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Selbstständig mit Kind?

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Von: Momo Evers
Stand: 16. April 2010

Der richtige Hut ist groß genug

Im Job ist beiden das Neinsagen mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. "Schlecht bezahlte Projekte lehne ich heute rigoros ab", sagt Schneider. "Ich halte mir dann immer vor Augen, wie viel Zeit mir das mit meinem Sohn nimmt. Oder wie viel von der wenigen Zeit, die noch für mich bleibt, weg wäre, wenn ich diesen Auftrag annehme. Und dann sage ich: Diese Zeit, die ich investiere, muss sich rechnen. Knallhart. Sonst kann ich den Laden dicht machen. Früher habe ich öfter auch einmal Liebhaberprojekte angenommen. Heute will ich mir das nicht mehr leisten. Es wäre ja nicht sinnvoll, wenn ich knapp über Sozialhilfeniveau lebe und dafür noch mein Kind vernachlässige. Von meinen eigenen Wünschen mal ganz zu schweigen."

Kamrad sieht das ähnlich: "Die Prioritäten haben sich verschoben. Ich liebe meinen Job noch immer. Aber ich will auch Anteil am Leben meiner Tochter haben." Weil seine Frau das genauso sieht, hat sie sich im letzten Jahr einen anderen Arbeitgeber gesucht, der für Kinder mehr Verständnis und für individuelle Lösungen ein offenes Ohr hat. Sogar einen Werkskindergarten gibt es dort und die Kamrads haben mit fliegenden Fahnen gewechselt. Das spart lange Wege und außerdem arbeitet es sich deutlich besser, wenn man das Kind nur wenige Meter weiter sicher versorgt weiß und in der Mittagspause sogar kurz vorbeischauen kann. "Es ist mir ein Rätsel", so Miriam Konrad, "warum so etwas nicht schon längst Schule gemacht hat. Gerade Führungskräften werden oft viele Versprechungen gemacht, um den Arbeitgeber zu wechseln. Familienfreundlichkeit ist dabei leider selten Thema. Wie gut, dass es hier Ausnahmen gibt. Diesen Firmen gehört in meinen Augen die Zukunft." Das neue Unternehmen seiner Frau wirkt sich auch für Mario Konrad positiv aus. Heute kann auch er wieder guten Gewissens ein größeres Projekt annehmen oder einspringen, wenn es "brennt".

Anne Schneider hingegen hat sich mit anderen Selbstständigen und allein Erziehenden zusammen getan. Zunächst wollten sie eine eigene KiTa gründen. Die Voraussetzungen dafür sind gut, denn die Betreuungssituation soll ausgebaut werden. Letzten Endes haben sie sich dann aber doch dagegen entschieden und sich weiterhin auf ihr Kerngeschäft konzentriert. Gemeinsam haben sie eine Bürogemeinschaft gegründet und nehmen jeweils die Kinder der anderen, wenn ein eiliges Projekt dies über die Krippenplatzzeit hinaus fordert. Zweimal in der Woche sittet am Nachmittag eine Erzieherin die vier Kinder - im Sommer auf dem nahen Spielplatz und bei schlechtem Wetter in einer der Privatwohnungen der Bürogemeinschaftler. Das Geld wird geteilt und fällt so monatlich kaum ins Gewicht, obschon die Erzieherin einen guten Stundenlohn erhält.

Aus diesem Notbehelf sind neben hilfreichen Synergieeffekten im Job auch private Freundschaften entstanden. Die Kinder haben ein festes Netz und viele "Tanten" und "Onkel" und Freunde hinzugewonnen. Und die Eltern können mit diesem Sicherheitsnetz in der Hinterhand des Nachts ruhiger schlafen und sich tagsüber besser konzentrieren.

"Seitdem ist die ständige Angst weg", lacht Anne Schneider. "Vor lauter Erleichterung bin ich erst einmal ein paar Tage lang krank geworden. Das habe ich meinem Körper in all der Zeit zuvor kein einziges Mal erlaubt."

Wir müssen umdenken. Kinder zwingen uns dazu.

Obwohl beide Familien für sich einen Weg gefunden haben, mit ihrer Arbeit und ihrem Kind zu leben, ist ihnen klar: Das "non plus ultra" ist dieser Zustand nicht. "Wir reden von Kindern immer wieder, als würden wir Erwachsene für sie ein Opfer nach dem anderen bringen. Tatsächlich aber bereichern sie uns - als Person, aber auch als soziale Gruppe", so Kindertherapeut Wolfgang Bergmann, der fordert, man müsse die Kinder in die Firmen hinein holen. Ein schöner Gedanke - auch wenn er in der Praxis schwer umsetzbar erscheint. Obschon die Bildungs- und Familiendebatte derzeit so intensiv geführt wird, wie schon lange nicht mehr, sind die meisten Arbeitgeber noch immer weit von einer familien- und kinderfreundlichen Firmenpolitik entfernt. Viele Vorschläge aus der Politik umschiffen das Thema nur, packen Probleme aber nicht an ihrer Wurzel. "Wir müssen umdenken", sagt Anne Schneider. "Und Kinder zwingen uns dazu. Wir müssen Wege finden, die sie so weit wie nur irgend möglich in unser Leben mit einbeziehen. Und so lange nach diesen Wegen suchen, bis wir sie gefunden haben. Das sind wir unseren Kindern und uns selbst schuldig."

Auch die Kamrads haben ein Fazit aus ihrer Suche nach einem Leben mit Arbeit und Kind gezogen: "Es ist nicht leicht, ein Modell zu finden, das alle Wünsche und Bedürfnisse unter einen Hut bringt. Aber wir wissen heute zumindest, was wir nicht wollen. Wir wollen nicht allzeit verfügbar sein, immer nur Rücksicht nehmen und der Arbeit den alleinigen Stellenwert in unserem Leben einräumen. Wir wollen uns nicht in das Hochglanzlächeln glücklicher Mütter und Väter im Job einreihen. Wir leisten gern gute Arbeit, aber vom ständigen höher und immer höher Pokern der Leistungsgesellschaft haben wir uns bewusst verabschiedet. Dieses ständige Verfügbarsein, die Angst davor, alles zu verlieren, wenn man die eigenen Wünsche und die des Kindes nicht immer wieder zurückstellt: Das führt uns nirgendwo hin", sagt Mario Kamrad mit Nachdruck. "Der richtige Hut ist eben groß genug für den Job - und für alle Mitglieder einer Familie."

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Über die Autorin:

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Momo Evers (*1971 in Dortmund) ist Historikerin, Germanistin und Erwachsenenbildnerin sowie gelernte Journalistin. Heute lebt sie als Redakteurin in ihrer Wahlheimat Halle/Saale und unterrichtet überd ...

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