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Selbstständig mit Kind?

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Von: Momo Evers
Stand: 16. April 2010

Chef sucht Windel

Da hat man jahrelang gekämpft, Kunden akquiriert, Referenzen gesammelt, sich die Nächte um die Ohren geschlagen und Körper und Geist bis an den Rand der Erschöpfung ausgebeutet. Bis zum verflixten dritten Jahr vergehen dem Selbstständigen gefühlte Minuten, in denen er Deadline um Deadline wuppt, die Geschäftspost schleichend die privaten Nachrichten verbannt und "Tut mir leid, heute kann ich nicht, der Abgabetermin, ihr wisst schon" als Mantra in Fleisch und Blut übergeht.

Jeder Selbstständige kann ein Lied davon singen: Das eigene Unternehmen ist ein eifersüchtiger Geliebter. Vernachlässigt man ihn auch nur für kurze Zeit, schlägt er unerbittlich zurück. Bis "der Laden läuft" und sogar Überschüsse abwirft, vergehen Jahre, in denen alles andere in der dritten Reihe Platz nimmt: Familie, Freunde, Hobbys, die eigenen Wünsche und Lebensziele.

Eines Tages dann plötzlich ...

Eines Tages aber hält man erstaunt inne und wundert sich. Das Konto ist dauerhaft im deutlichen Plus und bleibt auch dort, die Aufträge kommen wie am Schnürchen. Man ist selbst ganz erstaunt, und der zaghafte Blick zurück macht stolz: Es ist wirklich und wahrhaftig geschafft.

Und plötzlich kommen sie mit Wucht zurück, die eigenen Wünsche und Träume.

Oft steht ein besonderer Wunsch in Vordergrund: Ich will ein Kind!

Nicht selten sind selbstständige Frauen und Männer über 30, wenn sie sich endlich zurücklehnen und diesem Wunsch Raum geben können. Und manchmal machen sie dabei auch die Erfahrung, dass so ein Kind sich - selbst mit einem Partner, der den Wunsch nach Sohn oder Tochter teilt - schlechter planen lässt, als erhofft. Auch wenn Erstgebärende zwischen 30 und 40 in der westlichen Gesellschaft immer "normaler" werden, liegt für Frauen zwischen 19 und 25 Jahren die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft pro Zyklus bei etwa 30% und sinkt zwischen 25 und 33 Jahren auf rund 18%, Tendenz fallend. Laut Statistischem Bundesamt wurde im Jahr 2002 jedes dreizehnte Kind mit medizinischer Hilfe gezeugt, Tendenz steigend.

"Wie willst du denn auch das noch schaffen?"

Doch waschechte Chefs sind nicht umsonst Meister der Improvisation, denen "Durchhaltevermögen" zum zweiten Nachnamen geworden ist. Viele schaffen es tatsächlich, und der Countdown beginnt. Das Testergebnis ist positiv, die Freude groß, doch die Bedenken folgen auf dem Fuße. Gern klopfen sie in Gestalt alter Freunde an. "Wie willst du das denn auch noch schaffen? Du hast doch jetzt schon keine Zeit!", sagen sie. Und: "Mit der Arbeit zurückstecken kannst du ja auch nicht. Wie willst du das dann finanzieren?"

Die allein erziehende Essener Texterin Anne Schneider kann sich noch gut an diese Zeit erinnern: "Die ganzen weisen Ratschläge wollte ich zunächst gar nicht hören. Die haben mich eher erzürnt. Andere Leute haben schließlich auch Kinder." Die Essenerin hat bis kurz vor den Wehen weitergearbeitet. "Ich hatte Glück. Die Schwangerschaft verlief sehr unkompliziert. Außerdem kommt man aus dem Arbeitstrott so schnell sowieso nicht raus", gibt sie zu. "Schließlich müssen die Aufträge ja auch weiterhin erledigt werden. Die Arbeitswelt dreht sich, und wer abspringt weiß, wie schwer es wäre, wieder von vorn zu beginnen."

Das Problem kennt auch Mario Kamrad. Er ist selbstständig, seine Frau fest angestellt in Führungsposition. Die beiden haben sich geeinigt: Sie bleibt im Job, er kümmert sich hauptverantwortlich um das Kind. Aber seinen Kundenstamm ganz zu den Akten legen? "Ich wollte in jedem Fall weitermachen", sagt er. "Da steckt einfach zu viel Arbeit drin. Unsere Tochter war und ist klasse, aber nur am Herd sitzen, das könnte ich nicht." Der Illustrator erzählte zunächst niemandem von seiner "Babypause". "Männer, die sich um Kinder kümmern, sind immer wieder Spott ausgesetzt. Darauf hatte ich keine Lust. Außerdem kann es meinen Arbeitgebern egal sein, ob ich unser Kind großziehe oder nicht. Es kommt doch immer noch auf die Ergebnisse an. Leben und arbeiten, das sind zwei Paar Schuhe." Aber stimmt das wirklich?

Alles aufgeben, was man sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, das will fast niemand. Und die Situation für Selbstständige mit Kind ist auch nicht gerade rosig: Die Schutzfristen (sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt) gelten nicht für Selbstständige. Deshalb ist es wichtig, sich schon vor der Schwangerschaft so zu versichern, dass für den Notfall Krankentagegeld gezahlt wird. Viele private Kassen schließen Tagegeld in der Schutzfrist allerdings aus oder zahlen einen geringen Pauschalbetrag. Auch eine Versicherung gibt es für Selbstständige für den Verdienstausfall während einer Schwangerschaft nicht. In Notfällen kann allerdings ein Antrag auf Hilfe in besonderen Lebenslagen beim Sozialamt oder der Bundesstiftung Mutter und Kind gestellt werden. Miete, Strom oder andere laufende betriebliche Kosten allerdings bezahlt dem Selbstständigen niemand - und auch die Krankenkassenbeiträge werden ihm in der Regel nicht erlassen. Ausnahmen gibt es hier bei der Künstlersozialkasse oder einigen privaten Kassen, die Mütter im ersten halben Jahr beitragsfrei versichern. Dennoch: Irgendwie wird man es schon schaffen, Job und Kind unter einen Hut zu bringen. Schließlich ist man ja nicht der erste, dem dies gelingt.

Aber wenn das Kind dann da ist, ist die Praxis doch anders als erwartet. Es heißt, ein Kind stelle das ganze Leben auf den Kopf. Und das entspricht der Wahrheit.

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Über die Autorin:

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Momo Evers (*1971 in Dortmund) ist Historikerin, Germanistin und Erwachsenenbildnerin sowie gelernte Journalistin. Heute lebt sie als Redakteurin in ihrer Wahlheimat Halle/Saale und unterrichtet überd ...

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