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Psychische Gesundheit

Was ist psychische Gesundheit?

Die eigene Geschichte und sich selbst kennen

Wiederholte Erlebnisse haben ihre Wurzeln oft in der Kindheit. Die Erfahrungen, die wir in der Kindheit machen, sind tiefgreifend. Sie formen nachweislich unser Gehirn und damit unsere Erwartungen an die Welt. Unsere Eltern sind die ersten Menschen, durch die wir "Beziehung lernen". Wer verständnisvolle Eltern hatte, der rechnet auch im späteren Leben eher mit Wohlwollen von außen. Wer für die Äußerung seiner Gefühle und Bedürfnisse als Kind nicht gewürdigt oder gar bestraft wurde, erwartet oft auch später wenig Verständnis von anderen Menschen und wird seine Gefühle wahrscheinlich häufiger unterdrücken, weil er dies als Kind gelernt hat.

Tiefgreifende Vorstellungen, die wir von uns selbst, von den anderen und von den Beziehungen haben, nennen Psychologen "Repräsentanzen". Es sind Modelle, die wir in uns tragen. Grundlage ist unser erstes Beziehungsgeflecht von Vater, Mutter und Kind. Diese Repräsentanzen begegnen uns auch im Erwachsenenalter wieder.

Daher gehen wir manchmal mit bestimmten Erwartungen auf andere zu und provozieren vielleicht sogar altbekannte Reaktionen. Strenge Eltern haben möglicherweise bewirkt, dass man nun als Erwachsener mit Autoritäten zu kämpfen hat. Eltern, denen alles egal war, haben vielleicht bewirkt, dass wir besonders konservativ sind, besonders starr an unseren Werten festhalten und für alles eine Regel aufstellen wollen. Die Kindheit hat einen relativ großen Einfluss auf das, was wir als Erwachsene erleben. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Kindheitsgeschichte und unsere dadurch geprägten Erwartungshaltungen kennen und einschätzen können.

Veränderung ist immer möglich

Obwohl unsere Kindheit uns sehr geprägt hat, ist eine Veränderung immer möglich. Wir können ein Leben lang neue Beziehungserfahrungen machen, durch die wir uns weiter entwickeln. Jeder hat Stärken und Schwächen mit auf den Weg bekommen, die er nutzen und berücksichtigen kann. Aus der Neurobiologie weiß man heute, wie sehr sich die "Nervenstraßen" im Gehirn verändern können und wie wir ein Leben lang durch neue Erfahrungen neu geprägt werden.

Das Märchen von der selbsterfüllenden Prophezeiung

Wahrscheinlich kennen Sie den Begriff der "selbsterfüllenden Prophezeiung" oder "self-fullfilling prophecy". Damit ist der Einfluss gemeint, den unsere Erwartungen auf den Verlauf und Ausgang einer Sache ausüben. Eine ganze Generation von Motivations-Gurus verkaufte die Botschaft: "Man kann alles erreichen, wenn man es wirklich will. Es ist nur eine Frage der inneren Einstellung."

Natürlich ist es hilfreich, das was man anstrebt auch wirklich zu wollen. Es stimmt auch, dass mit ein bisschen Optimismus vieles leichter fällt. Vieles hat man aber einfach nicht in der Hand, schon gar nicht mit einfachen Vorhersagen. Wer sich die Dinge "schönredet", wird seine Situation vielleicht eine Weile besser ertragen - ändern können wird er sie so aber nicht.

Erfolg lässt sich ebensowenig herbeireden wie Mißerfolg. Auch wenn die genannten Prägungen aus der Kindheit wichtig sind - unsere innersten "Prophezeiungen" können wir nicht einfach wechseln wie einen Sender am Radio. Sie gehören schließlich zu uns und unserer Persönlichkeit und sind entstanden aus unseren langjährigen Erfahrungen.

Doch was ist beispielsweise mit Menschen, die wirklich immer wieder durch eine Prüfung fallen, die sich schon wieder mit ihrem neuen Chef nicht verstehen oder zum vierten Mal in diesem Winter mit der Grippe kämpfen? "Ich hab's doch gleich gewusst", sagen sie. Das, was sie befürchtet haben, ist eingetreten.

Wer schon immer Schwierigkeiten mit Autoritäten hatte, der kann nicht einfach darüber hinweggehen und sich sagen: "Diesmal werde ich mich blendend mit meinem Chef verstehen, ich muss nur fest genug daran glauben."
Wer ein Fach studiert oder einen Beruf lernt, obwohl er sich dafür eigentlich nicht interessiert, kann natürlich versuchen sich einreden, dass er mit einem Motivationstraining die nächste Prüfung in jedem Fall schaffen wird. Er könnte sich stattdessen aber auch fragen, was ihm seine Prüfungsangst denn eigentlich sagen möchte.
Auch wenn es schwer sein mag: es ist gesünder, sich seine inneren Einstellungen und Prophezeiungen einmal näher anzusehen, anstatt zwanghaft positiv zu denken.

Denn diese inneren Prophezeiungen sind sehr real. Auch wenn wir sie oft nicht erfassen und begreifen können, so prägen sie unser Leben sehr stark. Sie sich ausreden oder gar abgewöhnen zu wollen, ist ebensowenig zielführend, wie mit einem Bänderriss joggen gehen zu wollen oder sich bei einer Migräne vorzunehmen, keine Kopfschmerzen mehr zu haben.

Unsere inneren "Prophezeiungen" entstehen aus der Erfahrung. Sie sagen etwas über unsere innersten Wünsche aus. Manche Menschen fürchten sich gar vor der eigenen Prophezeiung, als sei sie etwas Magisches. Man bekommt eine Grippe jedoch nicht, weil man sich davor fürchtet, sondern aufgrund der Viren, weil der Körper aus dem Gleichgewicht geraten ist oder weil man die Tage der Krankheit benötigt, um wieder zu sich zu finden.

Sie können ruhig einmal Dinge befürchten, das heißt nicht, dass sie eintreten. Stattdessen können Sie sich die Furcht ansehen und sich fragen, was Sie sich eigentlich wünschen oder was Sie mit dieser Furcht zum Ausdruck bringen wollen. Positives Denken schadet nicht, aber Sie sollten sich damit auch nicht unter Druck setzen. Wenn Sie sich nicht gut fühlen, sich aber "einreden" wollen, dass Sie die oder der Beste sind, dann verschwenden Sie damit nur Ihre Kraft. Nutzen Sie diese Kraft lieber dazu, das Gegebene so weit wie möglich nach Ihren Wünschen zu gestalten.

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Über die Autorin:

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Dr. med. Dunja Voos, geb. 1971, ist freie Autorin, Medizin- und Psychologiejournalistin. Ihre Schwerpunkte sind die Themen Psychosomatik, Psychoanalyse und die seelische Gesundheit von Kindern. Als eh ...

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