Sich neu positionieren: Raus aus der Krise, rein in die Nische

Von: Heide Liebmann
Stand: 10. Mai 2012
5
(2)
Beitrag bewerten
Anmelden um Kommentare zu schreiben

Blue Ocean

Die beste Nische ist immer die, in der sich wirklich noch niemand aufhält. Am leichtesten ist das, wenn man Pionier ist, also ein Angebot hat, das eine echte Weltneuheit ist und das es so noch nicht gibt. Wobei dann bei Erfolg sehr schnell Nachahmer aufspringen und man immer aufpassen muss, dass man den ursprünglichen Vorsprung auch weiterhin hält. Aber der erste Anbieter einer bestimmten Leistung zu sein, hat definitiv Vorteile.

Ein berühmtes Beispiel dafür ist eBay, wo man das Prinzip der Auktion und des Trödelmarkts aufs Netz übertragen hat. eBay war einer der ersten Anbieter, der diese Idee konsequent umgesetzt hat. Inzwischen ist das Unternehmen wohl uneinholbar die Nr. 1 auf diesem Markt, weil man das Angebot kontinuierlich ausgebaut und verbessert hat.

Es geht somit darum, vertrautes Terrain zu verlassen und an bekannten Faktoren der eigenen Branche zu drehen, um neue Märkte ohne Wettbewerb zu erobern. Dafür gibt es einen Werkzeugkasten, der als Blue Ocean Strategie bekannt ist.

Blue Ocean steht dabei für unberührte, neue Märkte, während die überfüllten bestehenden Märkte als red oceans charakterisiert werden. (Das wohl bekannteste Zitat der beiden Begründer der Blue Ocean Strategie, W. Chan Kim und Renée Mauborgne, lautet: "Die Konkurrenz lässt sich nur auf eine Weise schlagen: Indem man aufhört, es zu versuchen.")

Das Prinzip der Methode besteht darin, charakteristische Merkmale des Geschäftsfeldes zu identifizieren und dann nach bestimmten Gesichtspunkten zu zerlegen bzw. abzuwandeln:

  • Steigerung: Welche Faktoren lassen sich über den Standard der Branche hinaus steigern?

  • Reduzierung: Was lässt sich reduzieren?

  • Was lässt sich gestalten/neu erfinden?

  • Was lässt sich vernachlässigen?

Steigerung

  • Was ist das einzige, wichtigste Bedürfnis Ihrer Kunden, auf das Sie sich konzentrieren können?

  • Welche Qualitätsstandards der Branche können Sie drastisch steigern?

  • Wie können Sie eine sachliche Leistung emotionalisieren?

  • Welche Faktoren eignen sich, um Sie mit Ihrem Angebot weit über den Standard Ihrer Branche anzuheben?

Reduzierung

  • Was ist der Kern Ihres Angebots? Wenn Sie Ihr Angebot von allem überflüssigen Schnickschnack befreien, was bleibt dann übrig?

  • In welchen Branchen besteht noch Bedarf an dem Kern Ihres Angebots?

  • Welche der für Ihre Branche üblichen Schlüsselfaktoren können Sie reduzieren oder sogar weglassen?

  • Wie vereinfachen Sie die Beschreibung Ihrer Produkte oder Dienstleistungen so weit, dass auch Kinder sie verstehen können?

  • Wie können Sie den Zugang zu Ihren Leistungen noch unkomplizierter ermöglichen?

Gestalten/neu erfinden

  • Wo, wie und mit welchen anderen Produkten können Sie das Grundbedürfnis Ihrer Kunden (noch) erfüllen?

  • Lösen Sie sich komplett von Ihrer Konkurrenz und überlegen Sie, wer zwar das gleiche Bedürfnis erfüllt, aber nicht zu Ihrem Wettbewerb gehört.

  • Wenn Sie in ganz anderen Märkten mit ganz anderen Wettbewerbern konkurrieren müssten - wie würden Sie Ihr Angebot dann verändern? Welche Schlüsselfaktoren könnten Sie neu kombinieren?

  • Wo könnten Sie Widersprüchliches zusammenbringen oder mit Klischees spielen?

Vernachlässigen

  • Welche Faktoren, die in Ihrer Branche als selbstverständlich oder unverzichtbar gelten, können Sie vernachlässigen? Was würde passieren, wenn Sie das einfach anders machen?

  • Welche Kundengruppen fühlen sich von Ihrem Angebot bisher eher abgeschreckt?

  • Welche potenziellen Kunden haben Hemmungen, Leistungen Ihrer Branche in Anspruch zu nehmen?

  • Welche Vorurteile gibt es gegenüber Ihrem Angebot und dem Ihrer Branche?

  • Welche Faktoren schrecken ab oder sind unverständlich? Gibt es Dünkel in Ihrer Branche?

Diese Fragen geben Ihnen eine erste Orientierung, wonach Sie suchen können, um neue Aspekte in Ihrem Business zu entdecken und Ihr Potenzial auszuloten.

Beispiel: Führungskräfte-Coaching

  • Steigern:

    Nehmen wir an, das wichtigste Bedürfnis von Führungskräften ist Erfolg, Leistung oder Macht. Wie drückt sich das aus? Wer bedient das auch? Wo kann man da andocken?

    Welche Qualitätsstandards gibt es in der Branche? Mitgliedschaften im Coaching-Verband oder Golfclub, Referenzkunden, Publikationen, Honorar etc. Wie ließe sich das toppen? Stichwort: Exklusivität, Luxus, Reputation etc.

  • Reduzieren:

    Sind Hochglanzbroschüren für die Selbstdarstellung wirklich wichtig? Oder wäre ein ganz minimalistisches Auftreten möglicherweise ein Schlüssel?

    Könnte man sich auf "LOHAS-Führungskräfte" (LOHAS = Lifestyle of Health and Sustainability) konzentrieren, die ethische Führung als Wertmaßstab haben? Möglicherweise könnte man dann schon damit punkten, wenn man statt in der dicken Limousine im sparsamen und trotzdem repräsentativen Öko-Sportwagen vorfährt. Weniger ist mehr.

  • Gestalten/neu erfinden:

    Wie wäre es, statt Coaching im Vorstandsbüro die Begegnung mit anderen Gesellschaftsschichten anzubieten, um das eigene Handeln zu hinterfragen. Es gibt ja bereits Projekte, in denen Führungskräfte ehrenamtlich in Obdachlosenprojekten arbeiten. Man könnte auch Museen, das Fußballstadion, die Imbissbude oder sogar die Kirmes als Coaching-Locations anbieten und solche Außenimpulse für das Coaching nutzbar machen.

  • Vernachlässigen:

    Wie könnte man mit dem Vorurteil "Coaching ist wie Psychotherapie" umgehen? Zum Beispiel provokant behaupten "Das stimmt!"?

    Vielleicht können Sie an diesen kurzen Streiflichtern, die ja die Möglichkeiten noch längst nicht ausreizen, erkennen, dass es in jeder Branche Möglichkeiten gibt, neue Potenziale aufzuspüren.