Im fünften Teil der Serie beschäftigen wir uns mit Stilfehlern. Aus der Fülle möglicher Schnitzer greifen wir diejenigen heraus, die besonders oft auftreten. Wie in den anderen Beiträgen geht es dabei um Texte, die keinen literarischen Anspruch erheben. Bei literarischen Texten gelten teilweise andere Regeln; diese lassen wir hier außer Acht. Sie erhalten Tipps, wie Sie in Sach- und Gebrauchstexten gut formulieren, was Sie tun und was Sie lassen sollten.

Was ist eigentlich guter Stil? Es gibt etliche Stillehren, in denen explizit Ratschläge für einen guten Stil gegeben werden. Und es gibt etliche Sprachkritiken, in denen Stilfehler kritisiert (und implizit gegenteilige Stilformen nahegelegt) werden. Oft mangelt es den Empfehlungen allerdings an fundierten Begründungen. Sie entspringen vielmehr dem subjektiven Stilempfinden der Autoren. Und was der eine schön findet, gefällt dem anderen weniger.

Das bedeutet nicht, dass man nicht objektive Kriterien für einen guten Stil angeben könnte. Ich will einige dieser Kriterien vorab nennen:

  • Verständlichkeit: Wenn ich will, dass mich der andere versteht, muss ich verständlich sprechen oder schreiben. So gesehen ist das, was die Verständlichkeit fördert, guter Stil, und das, was die Verständlichkeit hemmt, schlechter Stil. Was im Einzelnen verständlichen Stil ausmacht, wird seit fast 100 Jahren erforscht. Deshalb weiß man hier recht gut Bescheid: Wortwahl und Satzbau sind entscheidend. Weniger gut verständlich wäre dagegen: Die Lesbarkeits- und Verständlichkeitsforschung, die auf eine fast 100-jährige Tradition zurückblickt, hat Faktoren auf Ebene der Lexik und der Syntax identifiziert, die die Verständlichkeit nichtfiktionaler Texte als Resultat der Leser-Text-Interaktion positiv bzw. negativ beeinflussen.

  • Stilebene: Es gibt verschiedene Stilebenen, z. B. umgangssprachlich, alltagssprachlich, gehoben. Wenn man auf einer Stilebene formuliert und dann unversehens einen Ausdruck einer anderen Ebene verwendet, begeht man einen Stilbruch. Wirft man ständig die Ebenen durcheinander, liegt ein kruder Stilmix vor. Stilbrüche und -mixe sollte man vermeiden, wenn man nicht gerade Heinz Erhardt heißt. Bei dem legendären Komiker waren solche Stilbrüche beabsichtigt und machen einen guten Teil der Komik aus. Ein schönes Beispiel ist sein Gedicht Das Gewitter mit dem Stilbruch im letzten Vers. (Mehr wird hier nicht verraten.)

  • Stilmittel: Unfreiwillig komisch können nicht nur Stilbrüche wirken, sondern auch falsch eingesetzte Stilmittel. Stilmittel sind z. B. rhetorische Figuren wie Bilder oder Vergleiche. Ein gelungener Einsatz hat den Effekt, den Text überraschender oder überzeugender zu machen. Eine unsachgemäße Verwendung verpufft wirkungslos oder hat eine unbeabsichtigte, gar gegenteilige Wirkung (Stilblüte). Ein erdachtes Beispiel: Siegfrieds Schulterblatt war seine Achillesferse.

  • Angemessenheit: Und schließlich hängt die Wahl des Stils von den Adressaten und der Situation ab. Eine Freundin kann ich abends in der Kneipe mit Hallöchen begrüßen. Als Grußformel in einem Schreiben an eine Behörde wäre das jedoch deplatziert. Das erscheint Ihnen trivial? Mag sein, doch überlegen Sie einmal, ob nicht auch Sie selbst schon E-Mails mit einem unangemessenen Stil erhalten haben (etwa mit abgekürzter Grußformel oder unpassender Anredeform). Was in einer Situation angemessen ist, kann in anderen Kontexten befremdlich wirken und den Adressaten vor den Kopf stoßen.

Stilfehler sind also nicht nur Schönheitsfehler, sie können zu einem Misslingen der Kommunikation führen. Umgekehrt kann ein guter Stil dazu beitragen, dass die Kommunikation ihre Ziele erreicht. Grund genug, sich die beliebtesten Stilfehler einmal genauer anzuschauen.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Manche Schreiber haben sich anscheinend die Überschrift als Motto zu eigen gemacht – sie schreiben möglichst unverständlich. Zu Fragen der Textverständlichkeit sind bereits einige Beiträge auf akademie.de erschienen. Deshalb können wir uns hier kurzfassen. Die Lesbarkeit eines Textes wird vor allem durch zwei Merkmale bestimmt:

  • Kurze, geläufige Wörter. Besser Onkel als Oheim (veraltet), besser Drehkreuz als Vereinzelungsanlage (abstrakt), besser Fachausdruck als Terminus technicus (Fremdwort). Das betrifft auch Anglizismen, denen wir einen eigenen Abschnitt (s. u.) widmen.

  • Kurze, einfache Sätze. Kurze Sätze sind verständlicher als lange Bandwurmsätze. Faustregel: bis 10 Wörter pro Satz einfach, 10 bis 20 Wörter mittelschwierig, über 20 Wörter schwierig.
    Eine besondere Schwierigkeit stellt im Deutschen die Verbklammer dar. Damit ist gemeint, dass Verb und Hilfsverb bzw. Verb und Vorsilbe getrennt werden und ein Teil erst am Satzende steht. Beispiele: Ich habe die Dateien heruntergeladen und Laden Sie die Dateien herunter. Die Verbteile klammern den restlichen Satz ein. Bei kurzen Sätzen ist das kein Problem, bei langen dagegen schon, wie insbesondere Simultandolmetscher aus dem Deutschen leidvoll erfahren. Bis ganz zum Schluss bleibt nämlich unklar, was eigentlich getan wird oder getan werden soll. Auch deutschsprachige Hörer und Leser kämpfen mit dem Problem: Kommt endlich der zweite Verbteil, ist der erste nicht mehr präsent. Vermeiden Sie deshalb, wenn es geht, lange Sätze und Verben mit Vorsilben. Besser: Schließen Sie die Datei als Machen Sie die Datei zu.
    Und: Einfache Sätze sind verständlicher als komplizierte Schachtelsätze. Faustregel: nicht mehr als ein Nebensatz pro Satz. Verwenden Sie ferner lieber Aktivsätze als Passivsätze: besser Ich bewillige Ihren Antrag als Ihrem Antrag wird stattgegeben. Und vermeiden Sie Verneinungen: besser Ich stimme Ihnen zu als Ich widerspreche Ihnen nicht. Unser Hirn tut sich schwer, wenn es um die Ecke denken muss.

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Über den Autor:

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Joachim Fries ist freier Lektor und Trainer. Sein Schwerpunkt sind Bücher und Bildungsmedien rund um das Thema Management. Vor seiner Freiberuflichkeit war er viele Jahre als Führungskräftetrainer un ...

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