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"Sind Sie noch wach?" - Spannung und Dramaturgie in Vorträgen

Mit Dramaturgie arbeiten

"Klassische" dramaturgische Elemente

Bei guten Vorträgen ist es fast egal, ob Flipcharts oder PowerPoint eingesetzt werden, denn das Wichtigste ist der Vortragende selbst. Der Rest sind Hilfsmittel. Natürlich können Hilfsmittel helfen, wie der Name schon sagt, aber sie ersetzen keine Dramaturgie.

Dramaturgie? Richtig! Wir sind im Theater, Sie stehen auf der Bühne und vor Ihnen sitzt das Publikum. Wenn Sie jetzt alle Ihre Argumente sachlich richtig, aber schnarchlangweilig herunterbeten, haben Sie verloren. Oder möchten Sie, dass Ihnen im Theater der Regisseur Texte aus dem Stück vorliest? Nein, Sie wollen Spiel, Spaß und Spannung bekommen.

Wollen Sie Ihr Publikum fesseln, dann lassen Sie sich am besten vom Theater oder Film inspirieren, denn die können das. Die können nicht nur Geschichten erzählen, sondern auch einen Spannungsbogen über die gesamte Dauer aufbauen.

Dazu gibt es ein paar typische Zutaten, die mehr oder weniger offensichtlich überall vorkommen. Einige davon lassen sich auch bei Ihnen einsetzen.

1. Die Identifikationsfigur

Da ist zunächst mal die positive Identifikationsfigur oder kürzer: der Held. Das sind Sie selbst, mit Ihnen und Ihrem Anliegen soll sich das Publikum identifizieren. Ein sympathischer Held menschelt immer (Superman ist nur ein kleines Licht in der Redaktion, Harry Potter hat fiese Verwandte) und zeigt irgendwo eine liebenswerte Schwäche. Das heißt übersetzt: "Ich bin zwar besser als Ihr, aber ich bin einer von Euch!".

Für Ihren Vortrag bedeutet das: Bieten Sie Ihrem Publikum eine Gemeinsamkeit an und stellen Sie sich nicht auf einen unnötig hohen Sockel. Da kann man nur herunterfallen.

Die Beziehung geht in der Einleitung los ("...als der DAX in diesen Tagen so tief gesunken ist, ..." benennt schon einen gemeinsamen Gegner), vielleicht mit einer gezielten Frage ("Ich konnte vorhin keine Altpapier-Container finden. Weiß jemand, wo die hier stehen?" bei einem Vortrag über ein Entsorgungskonzept) oder auch mal zwischendurch ("Die kleinen Knabberstangen finde ich am leckersten!" bei den Restaurant-Investoren).

2. Der Begleiter

Der Held hat häufig einen Begleiter, der seinen Ruhm mehrt, indem er sich auffällig dusselig anstellt (Dr. Watson für Sherlock Holmes, Obelix für Asterix, der Esel bei Shrek). Außerdem dient er dazu, die Gedanken des Helden im Gespräch für den Zuschauer erlebbar zu machen.

Das ist ein schwieriger Teil der Dramaturgie, denn Sie werden meistens wohl alleine auf der Bühne stehen. Auf Messen allerdings finden Sie diese Konstruktion öfter. Da reden ein Schlauer und ein Ahnungsloser (ziemlich platt und hölzern) über ein Produkt, bis auch der letzte Zuhörer die Botschaft verstanden hat.

Wenn es nicht ins Lächerliche abgleitet, können Sie es ja mal mit einer Bauchredner-Puppe oder mit einem Wechsel der Kopfbedeckung sowie des Standorts probieren.

Oder Sie machen es symbolisch, wenn Sie das Für und Wider eines Themas besprechen: Stellen Sie für positive Argumente eine grüne Spielfigur auf die eine Seite, für Gegenargument eine rote auf die andere. Nehmen Sie die jeweilige Figur hoch, wenn Sie darüber reden, als ob sie für das Argument steht.

3. Der Running Gag

Vor allem in Serien verselbstständigt sich manchmal ungeplant eine Rand-Episode, sie wird zum Running Gag (bei Asterix geht regelmäßig das Piratenschiff unter, in der Münsteraner Fernsehserie Wilsberg wird in jeder Episode der Name Bielefeld erwähnt).

Besteht Ihr Vortrag aus mehreren Kapiteln, können Sie beispielsweise zu jedem Teil-Thema anfangs ein witziges Bild zeigen. Oder eine gezeichnete Figur hält für jedes Kapitel am Rande der Folie ein Schild mit der Kapitelnummer hoch.

Beim Vorstellen eines Textanalyse-Programms (als Parser bezeichnet) könnte es statt "Auslesen von Textdateien" ein stimmungsvolles Foto von "Auslesen" in Weinflaschen sein, oder Sie zeigen zum Titel "Parsen" die drei römischen Göttinnen (Parzen), die den Lebensfaden abschneiden. Der Running Gag ist hier also das dauernde Missverständnis, ein Problem, welches gerade beim Parsen ja nicht vorkommen sollten.

4. Die Botschaft

Während Sie bei manchen Filmen bis heute grübeln, was denn die Botschaft (oder neudeutsch: die message) sein sollte, hoffe ich doch sehr, dass Ihr Vortrag eine hat. Sie stehen da vorne ja nicht, weil irgendwie Zeit übrig ist, sondern um anderen Menschen etwas mitzuteilen.

Selbst wenn es vordergründig um die Umstrukturierung in der Firma geht und Sie scheinbar nur das neue Stellen-Konzept vorstellen, steht dahinter eine Botschaft. Diese könnte lauten: "Ich finde die neue Organisation besser!" Vielleicht ist es aber auch: "Die Firmenleitung hat mich gezwungen, das hier zu vertreten, aber eigentlich passt es mir nicht."

Ihr Publikum wird spüren, ob Sie überhaupt etwas wollen und was das ist. Wenn Sie schon kein Ziel für Ihren Vortrag haben, wie wollen Sie Ihre Zuhörer dahin bringen? Sie sollten sich daher am besten vorher darüber klar werden, welche Botschaft Sie insgesamt rüberbringen möchten. Vielleicht diese:

  • Ich finde das Thema spannend und möchte Ihnen zeigen, warum es für Sie auch interessant ist.

  • Ich habe zu dem Thema diese Meinung und kann Ihnen das wie folgt begründen, um Sie ebenfalls davon zu überzeugen.

  • Es ist bedauerlich, dass wir uns mit diesem Thema beschäftigen müssen, aber ich will mit Ihnen zusammen das Beste daraus machen.

  • Ich sehe, dass Sie total aufgebracht sind, weil Sie gegensätzlicher Meinung zum Thema sind. Ich werde das in den nächsten Besprechungen zum Thema einbringen.

Es gibt sicherlich noch mehr Botschaften, aber da sind vielleicht schon ein paar Anregungen enthalten.

5. Anfang und Ende

Wie schon in anderen Beiträgen erwähnt (siehe "Worüber reden Sie eigentlich?"), dürfen Sie in einen Vortrag nicht "hineinschlabbern". Fangen Sie richtig an, vor allem deutlich, notfalls mit einem Paukenschlag, aber wenigstens mit einer ordentlichen Begrüßung.

Überlegen Sie mal, wie ein Film anfängt. Welche Anfangs-Szene ist Ihnen im Gedächtnis hängen geblieben? Vielleicht die Rocky Horror Picture Show, die anfangs volle fünf Minuten lang nichts als stark geschminkte Lippen zeigt, die ein Lied singen. Oder Johnny Depp alias Captain Jack Sparrow, der in Fluch der Karibik stolz auf einem Segelschiff in den Hafen einläuft, bis in der zweiten Szene zu erkennen ist, dass sein Schiff gerade untergeht.

Sie können es eine Nummer kleiner beginnen, aber es darf ruhig eine Überraschung sein. Sie wollen doch als Zuschauer auch nicht immer nur "Sehr geehrte Damen und Herren!" hören.

Wie wäre es mal mit "Mitbürger! Freunde! Römer! Hört mich an!" (aus Julius Cäsar von Shakespeare, die Rede des Marc Anton an das Volk). Jetzt müssen Sie nur noch einen Bezug zu Ihrem Thema und einen glaubwürdigen Übergang finden.

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