Schritt für Schritt zum Arbeitszeugnis

Theorie: Die Zeugnissprache

Techniken zur Abwertung von Aussagen II

Hervorhebung von Unwichtigem und Selbstverständlichem Vorkommen: Eher selten

Werden im Zeugnis unwichtige oder selbstverständliche Aufgaben und Leistungen hervorgehoben, kann der Eindruck entstehen, dass dem Aussteller des Zeugnisses zum beurteilten Mitarbeiter nicht viel Positives eingefallen ist.

Beispiel: 1

Herr Wolfgang Nagel [...] war vom 01.08.1993 bis zum 31.01.2005 in unserem Unternehmen tätig.

[...]

Herr Nagel hat sich sehr engagiert in sein Arbeitsgebiet eingearbeitet.

Kommentar:

Nachdem 11 Jahren im Unternehmen muss die lange zurückliegende Einarbeitung nicht mehr erwähnt werden. Die Beurteilung der in den 11 Jahren erbrachten Leistungen wäre wesentlich wichtiger.

Beispiel: 2

Besonders hervorzuheben ist, dass er die ihm gesetzten Termine eingehalten hat.

Kommentar:

Er hat eine Mindestanforderung erfüllt, mehr nicht. Dies besonders hervorzuheben kann evtl. den Eindruck erwecken, der Beurteilte hätte sonst nicht viel geleistet.

Verneinung Vorkommen: Selten

Die Feststellung, dass es in einem Bereich nichts Negatives zu sagen gibt, wirkt schwächer als eine eindeutig positive Aussage und kann evtl. Zweifel an einer positiven Aussage wecken.

Beispiel: 1

Auch bei turbulentem Geschäftsbetrieb verliert er nicht die Übersicht.

Kommentar:

Diese positive Aussage würde ohne die Verneinung noch stärker wirken: "Auch bei turbulentem Geschäftsbetrieb behält er immer die Übersicht."

Beispiel: 2

Sie erzielte bei der Leitung unseres Verkaufsgebiets Berlin-Brandenburg nicht unbeträchtliche Umsatzsteigerungen.

Kommentar:

Die doppelte Verneinung wirkt stark abschwächend und kann evtl. als Hinweis auf geringe Umsatzsteigerungen verstanden werden. Es wäre besser, zu schreiben:
Sie erzielte bei der Leitung unseres Verkaufsgebiets Berlin-Brandenburg beträchtliche Umsatzsteigerungen.

Widersprüche Vorkommen: Selten

Widersprüchliche Angaben führen zur Ratlosigkeit beim Leser und wirken zumeist negativ auf dessen Gesamteinschätzung des Zeugnisses.

Beispiel:

Sie führte ihre Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit aus und erzielte in qualitativer wie auch in quantitativer Hinsicht insgesamt gute Ergebnisse.

Kommentar:

Die Aussage der sehr guten Zufriedenheitsformel (Gesamtnote 1) wird durch die Verbindung mit dem Hinweis auf unterdurchschnittliche Arbeitsergebnisse entwertet.

Falsche Reihenfolge in Aufzählungen: Vorkommen: Eher selten

Wird innerhalb von Aufzählungen weniger Wichtiges vor Wichtigem genannt, kann dies abwertend wirken. Diese Gefahr besteht vor allem bei der Aufgabenbeschreibung sowie bei der Beurteilung des Verhaltens gegenüber Vorgesetzten und Kollegen.

Beispiel: 1

Herr Niedlich war als Kraftfahrzeugmechatroniker in unserer Kfz-Werkstatt tätig. Sein Aufgabengebiet umfasste hauptsächlich:

  • Reinigung und Pflege von Werkzeugen und Maschinen

  • Entsorgung von Sonderabfällen

  • Diagnose und Reparatur von Schäden und Störungen an Pkw

  • Prüfung und Einstellung von Pkw, insbesondere Überprüfung von Motoren und Bremsen am Diagnose- und Bremsprüfstand

  • Inspektion und Wartung von Fahrzeugelektrik

Kommentar:

Hier kann der Eindruck entstehen, der Beurteilte hätte sich hauptsächlich um die Pflege der Werkstatt gekümmert und Abfälle entsorgt, da die Kollegen für die anspruchsvollen Aufgaben besser geeignet waren. Bei spiegelstrichartigen Aufzählungen von Aufgaben ist also auf die Reihenfolge zu achten: die wichtigste Aufgabe sollte an erster Stelle stehen, die am wenigsten wichtige an letzter.

Beispiel: 2

Mit seinen Kollegen und den Vorgesetzten kam er immer gut zurecht.

Kommentar:

In dieser Aufzählung sollten immer die Vorgesetzten an erster Stelle erwähnt werden, dann die Kollegen. Die umgekehrte Reihenfolge kann als Hinweis auf Kritik am Verhalten gegenüber Vorgesetzten verstanden werden.

Übertreibung Vorkommen: Häufig in Zeugnis-Eigenentwürfen

Eine übertriebene Verwendung von Temporaladverbien (stets, jederzeit, immer), aufwertenden Modaladverbien (sehr, außerordentlich, absolut) und Superlativen (äußerst, höchst, bestens, in allerbester Weise, zur vollsten Zufriedenheit), kann dazu führen, dass ein Zeugnis unglaubwürdig wirkt.

Beispiel:

Herr Wichtig war ein äußerst leistungsfähiger Mitarbeiter, der stets durch äußerst große Flexibilität und Belastbarkeit überzeugte. Er verfügt über ein hervorragendes Fachwissen sowie über ausgezeichnete Fähigkeiten im Bereich Betriebsorganisation, welche er immer höchst effektiv in die Praxis umsetzte.

Kommentar:

Die ungewöhnliche Häufung von Formulierungen, welche weit überdurchschnittlichen Beurteilungen entsprechen, lässt den Text unglaubwürdig wirken. Falls ein Mitarbeiter tatsächlich so herausragende Leistungen erbracht hat, wäre es überzeugender, im Zeugnis neben einer üblichen sehr guten Leistungsbeurteilung auch konkrete Erfolge zu nennen.

Geheimcodes Vorkommen: Sehr selten

In der Fachliteratur wird häufig auf so genannte "Geheimcodes" hingewiesen. Damit sind chiffrierte Aussagen gemeint, deren Bedeutung aus dem Wortlaut nicht zu erschließen ist. Die Verwendung derartige "Geheimcodes" im Zeugnis ist verboten (nach § 109 GewO).

Eine klare Grenze zwischen eindeutig verbotenen Geheimcodes und den oben dargestellten Zeugnistechniken, welche ebenfalls nicht angewendet werden sollten, ist schwer zu ziehen, da diese durch Gerichtsurteile immer wieder neu definiert wird. Bereits Formulierungen wie "Sie zeigt hohes Interesse an allen Fachfragen" werden in manchen Publikationen der Fachliteratur als "Geheimcodes" angesehen. Nach einer Entscheidung des Landesarbeitsgerichts Hamm handelt es sich beispielsweise bei den folgenden Formulierungen um unerlaubte Geheimcodes:

Beispiel: 1

Wir lernten ihn als einen umgänglichen Kollegen kennen.

Kommentar:

Er war ein unangenehmer Kollege.

Beispiel: 2

Er verfügt über Fachwissen und hat ein gesundes Selbstvertrauen.

Kommentar:

Er ist ein Sprücheklopfer.

Beispiel: 3

Sie ist eine anspruchsvolle und kritische Mitarbeiterin.

Kommentar 3:

Sie ist sehr von sich selbst überzeugt und kritisiert ihre Kollegen gerne.

(Die drei Beispiele stammen aus Weuster/Scheer, "Arbeitszeugnisse in Textbausteinen", S. 122.)

Weitere Informationen zum Thema "Geheimcode" finden Sie im Internet ebenso wie eine umfassende Liste mit Geheimcodes im pdf-Format.

Bestimmte Begriffe und Formulierungen sollten Sie in Zeugnissen nach Möglichkeit nicht verwenden, da sie auch in "Geheimcodes" vorkommen und durch ihre Verwendung evtl. Missverständnisse entstehen können. Hierzu zählen vor allem Hinweise auf den Humor, die Geselligkeit oder die Toleranz eines Mitarbeiters.

Grundsätzlich sollte das Zeugnis keine Aussagen zu solchen persönlichen Eigenschaften des Beurteilten machen, die für die Einschätzung von dessen Leistung und Führung im Arbeitsverhältnis nicht relevant sind und daher im Zeugnis besonders auffallen.

Wegen des in der Fachliteratur gerne zitierten Geheimcodes "Er bewies stets Einfühlungsvermögen für die Belange der Belegschaft", der ein Hinweis auf die Suche nach sexuellen Kontakten im Unternehmen sein soll, wird auch der Begriff "Einfühlungsvermögen" gemieden. Gleichzeitig ist Einfühlungsvermögen aber eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Arbeiten in den Bereichen Erziehung und Pflege. Derartige Begriffe sollten also immer in ihrem Zusammenhang interpretiert werden: Es ist ein großer Unterschied, ob ein Bankangestellter Einfühlungsvermögen für die Belange der Kollegen zeigt (was nicht seine Aufgabe ist) oder ob ein Physiotherapeut bei der Behandlung seiner Patienten Einfühlungsvermögen zeigt (was bei der Behandlung nicht unwichtig ist).

Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, können Sie auch anderen Worten beschreiben, dass ein Mitarbeiter über Einfühlungsvermögen verfügt, z.B. durch die Formulierung: "Im Umgang mit Patienten verfügt Herr Albrecht jederzeit über ein der Situation angemessenes Kommunikationsverhalten, besonderes Feingefühl und großes Geschick."

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Über den Autor:

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Gunnar Szymaniak unterstützt seit 2003 Unternehmen und Arbeitnehmer dabei, das Arbeitszeugnis als sinnvolles Beurteilungs- und Werbeinstrument zu nutzen. Er zählt als Spezialist für Arbeitnehmerbeu ...

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