öffentlich
Redaktion Druckversion

Der berufliche Wiedereinstieg nach der Erziehungszeit

4
(8)
Beitrag bewerten
Ersten Kommentar schreiben
Stand: 19. Dezember 2012

Ziel- und Standortbestimmung - Was kann ich? Was will ich? Und warum?

Aller Anfang ist schwer. Klarheit bezüglich Ihrer Wünsche, Möglichkeiten und der Zielsetzung ist schon mal ein guter Startpunkt für die Vorbereitung Ihrer Bewerbungskampagne.

Gehen Sie als Erstes mit sich selbst zu Rate und machen Sie eine Bestandsaufnahme.

1. Schritt: Fähigkeiten und Stärken ermitteln

Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken und Kenntnisse. Nehmen Sie am besten Stift und Papier zur Hand und halten Sie Ihre Gedanken zu folgenden Fragen fest.

  1. Was habe ich in den letzten Jahren dazugelernt (praktisches Wissen, theoretisches Wissen, so genannte "Soft Skills", neue Aufgabenbereiche oder Brancheneinblicke)? Schreiben Sie neu Dazugelerntes oder Erfahrenes auf, auch dann, wenn Sie sich in den jeweiligen Bereichen nicht für eine Expertin halten.

    Das Dazugelernte könnte sein: praktisches Wissen oder Handfertigkeiten aus Ihrem neuen Alltag - z.B. Kinderpflege, Kindermassage, Kochen, Allergiker-Küche, kreatives Backen für Kinder, oder auch Networking – mit anderen Eltern -, einen (Eltern-) Blog einrichten und pflegen, etc. oder auch Fertigkeiten aus einem neuen Hobby, das nicht zwingend mit Kindern zu tun hat.

    Es kann auch neues Wissen sein, das Sie sich durch Fortbildungen haben angedeihen lassen. Ganz egal, ob Sie ein Diplom oder einen Abschlussnachweis haben oder nicht, ob Sie "organisiert" oder autodidaktisch unterwegs waren, Sie können Ihr neues Wissen oder Können offen kommunizieren: Umgang mit digitaler Bildbearbeitung, den Sie sich selbst oder durch Hilfe von Profis angeeignet haben, der Englischauffrischungskurs an der VHS, ein Coaching in Sachen Rhetorik oder ein Selbstsicherheitstraining, Excel-Tabellen und -Diagramme, die Sie durch Aufgaben in einem Übungsbuch beherrschen lernten. Alles zählt, wenn Sie in der Lage sind, es glaubhaft, vor allem durch Können, zu belegen.

    Es können auch sogenannte "Soft Skills" sein, die Sie in den letzten Jahren neu erworben haben oder vertiefen konnten. Spätestens, wenn man den neuen Alltag mit Kleinkind organisieren, unausgeschlafen seine Frau stehen und die Zeitlücken, in denen das Kind friedlich schläft, zwischen Energietanken, Beziehungen zur "Außenwelt" pflegen und operative Aufgaben rund um Haushalt, Familie und Papierkram, aufteilen muss, hat man eine neue Dimension der Begriffe Belastbarkeit und Flexibilität erfahren.

    Berücksichtigen Sie auch neue Fähigkeiten, die Sie durch Einblicke in andere Branchen oder neue Aufgabengebiete gewinnen konnten. Das können neue Hobbys sein oder das Ehrenamt, etwa wenn Sie für einen lokalen Verein die Buchhaltung, Pressearbeit oder Event-Organisation übernommen haben. Oder wenn Sie eine Elterninitiative gegründet und die Vereinsgründung, die Suche und das Einrichten der Räumlichkeiten sowie das Einstellen der Fachkräfte übernommen oder einen Erste-Hilfe-Kurs für Kinderunfälle und -krankheiten absolviert haben.

  2. Was kann ich / konnte ich immer schon ganz gut? Schreiben Sie hier die Fähigkeiten auf, von denen Sie überzeugt sind, sie ganz gut zu beherrschen. Ganz egal, aus welchem Lebensbereich.

    Schreiben Sie ungehemmt drauf los. Teilen Sie Ihre Liste am besten in zwei Bereiche ein: a) beruflich; b) allgemein, berufsübergreifend

    Beispiele:

    a) Teams leiten, Verkauf, Verkaufstraining, Akquise, Kaltakquise, Beraten, Verhandeln, Überzeugen, mit der Marketingabteilung zusammenarbeiten, Kampagnen entwickeln, gutes Zahlengefühl (Das könnte etwa eine ehemalige Key Account Managerin mit Teamverantwortung vor der Familienpause schreiben)

    b) Singen, Klavierspielen, Backen, Rechnen, überhaupt mit Zahlen umgehen, Schach und Backgammon spielen, ganz toll Tisch dekorieren, Babypflege, Babymassage, Mutter-Kind-Reisen und –Wanderungen organisieren, "kenne die Hausberge rund um meinen Heimatort sehr gut", "habe dem Metzger eine neue Werbekampagne für die Presse entworfen, die sehr gut ankam", mit Kindern spielen, Geschichten vorlesen und erfinden (Dies könnten Erfahrungen sein, die aus dem Privatbereich von früher sowie aus der aktuellen Zeit kommen können)

  3. Auf welche Lebensleistung bin ich stolz? Auf welche Leistung der letzten Jahre, außerhalb des Berufes, bin ich besonders stolz?

    (Und jetzt wird es erst richtig spannend:)

  4. Ihre Selbsteinschätzung: Versuchen Sie Ihre positiven Eigenschaften und Taten zu protokollieren. Welche davon waren am meisten prägend, auffällig und/oder wichtig? Unabhängig davon, wie andere darüber urteilen würden.

  5. Denken Sie an vier wichtige Menschen in Ihrem Leben – Erwachsene, die Sie gut kennen, z.B. Ihr Partner, ein anderes Familienmitglied, die beste Freundin, eine ehemalige Kollegin. Schreiben Sie spontan auf, was diese Menschen wohl an Ihnen gut finden - so fünf bis sechs Eigenschaften oder Taten pro Person.

  6. Und vergleichen Sie jetzt Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Fragen Sie diese Menschen, was Sie wirklich gut an Ihnen finden – Taten sowie Eigenschaften.

Sehr wahrscheinlich werden Sie beim Vergleich der Antworten auf die letzten drei Fragen feststellen, wie viele Aspekte Ihr Umfeld an Ihnen schätzt, die von Ihnen nicht erkannt worden sind. Das kann daran liegen, dass es sich dabei für Sie um Selbstverständliches und Alltägliches handelt, über das Sie sich keine großen Gedanken machen. So können Sie sehen, wie viel noch in Ihnen steckt, das Ihnen erst gar nicht in den Sinn gekommen ist, andere aber sehr wohl wahrnehmen und zu schätzen wissen.

Es ist wichtig, dass Sie Ihre Antworten und Listen zu den oben genannten Fragen auch wirklich zu Papier bringen. Dadurch ist die Information über Ihre Stärken weniger flüchtig und kann so oft wie nötig, durchgelesen und verinnerlicht, ggf. auch um neue Punkte erweitert werden.

Gestärkt durch ein ziemlich umfassendes Bild Ihrer wichtigsten Stärken, sollten Sie eine zweite Aufgabe in Angriff nehmen

2. Schritt: Wünsche und Pläne analysieren

Analysieren Sie Ihre beruflichen Zukunftsgedanken, Wünsche und Pläne. Und bringen Sie das Ergebnis wiederum zu Papier.

Folgende Fragen könnten Sie dabei unterstützen, Ihre Ziele zu finden:

  • Wie sieht mein Traumjob aus? Visualisieren Sie vor dem geistigen Auge den Traum- oder Wunschjob. Ganz unabhängig vom vorherigen Job oder von Gelerntem, lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf … Und halten Sie dabei fest, was diesen Job für Sie so attraktiv macht. Welche Stärken möchten Sie dort einbringen? Was motiviert Sie?

  • Stellen Sie sich eine für Sie positive Arbeitsumgebung vor, Ihre Wunscharbeitszeit und vor allem Aufgaben, denen Sie gewachsen sind, die Sie aber auch herausfordern. Was sollte der Wunschjob noch bieten?

  • Wie viel direkt umsetzbares Wissen aus dem vorherigen Beruf können Sie dem Arbeitsmarkt anbieten?

Eine gute Beraterin, Trainerin oder Verkäuferin wird – auch wenn sie sich nach einer langen Pause mit neuen Inhalten auseinandersetzten muss, ihr Basishandwerk wohl kaum verlernt haben - empathisch, methodisch vorzutragen, komplexe Inhalte knackig und verständlich vermitteln, gekonnt kommunizieren, sicher verhandeln, Einwände behandeln und dabei überzeugen.

Anders verhält es sich sicher bei der Informatikerin, der Medizinerin, der Biotechnologin, wenn sie in den ganzen Jahren die technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen in ihrem Fachbereich nicht verfolgt hat.

Im Ergebnis sollten Sie wissen, ob Sie in den alten Beruf zurück wollen, ggf. bei einem anderen Arbeitgeber, oder ob Sie etwas Neues in Verbindung mit Ihren Stärken anfangen wollen, ob Sie angestellt sein oder den Weg in die Selbständigkeit wagen wollen.

Ganz ohne Branchenerfahrung oder direkt umsetzbare Praxiserfahrung ist ein Quereinstieg schwierig zu gestalten; doch Sie haben in diesen Jahren vielleicht auch wichtige neue Kompetenzen, Erfahrungen, Kenntnisse erworben, die einen Einstieg in ganz neue Aufgaben doch möglich machen.

Im nächsten Schritt geht es darum, den Rahmen und die Möglichkeiten zu überprüfen. Je nach Alter und Selbständigkeit der Kinder / des Kindes oder anderer Personen, die Sie betreuen stellen sich auch Fragen zu Ihrer Flexibilität.

3. Schritt: Der äußere Rahmen

Und schließlich das Maßgebliche, das zur Findung einer Antwort oder Überdenken des Zieles führen kann: Ihre konkrete Situation.

  1. Welches Arbeitszeitpensum kann ich schaffen? Ganztags oder halbtags? Wo könnte mein Arbeitsplatz sein? Im Heimatsort? Wie weit davon entfernt?

  2. Wie und wo ist mein Kind betreut? Innerhalb welcher Zeiten?

  3. Wie überbrücke ich betreuungsfreie Zeiten: etwa Ferienzeiten, Erkrankung der Betreuungsperson, Kindergartenschließung, Krankheit meines Kindes?

    Eltern haben Anspruch auf Freistellung von der Arbeit für die Pflege und Betreuung ihrer kranken Kinder. Wann überhaupt, wann bezahlte und wann unbezahlte Freistellung beansprucht werden kann und bis zu welchem Kindesalter, das regelt der Gesetzgeber in Deutschland über § 616 BGB (Bürgerlichen Gesetzbuch) und § 45 SGB V (Sozialgesetzbuch V). Informationen dazu liefert unser Beitrag "Krankmeldung bei krankem Kind?".

  4. Und eine der Schlüsselfragen: Habe ich einen Partner an meiner Seite, der mich beim Wiedereinstieg und bei meinen Zielen unterstützt? Oder sieht er mich als "Hausmutti" und kann er meinen Wunsch, wieder beruflich tätig zu werden gar nicht nachvollziehen? In welchem Rahmen will und kann er mich unterstützen? Wie sieht die neue Aufgabenverteilung aus? Gibt es sonst Hilfe aus der Familie oder durch nahestehende Menschen?

  5. Besser mit doppeltem Auffangnetz: Habe ich Verwandte, die nah genug wohnen und bereit sind, mich zu unterstützen? Gibt es rüstige und flexible Großeltern, die mal nachmittags die Kinder betreuen, wenn ich Dienstreisen, Überstunden oder Kundeneinsätze einplanen muss? Kann ich eventuell ein Tandem-Arrangement mit einer befreundeten Mutter aus meinem Wohnort vereinbaren?

  6. Wie können mein Partner und ich die Betreuung in Ferienzeiten abdecken? Gibt es Angebote für Ferienbetreuung? Benötigen wir externe Unterstützung – in welchem Rahmen? Was darf sie kosten?

Besprechen Sie diese Punkte mit Ihrem Partner bzw. mit Ihrer Familie bitte nicht erst vor dem Vorstellungsgespräch. Informieren Sie sich bei Kinderbetreuungseinrichtungen, inserieren Sie rechtzeitig die Babysitter- oder Kinderbetreuungs-Annonce und schauen Sie sich mehrere Leute an, die sich melden. Das gibt Ihnen und zugleich dem Kind die Chance sich auf die neue Situation anzupassen, festzustellen ob die "Chemie" zwischen Kind und Betreuungsperson auch stimmt, ob Ihre Anforderungen und Erwartungen erfüllt werden.

Was kann und wird der Partner/Kindesvater übernehmen, um Sie zu entlasten? Wie sieht es mit der Unterstützung durch die Großeltern aus? Vielleicht findet sich eine Ersatzoma in der Nachbarschaft? Schul-, Kindergartenbetreuung – was wird angeboten und in welchem Zeit- und Kostenrahmen?

Die Kinderbetreuung sollte zumindest konzeptionell gut geplant sein, neue Bezugspersonen nicht erst mit dem neuen Job ins Leben der Kinder treten. Auch Ihr Kind, besonders wenn es klein ist, braucht eine gewisse Umstellungszeit und Sie das gute Gefühl, dass es sich in guten Händen befindet.

Zusammenfassung

Im ersten Schritt sollten Sie sich schon mal mit Ihrer Standortanalyse sowie mit Zielsetzung und Machbarkeit beschäftigen. Wichtig dabei ist, sich Ihre Stärken, Kenntnisse und Handfertigkeiten zu vergegenwärtigen, und zwar möglichst umfassend und realistisch. Rückmeldungen aus Ihrem Umfeld können dabei hilfreich sein. Dasselbe gilt für Bewerbungsexperten, die mit Ihnen eine Bestandsaufnahme machen oder eine professionelle Potenzialanalyse durchführen.

Genauso wichtig ist die – in dieser Phase zumindest grobe, richtungsweisende - Zielsetzung und das Wissen darüber, in welchem Maße Sie in Ihrer Familie und von Ihrem Umfeld Unterstützung erhalten und wo es Widerstände gibt. Sichern Sie sich, insbesondere im Hinblick auf die Kinderbetreuung, am besten mehrfach ab.

Sie sollten nun wissen, was Sie wollen, bzw. welchen Weg Sie beruflich einzuschlagen versuchen, ein klares Bild Ihrer Stärken und der räumlichen und zeitlichen Möglichkeiten und Spielräume haben.

Als Mitglied können Sie diesen Beitrag weiterlesen!

Werden Sie Mitglied und testen Sie akademie.de 14 Tage lang kostenlos!

In den ersten 14 Tagen haben Sie Zugriff auf alle Inhalte auf akademie.de, außer Downloads. Sie können in dieser Zeit ohne Angabe von Gründen stornieren. Eine E-Mail an service@akademie.de genügt. Nur wenn Sie Mitglied bleiben, wird der Mitgliedsbeitrag nach Ende der 14tägigen Stornofrist abgebucht.

Ich bin bereits Mitglied
Jetzt Mitglied werden und akademie.de 14 Tage kostenlos testen
Ich entscheide mich für folgende Zahlungsweise:
14 Tage Stornorecht:
Ich kann meine Mitgliedschaft in den ersten 14 Tagen jederzeit formlos stornieren, z.B. per E-Mail an service@akademie.de.

Inhalt

Downloads zu diesem Beitrag

Über den Autor:

bild117754

Corina Schneider ist Inhaberin und Gründerin von Cross Cultural & Career Consulting. Als Beraterin, Trainerin und Coach unterstützt sie Unternehmen und Privatpersonen in transkulturellen Business-, Te ...

Newsletter abonnieren