Im Termin verschätzt?
Geld und Zeit sind aufgebraucht, aber der Auftrag ist erst zur Hälfte eingetütet? Gerade wenn Sie als Selbstständiger viele verschiedene Tätigkeiten ausüben, fehlt in manchen Bereichen die Routine. Da passiert es schnell, dass Sie sich mal völlig verkalkulieren, zeitlich wie finanziell. Lorenz Hölscher gibt Tipps, wie Sie damit umgehen.
Alle Menschen sind schlau - manche vorher, die meisten erst hinterher. Tatsache ist allerdings, dass Fehlkalkulationen nur sehr selten wirklich überraschend kommen. Im Allgemeinen kündigen sie sich vorher an.
Das Kind schützen, bevor es in den Brunnen fällt
Jedes Projekt sollte begleitend dokumentiert werden, im einfachsten Fall mit einem Stundenzettel. Bei größeren Arbeiten notieren Sie auch die tatsächlichen Teilarbeiten nach Bereichen und Mitarbeitern getrennt in einer Excel- oder Access-Tabelle.
Projekte dokumentieren
Das optimale Programm für eine Projektdokumentation und (Nach-)Kalkulation wäre natürlich MS Project. Meine Erfahrung sagt mir aber, dass dessen Erstellungsaufwand so zeitraubend ist, dass es in überhaupt keinem Verhältnis zu den üblichen Projektgrößen von Selbstständigen steht.
Ist das Projekt hingegen so umfangreich, dass ein Einsatz von MS Project sinnvoll wird, braucht es schon einen extra Mitarbeiter, der nur für diese Projektplanung und -verwaltung zuständig ist. Dann kann es der Projektleiter nämlich nicht mehr so nebenbei erledigen.
Natürlich reicht es nicht, sauber aufzuschreiben, wer was wie lange gemacht hat. Das Zauberwort an dieser Stelle heißt: auswerten! Die schönste Dokumentation ist wertlos ohne Analyse. Und zwar rechtzeitig, damit der Schrecken eben nicht hinterher kommt.
Ich habe schon an verschiedenen Stellen (etwa in den Beiträgen "IT-Projekte professionell abwickeln" und "FinanzCheck: Einnahmen und Ausgaben unter Kontrolle halten") skizziert, wie so eine begleitende Dokumentation und Analyse aussehen könnte. Das ist nicht wirklich schwierig, es muss nur gemacht werden.
Vor allem muss bereits während der Projektarbeit eine Auswertung erfolgen, ob Sie im bisherigen Tempo zeitlich und finanziell hinkommen. Nur jetzt noch können Sie retten, was zu retten ist.
Auf Termin schreiben
Stellen Sie sich vor, Sie schreiben ein Buch und merken erst auf den letzten zehn Seiten, dass noch wesentliche Teile des Themas übrig sind. Oder Sie realisieren eine Woche vor der Abgabe, dass Sie leider erst die Hälfte geschrieben haben. Dann kann es doch wirklich nicht überraschend sein, dass dieses Projekt grandios scheitert, oder?
Gerade bei solchen kontinuierlichen Aufgaben ist es wichtig, dass Sie laufend Hochrechnungen zum voraussichtlichen Ende machen, damit Sie die Probleme eben erst nicht zum Ultimo sehen.
Im Zeitaufwand verschätzt?
Sie merken nun während der Arbeit, dass es vorne und hinten nicht reicht. Sie haben bereits zwei Drittel Zeit vertan, aber kaum ein Drittel des Projekts fertig. Was tun?
Wenn es hart auf hart kommt, können Sie nichts anderes tun, als bis zum bitteren Ende des Projekts zu arbeiten. Sie haben einen gültigen und bindenden Vertrag geschlossen, aus dem es kein Entkommen gibt, wenn Sie sich nicht auf juristisches Glatteis (etwa einer arglistigen Täuschung über die Vertragsgrundlagen) einlassen wollen.
Nach dieser klaren Erkenntnis bleibt Ihnen noch der freundliche Weg: Sie sprechen mit dem Auftraggeber darüber, dass das Projekt gerade schwer aus dem Ruder läuft. Dabei sollten Sie ruhig von Anfang an klar stellen, welchen Anteil Sie daran haben und dass Sie weiterhin bereit sind, alle bisherigen Absprachen einzuhalten. Das entspannt die Gesprächsatmosphäre deutlich.
Versuchen Sie die von Ihnen entdeckten Probleme so darzustellen, dass Ihr Auftraggeber einen Vorteil für sich entdecken kann. Wenn abzusehen ist, dass Sie nicht termingerecht fertig werden, ist es schließlich auch in seinem Interesse, dass Sie nicht schweigend weiterwurschteln, sondern ihn rechtzeitig informieren.
Endgültige Termine sind oft doch flexibel
Durchaus nicht selten stellt sich bei solchen Gelegenheiten übrigens heraus, dass auch andere Teilprojekte nicht fristgerecht fertig werden. Dadurch hat sich der bisherige endgültige Abgabetermin längst verschoben, nur Sie wussten davon noch nichts. Umso besser, dass Sie rechtzeitig darüber reden, dann erfahren Sie auch solche Änderungen!
Vielleicht lassen sich auch Teile Ihres Projektes so umstrukturieren, dass Sie wenigstens Prototypen oder Dummies bereitstellen, die andere zum Weiterarbeiten benötigen. Erstellen Sie beispielsweise einen WebService, der in einem Projekt benötigt wird, können Sie dessen Technik fertig stellen und nur Standardwerte liefern, anstatt die Antworten aus der noch unfertigen Datenbank zu ermitteln.
Begründen
Auf jeden Fall ist eine Begründung nötig, warum es zeitlich nicht klappt. Immerhin haben Sie ein Angebot abgegeben und von Ihnen wird so viel Professionalität erwartet, dass Sie erklären können, warum das jetzt so erheblich abweicht.
Mal abgesehen von Ereignissen wie Unfällen oder schweren Erkrankungen sollte nachvollziehbar sein, was für Sie nicht vorhersehbar war. Das könnten etwa Abweichungen zwischen den Beispielen sein, die für das Angebot vorlagen und jenen, die jetzt zur tatsächlichen Bearbeitung bereitgestellt werden. Oder die Technik funktioniert nicht wie (stillschweigend) vorausgesetzt.
Vertragsklauseln vorsehen
Wann immer Sie ein Angebot abgeben, bei dem Sie fremde Technik voraussetzen oder Ihnen irgendein (womöglich unbekannter) Projektpartner zuarbeiten wird, sollten Sie das auch festhalten. Zugleich sind Sie gut beraten, die von Ihnen garantierte Leistung auch nur auf Ihren Verantwortungsbereich zu beschränken. Sonst werden Sie womöglich noch für die Schludrigkeiten anderer in Haftung genommen.
In einem umfangreichen Projekt sollte ich seinerzeit eine für das Projekt notwendige Zieladresse von einem WebService erhalten. Allerdings hatte ein anderer Dienstleister diesen WebService überhaupt erst mit monatelanger Verspätung begonnen und diesen dann auch nicht im Griff.
Ich habe also einen erheblichen Teil meiner Arbeitszeit nicht nur der Fertigstellung dieses WebServices hinterhertelefoniert. Ich musste anschließend auch noch mühsam jeden einzelnen Fehler nachweisen, weil es immer hieß, interne Tests hätten alles als korrekt bestätigt.
Glücklicherweise konnte mein Auftraggeber diese peinliche Vorstellung des "Projektkollegen" detailliert mitverfolgen, weil ich bei ihm vor Ort tätig war. Dennoch formuliere ich seither in Angeboten wie folgt:
"Die Programmierung zur Ermittlung der Adresse wird begonnen, sobald der WebService nachweislich unter den oben genannten Bedingungen funktioniert. Fehlersuche und Fehlernachweis bezüglich des WebServices sind nicht Teil dieses Angebots und werden nach Aufwand zum genannten Stundensatz berechnet."
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