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Umsatzsteuer auf im Ausland erbrachte Dienstleistungen

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Stand: 14. Februar 2011

Umsatzsteuer bei europaweiten Geschäften: Das Grundmodell

Umsatzsteuer bei Geschäften mit dem Ausland

Denken wir jetzt doch mal darüber nach, was passiert, wenn Gustav Graf einen Auftrag aus dem Ausland erhält: Wer erhält dann die Umsatzsteuer?

Allgemeiner formuliert, stellen sich bei Geschäften mit dem Ausland gleich zwei Fragen:

  1. Welcher Staat erhält für welche Leistung die Umsatzsteuer?

  2. Wie kommt der jeweilige Staat an sein Geld? (Diese Frage wird vor allem dann spannend, wenn die Umsatzsteuer eigentlich von einem Ausländer zu zahlen wäre.)

Beispiel:

Um diese Fragen zu beantworten, kehren wir zu Gustav Graf zurück. Er hat einen Auftrag zur Erstellung von Geschäftsdrucksachen von der Firma Belle France (BF) erhalten, die ihre Geschäfte von Paris aus betreibt.

Die Ortsbestimmung bei sonstigen Leistungen ins Ausland

Wir beginnen mit den im ersten Kapitel aufgezählten Umsatzsteuer-Prüfschritten: Ohne größere Probleme können wir feststellen, dass auch in unserem neuen Beispiel mit dem französischen Auftraggeber die ersten vier Fragen vom deutschen Finanzbeamten nach wie vor mit "Ja" beantwortet werden: Graf ist Unternehmer, er handelt im Rahmen seines Unternehmens und erbringt gegen Entgelt eine sonstige Leistung. Dass der Ort, an dem der Auftraggeber sitzt, nun im Ausland liegt, ändert daran nichts.

Aber wie wird sich der deutsche Finanzbeamte nun beim fünften Punkt verhalten? Es geht um die Frage nach dem "Ort der sonstigen Leistung". Dazu liest er § 3a UStG durch. Durchmogeln kann der Beamte sich jetzt nicht mehr.

Aufgabe:

Vielleicht versuchen Sie sich selbst mal daran: Vorab sei schon verraten, dass die Leistungen des Gustav Graf im § 3a Abs. 1 und 2 UStG zu finden sind , und dass Sie zur Lösung des Rätsels der Frage entscheiden müssen, ob der Leistungsempfänger Unternehmer oder Nichtunternehmer (Privatperson) ist.

Die Lösung aus deutscher Sicht ...

In § 3a Abs. 1 UStG steht, dass grundsätzlich der Ort der Besteuerung dort liegt, wo der leistende Unternehmer (also Gustav Graf) sein Unternehmen betreibt, wenn nicht bestimmte Ausnahmen zutreffen (die wir hier nicht aufzuzählen, mehr dazu weiter unten: Dieser Paragraph gilt normalerweise immer dann, wenn eine Dienstleistung an eine Privatperson erbracht wird.

In § 3a Abs. 2 UStG steht, dass sich der Ort der Besteuerung dorthin verschiebt, wo der Leistungsempfänger sein Unternehmen betreibt, wenn es sich bei dem Leistungsempfänger um einen Unternehmer handelt, der die Leistung für sein Unternehmen bezieht.

Da Belle France ein Unternehmer mit Sitz in Paris ist muss der deutsche Finanzbeamte die Frage, ob die sonstige Leistung im Inland erbracht wird, mit "Nein" beantworten. Die Leistung von Gustav Graf ist nicht in Deutschland "umsatzsteuerbar", er ist sozusagen aus dem deutschen Umsatzsteuersystem raus und muss - so die Sicht des deutschen Finanzbeamten - keine Umsatzsteuer aufschlagen.

Aber heißt das, dass gar keine Umsatzsteuer fällig ist?

... und aus französischer:

Sehen wir uns an, was die französischen Finanzbeamten, die "Fonctionnaires des Finances", zu unseren fünf Fragen sagen.

Wir haben bereits gesehen, dass die ersten vier Punkte völlig unabhängig davon sind, wo der Auftraggeber seinen Sitz hat. Es ist dabei aber auch völlig egal, wo der Auftragnehmer, also Graf, seinen Sitz hat. Deshalb werden auch die Fonctionaires des Finances die vier ersten Fragen ohne Umschweife mit "Oui" beantworten.

Anders ist es bei der fünften Frage zur Ortsbestimmung. Die gleiche Vorschrift wie bei uns im § 3a Abs. 2 UStG gibt es aufgrund der EU-Richtlinie auch in Frankreich. Deshalb wird der französische M. le Fonctionnaire, anders als sein deutscher Kollege, auch die fünfte Frage bejahen.

Und plötzlich ist der Umsatz des Herrn Graf in Frankreich "umsatzsteuerbar", mit allem, was dazugehört. Gustav Graf müsste für seine Leistung an BF französische Umsatzsteuer aufschlagen (das sind übrigens 19,6 Prozent), in Frankreich eine Umsatzsteuervoranmeldung abgeben und nach Abzug von französischer Vorsteuer - so er denn welche nachweisen kann - eine Zahlung an das französische Finanzamt leisten.

Umkehr der Steuerschuld bei Leistungen ins Ausland: Eine unbürokratische Nullnummer

Es liegt auf der Hand, dass dieses System ein großes Hemmnis im grenzüberschreitenden Dienstleistungsangebot wäre. Wer will sich schon für einen einzelnen Auftrag mit all den nationalen Umsatzsteuergesetzen der Europäischen Union befassen? Außerdem scheitert das alleine schon an den vielen Sprachen der EU-Mitgliedsländer und den nicht harmonisierten Verwaltungsregelungen.

Das Problem wurde in der EU erkannt und 2010 mit dem VAT-Package auch endgültig gebannt (bis auf kleinere Ausnahmen). Auch das andere Land - bei Graf der französische Staat - will seinem Geld nicht hinterherlaufen. Deshalb hat man sich ein weiteres System im System ausgedacht, das für viele auf den ersten Blick etwas seltsam anmutet: Das sogenannte Reverse-Charge-System. Auf deutsch auch: Umkehr der Steuerschuldnerschaft.

Beim Reverse-Charge-System wendet man sich vom Grundsatz ab, dass derjenige die Umsatzsteuer zu zahlen hat, der die Leistung erbringt. In diesem System schuldet vielmehr der Leistungsempfänger dem Staat die Umsatzsteuer. Bei Gustav Grafs Auftrag ist also der französische Auftraggeber BF Steuerschuldner für die Leistung für Herrn Graf in Frankreich.

Wenn der französische Auftraggeber vorsteuerabzugsberechtigt ist, darf er diese Mehrwertsteuer, die er an Stelle von Graf zahlt, auch gleich wieder als eigene Vorsteuer abziehen. Mit anderen Worten: Der Franzose zahlt genauso viel Vorsteuern, wie er gleich wieder abziehen darf. Das ergibt am Schluss der Transaktion eine runde Null für den französischen Fiskus und für den Auftraggeber, erspart aber einiges an Bürokratie:

Herr Graf muss sich nicht mit französischen Steuern und Behörden herumschlagen. Und das französische Finanzamt muss sich nicht um das Geld bemühen, das ein Deutscher ihm schuldet, dessen Kontaktinformationen ihm vermutlich gar nicht vorliegen. Das dortige Finanzamt kann sich einfach an den französischen Auftraggeber wenden und der ist ja bereits im französischen Steuersystem erfasst.

Dieses "System der runden Null" mag erst mal seltsam anmuten. Das Ergebnis ist aber ganz normal. Das sieht man, wenn man es mit dem Fall der "innerdeutschen" Leistung des Gustav Graf vergleicht: Auch hier erhält der Staat aus der Transaktion unter dem Strich keine Umsatzsteuer: Graf musste in unserem Beispiel zwar 190 Euro aus der Transaktion ans Finanzamt abführen, sein Kunde kann diese 190 Euro aufgrund der Rechnung von Graf aber wieder als Vorsteuer abziehen und vom Staat zurückfordern.

Durch die Umkehr der Steuerschuldnerschaft wurde lediglich der Zahlungsweg an den französischen Fiskus abgekürzt. (Wohlgemerkt: Dies gilt nur in den Fällen, in denen der Kunde von Gustav Graf Unternehmer ist.)

Dieses "System im System" ist in Deutschland im § 13 b UStG geregelt. Wer z. B. bei Google AdWords-Werbung bucht (und dort als Unternehmer registriert ist), kennt das bereits: Es wird keine Umsatzsteuer ausgewiesen; dafür muss die Leistung vom Kunden in Deutschland mit 19 Prozent besteuert werden.

Das VAT-Package: Europaweit einheitliche Regelung der Umkehrung der Steuerschuld

Bis 2009 gab es das Reverse-Charge-System nicht in allen Mitgliedsländern der EU. Die Orte der Leistung waren zwar harmonisiert, aber nicht immer zwingend gleich.

Mit dem VAT-Package hat man dieses Problem nun zum größten Teil behoben: In allen Mitgliedsstaaten der EU sollteh seit Januar 2010 die Ortsbestimmungen der sonstigen Leistung einheitlich geregelt sein. Für alle "sonstigen Leistungen", die im jeweiligen Inland von einem Ausländer erbracht werden, gilt zwingend das Reverse-Charge-Verfahren, so wie bei Gustav Grafs Leistung in Frankreich.

Etwas Bürokratie bleibt: "Zusammenfassende Meldung" auch für "sonstige Leistungen" im Ausland

Ganz auf Bürokratie verzichten wollen die Mitgliedstaaten dann aber doch nicht: Wenn eine Leistung erbracht wird, deren Leistungsort im Ausland liegt und deren Empfänger ein Unternehmen ist, die also in einem anderen Mitgliedsstaat zu versteuern ist, muss der Unternehmer dafür im Inland eine so genannte Zusammenfassende Meldung (ZM) abgeben.

  • Fällig ist die ZM jeweils 25 Tage nach Ablauf des Kalendermonats, wenn der Umsatz ins Ausland (durch so genannte innergemeinschaftliche Lieferungen, auf die wir hier nicht näher eingehen können) nicht mehr als 50.000 Euro im laufenden oder in den vorherigen vier Kalendervierteljahren betragen hat.

  • Sonst ist die ZM 25 Tage nach dem Ende des Kalendervierteljahres abzugeben.

  • Gibt der Unternehmer nur jährlich Umsatzsteuererklärungen ab, weil seine Umsatzsteuerzahlungen im Vorjahr geringer als 1.000 Euro waren, dann muss er die Zusammenfassende Meldung für das gesamte Jahr am 25. Januar des Folgejahres abgeben Gibt der Unternehmer nur jährlich Umsatzsteuererklärungen ab, dann muss er die Zusammenfassende Meldung für das gesamte Jahr am 25. Januar des Folgejahres abgeben. Dafür muss er allerdings gleich drei Voraussetzungen erfüllt sein:

    • seine Umsatzsteuerzahlungen im Vorjahr müssen weniger als 1.000 Euro ausmachen

    • seine gesamten Vorjahresumsätze müssen weniger als 200.000 Euro ausmachen

    • die in Europa ausgeführten Umsätze müssen weniger als 15.000 Euro betragen haben

Diese ZMs gab es bis 2009 nur bei sog. innergemeinschaftlichen Lieferungen.

In der Zusammenfassenden Meldung ist die Umsatzsteueridentifikationsnummer des Leistungsempfängers und die Bemessungsgrundlage anzugeben. Im Falle von Gustav Graf müsste er also die Umsatzsteueridentifikationsnummer von BF und den Netto-Rechnungsbetrag an das Finanzamt melden.

Zusammenfassende Meldung abgeben: So geht's

Wie Sie eine "ZM" ausfüllen und einreichen, wird hier praxisnah beschrieben: "Zusammenfassende Meldung von Auslandsumsätzen: Erweiterte Auskunftspflicht für Exporteure und Dienstleister

Ein weites Feld ...

Das war eine knappe Darstellung der umsatzsteuerlichen Behandlung grenzüberschreitender Dienstleistungen. Es gibt aber noch einiges mehr dazu zu sagen. Deshalb werden wir in den nächsten Abschnitten noch etwas genauer darauf eingehen.

Die steuerrechtliche Bestimmung der Leistung ist eine der schwierigsten Aufgaben im Umsatzsteuerrecht! Deshalb sollten Sie die endgültige Beurteilung nur zusammen mit Ihrem Steuerberater vornehmen.

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Über den Autor:

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Steuerberater Martin Winkler aus Berlin ist Umsatzsteuer-Experte und hat sich unter anderem auf die Beratung von Unternehmen spezialisiert, die europaweit aktiv sind. Weitere Schwerpunkte von ihm sind ...

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