so verständnislos wie Martins Vater, sondern lässt durchaus mit sich reden.

Eines von Martins Gefühlen ist jedoch von Anfang an recht klar: Die Wut. Erst, als er seinen Ärger nicht akzeptiert und ihn "abwehrt", wird das Gefühl unklar. Daraufhin hat ein typischer "Abwehrmechanismus" eingesetzt: Die Projektion. Bei der Projektion nehmen wir unser eigenes Gefühl nicht mehr wahr und schreiben es anderen Menschen zu. Auf einmal scheint "die ganze Welt gegen uns" zu sein.

Mit Projektion zur Selbsterkenntnis

Wenn Sie das Gefühl haben, die ganze Welt sei gerade gegen Sie gestimmt, dann fragen Sie sich ehrlich, ob Sie selbst nicht gerade unfreundlich, feindselig und wütend sind.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie "schon wieder" eine gereizte Kollegin zu Ihnen ins Büro gesetzt bekommen, dann fragen Sie sich, ob Sie vielleicht selbst schon wieder gereizt sind, weil Sie beispielsweise grundsätzlich lieber alleine arbeiten würden.

Fragen Sie sich einmal, über welche "Sorte Mensch" Sie sich grundsätzlich aufregen können. Sie können sicher sein, dass Eigenschaften, die Sie an anderen unmöglich finden, auch Anteil Ihres eigenen Charakters sind. Da kann einem schon anders werden. Lassen Sie diesen Gedanken jedoch zu, können Sie nicht nur etwas über sich selbst lernen, sondern auch entspannter mit schwierigen Zeitgenossen umgehen.

Die Frage, ob das, was ich außen wahrnehme, vielleicht auch ein Teil von mir ist, kann in manchen Situationen hilfreich sein. Auch, wenn wir die unangenehmen Seiten und Gefühle, die wir an uns feststellen, nicht mögen: Es sind die eigenen Gefühle, die gewürdigt werden wollen.

Versteckte Gefühle erkennen: das Beispiel "Angststörung"

Eine Angststörung zeichnet sich dadurch aus, dass der Betroffene ständig "irgendwie" eine Angst erlebt, die er nicht erklären kann. Sie ist diffus und kaum zu begreifen. Doch diese Angst hat durchaus einen Grund: Es liegen Gefühle zugrunde, die der Betroffene irgendwann einmal völlig beiseite geschoben hat, weil er sie nicht akzeptieren konnte.

Beispiel:

Patrizia hat schon bei Antritt ihrer Arbeit gewusst, dass sie sich an dieser Arbeitsstelle nicht wohlfühlt. Das Büro war ihr unsympathisch und die Tätigkeit entsprach nicht ihren Fähigkeiten. Immer wieder hatte sie Angst, zu versagen. Doch diese Gefühle konnte sie nicht zulassen, weil sie scheinbar dringend auf diese Stelle angewiesen war. Sie hatte nicht das Selbstbewusstsein, daran zu glauben, dass sie schon eine geeignetere Stelle finden würde. Patrizia verdrängte ihre Furcht vor dem Versagen - und bekam stattdessen diffuse Ängste davor, sich in engen Räumen aufzuhalten. Diese Krankheit ihrer Psyche verschlimmerte sich, bis sie aus Angst den Fahrstuhl nicht mehr benutzen konnte.

Mithilfe eines Berufscoaches kann sie mit der Zeit diesen Weg rückgängig machen. Immer öfter spürt sie, dass sie ihren Aufgabe nicht gewachsen ist und andererseits die großen Fähigkeiten, die sie auf anderem Gebiet hat, nicht ausleben kann. Diese Einsicht ist sehr schmerzhaft für sie. Nicht gut genug zu sein auf einem Gebiet tut Patrizia unglaublich weh. Doch mit diesen Einsichten geht die unbestimmte Angst zurück. Das erste Mal seit langem erlaubt sie sich, weiterzudenken. Sie beginnt, erneut Stellenanzeigen zu durchforsten und findet mit Hilfe des Berufscoaches einen Job, der ihr entspricht. Nachdem Patrizia ihr wahres Gefühl der Versagensangst und das Bedürfnis nach einem anderen Arbeitsumfeld wieder empfinden kann, wird sie wieder fähig, über ihre Situation nachzudenken, zu sprechen und kreative Problemlösungen zu erarbeiten.

Wie geht es mir eigentlich ?

Versuchen Sie bei der nächsten Gelegenheit einmal Worte zu finden für die einfache Formulierung: "Mir geht es schlecht." Fragen Sie sich genauer: Was meinen Sie damit? Was bedeutet "Schlechtgehen" für Sie? Sind Sie ärgerlich? Und wenn ja, auf wen? Vermissen Sie etwas? Fühlen Sie sich über- oder unterfordert?
Und umgekehrt: Wann genau ging es Ihnen das letzte Mal so richtig gut? Was können Sie konkret tun, um diesen Zustand wieder zu erreichen?
Wer versucht, einfache Formulierungen zu differenzieren, erkennt neue Auswege.

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Über die Autorin:

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Dr. med. Dunja Voos, geb. 1971, ist freie Autorin, Medizin- und Psychologiejournalistin. Ihre Schwerpunkte sind die Themen Psychosomatik, Psychoanalyse und die seelische Gesundheit von Kindern. Als eh ...

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