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Schein-Argumente zur Zwangsrente (I): Wie die Deutsche Rentenversicherung Selbstständige arm rechnet

Anmerkungen zu einer Kampagne, Teil 1: die Deutsche Rentenversicherung arbeitet in der AVID 2005 Studie mit willkürlichen Daten

Die Deutsche Rentenversicherung Bund (DR) ist die mächtigste Rentenvorsorge-Lobby Deutschlands. Seit vielen Jahren bemüht sich die DR darum, dass Millionen Selbstständige gesetzliche Zwangsrentenbeiträge zahlen sollen. Dazu nutzt die DR die von ihr finanzierte AVID-2005-Studie. Bei den dort ermittelten Altersvorsorgeprognosen werden Immobilien-, Betriebs-, Wertpapier-, sonstiges Vermögen und daraus erzielte Erträge einfach mit Null Euro angesetzt. Und das, obwohl sich gerade Selbstständige über diese Vermögenswerte ihre Altersvorsorge sichern.

Mit diesem plumpen Trick - mit dem auch selbständige Milliardäre zur bedrohten Altersarmutskaste zu zählen sind - sichert sich die DR über ihre AVID Studie ihr Wunschergebnis: Selbstständige schneiden bei den prognostizierten späteren "Alterseinkommen" besonders schlecht ab und sind angeblich mangels Vorsorge von späterer Altersarmut besonders betroffen. Entsprechend wirkt die DR über ihr Positionspapier oder Gutachten des Sozialbeirats auf Sozialpolitik und Öffentlichkeit ein, um über Zwangsrentenbeiträge an jährliche Milliardensummen Selbstständiger heranzukommen.

Wie die AVID 2005 Studie die Selbstständigen zur Altersarmuts-Risikogruppe macht

Die Bedeutung der AVID-Studien wird im Beitrag "Altersvorsorge in Deutschland" von Dina Frommert in der Zeitschrift "Deutsche Rentenversicherung" in der Ausgabe 2/2010 erläutert:

Zitat Anfang

Die Studien "Altersvorsorge in Deutschland (AVID)" ergänzen die Routinestatistik der gesetzlichen Rentenversicherung um Informationen, die für die Sozialpolitikberatung unerlässlich sind. Sie liefern ein umfassendes Bild der künftigen Alterssicherung für bestimmte Geburtsjahrgänge und ermöglichen damit schon im Vorfeld eine Einschätzung der Auswirkungen aktueller Reformen. (Hervorhebung akademie.de)

Zitat Ende

Bei den AVID-Studien geht es also darum, die Sozialpolitik in Deutschland zu beeinflussen.

Wie wir noch sehen werden, spielen die Ergebnisse der AVID 2005 Studie bis heute eine wichtige Rolle. Und die Deutschen Rentenversicherung Bund propagiert seit Jahren die Zwangsaltersvorsorge für Selbständige und argumentiert dabei mit deren drohender Altersarmut.

Der Auftraggeber der Studie sind die Deutsche Rentenversicherung und das BMAS. Betrachten wir zunächst, wie die AVID 2005 Studie das zukünftige "Netto-Alterseinkommen" jeweiliger Altersgruppen ermittelt. Bei der Berechnung zukünftiger Alterseinkommen jeweiliger Altersgruppen berücksichtigt die Studie folgende Positionen:

  • Gesetzliche Rentenversicherung (GRV), Beamtenversorgung (BV), Alterssicherung der Landwirte (ADL) sowie berufsständische Versorgungswerke (BSV) für Notare, Ärzte, Zahnärzte usw.

  • Betriebliche Altersversorgung in der Privatwirtschaft (BAV), Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst (ZÖD)

  • Riesterrente (RIE), private Rentenversicherungen (PRV) sowie Lebensversicherungen (LV)

Man berücksichtigt also fast ausschließlich Vorsorgepositionen, die für abhängig Beschäftigte gelten! Nicht als Vorsorgeleistung gezählt werden in der Studie u. a. folgende, für Selbstständige typische und besonders wichtige Formen der Altersvorsorge, wie etwa:

  • Wohneigentum einschließlich ersparter Miete

  • sonstiges Immobilieneigentum (Wohnen, Gewerbe, Land, Forst) einschließlich Miet- und Pachterträge

  • eigenes Betriebsvermögen sowie betriebliche Erträge

  • Geschäftsanteile an anderen Unternehmen

  • Wertpapierbesitz, Zinserträge aus Anleihen, Dividenden aus Aktien

  • Edelmetalle, Kunst, Antiquitäten

  • Geldvermögen und Zinserträge

  • Einkommen aus Berufstätigkeit im Ruhestand

Derart arm gerechnet, verwundert im AVID 2005 Endbericht das Ergebnis für Selbstständige auf S. 247 f. nicht mehr:

Zitat Anfang

Niedrige Alterseinkommen resultieren somit – nicht überraschend – in allen Gruppen insbesondere aus kürzeren sozialversicherungspflichtigen Vollzeiterwerbsphasen ... Personen im unteren Quintil haben außerdem überdurchschnittlich lange Selbstständigenzeiten. Besonders ausgeprägt ist dies bei verheirateten Männern in den alten Ländern. Sie sind durchschnittlich 12,1 Jahre selbstständig erwerbstätig, in den oberen Quintilen dagegen nur 2,0 Jahre.

Zitat Ende

Demnach will uns die Studie weismachen:

  • Bei der Gruppe im ersten Fünftel (20 %) mit den niedrigsten Alters-Nettoeinkommen sind diejenigen Selbständige vertreten, die besonders lange selbständig arbeiteten.

  • Selbständige im obersten Fünftel der Einkommensverteilung, also in der Gruppe mit dem höchsten Netto-Alterseinkommen, waren demgegenüber nur ganz kurze Zeit selbständig.

  • Fazit: Selbständige sind angeblich umso stärker von zukünftiger Altersarmut betroffen, je länger sie selbständig waren. Selbständigkeit führt demnach klar in die Altersarmut.

Das Vorgehen in der AVID-2005-Studie bezüglich Selbstständiger könnte man mit dem - rein fiktiven - Fall vergleichen, eine Studie des McDonald Konzerns würde ermitteln, dass Menschen umso eher vom Hungertod bedroht sind, je weniger Hamburger sie essen.

Man müsste für die Studie einfach nur methodisch festlegen, dass allein Hamburger als Nahrungsmittel gelten sollen und in der Befragung nur der Hamburgerverzehr als Kalorienaufnahme erfasst wird. Nehmen wir an, dass insbesondere Selbständige keine oder wenig Hamburger essen. Diese nehmen nach Studiendesign demnach keine oder wenig Kalorien zu sich und werden gemäß wissenschaftlich ermittelter Studienergebnisse bald den Hungertod erleiden.

Um diese drohende Hungerkatastrophe bei den Selbständigen abzuwenden, kann man dann absatzsteigernd den Gesetzgeber wissenschaftlich begründet auffordern, die gesetzliche Zwangsernährung von Selbständigen mit Hamburgern sicherzustellen. Bei der Altersvorsorge-Sozialforschung der Vorsorgelobbys sind derartige Verfahren jedenfalls hinsichtlich prognostizierter Alterseinkommen Selbstständiger möglich.

Das Ergebnis der AVID-2005-Studie, dass Selbständige umso mehr von Altersarmut betroffen sind, je länger sie selbständig waren, muss also nicht verwundern. Die von Selbständigen betriebene klassische Altersvorsorge mittels Mehrung von Betriebsvermögen und Vermögensbildung wird für die Ermittlung zukünftiger Alterseinkommen einfach ignoriert. Und dieses Vermögen sowie das Einkommen aus Vermögen ist erheblich. Beispielsweise belegen die Ergebnisse der ASID 2007 Studie von Infratest für männliche Selbständige in den alten Ländern ab 65 Jahren:

  • Erwerbseinkommen ab 65 Jahren erzielen monatlich: 19 % der Handwerker (1.113 €), 22 % der Gewerbetreibenden (2.279 €), 34 % der sonstigen Freiberufler (2.092 €) und 39 % der verkammerten Freiberufler (3.318 €).

  • Einkommen aus Vermietung und Verpachtung ab 65 Jahren erzielen monatlich: 32 % der sonstigen Freiberufler (675 €), 35 % der Gewerbetreibenden (1.884 €), 41 % der Handwerker (996 €), verkammerte Freiberufler (3.528 €).

  • Monatliche Zinseinkünfte erzielen Selbständige ab 65 Jahren monatlich zwischen 28 % der Landwirte und 42 % der verkammerten Freiberufler. Dabei liegen die monatlichen Zinseinkünfte zwischen 89 € bei Landwirten und bis 400 € bei Gewerbetreibenden.

Zusätzlich ist einzurechnen, dass Selbständige ab 65 Jahren nicht nur laufendes Einkommen aus dem Vermögen erzielen bzw. bei Wohneigentum die Miete sparen.

Sofern erforderlich, können sie auch ihre im Verlauf ihres Lebens angesammelten Vermögenswerte als private Rente verzehren. Wie die MEA-Studie 2009 "Das Altersvorsorge-Verhalten von Selbständigen" auf S. 21 anhand der SAVE-Datenerhebungen belegt, betrug 2006 das gemittelte Nettogesamtvermögen bei Selbständigen 470.492 € und damit mehr als das Dreifache der abhängig Beschäftigten!

(Wie auch die MEA-Studie als Studie im Auftrag der Versicherungslobby den Selbständigen systematisch Altersarmut unterschiebt, wird im Teil dieser Serie beschrieben. Umgekehrt zur AVID 2005 Studie werden hier einfach die erworbenen gesetzlichen Rentenansprüche weggelassen. Arm gerechnet werden hier die Selbständigen, die lange abhängig beschäftigt waren.)

Wie die Deutsche Rentenversicherung die Altersarmutsprognose für Selbständige aus der AVID-2005-Studie einsetzt

Die Wissenschaftler der AVID 2005 Studie weisen zwar noch darauf hin, dass bei ihrer Prognose für die Netto-Alterseinkommen Selbstständiger deren Vermögenswerte und Einkommen aus diesem Vermögen fehlen.

Im rentenpolitischen Einsatz der Studienergebnisse entfällt dann dieser Hinweis. So im Positionspapier der Deutschen Rentenversicherung Bund, in dem die Zwangsaltersvorsorge für Selbständige propagiert wird. Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund, Dr. Herbert Rische, vermittelt diese Position persönlich im Beitrag "Weiterentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung
 - Ansätze zur Begründung und konkreten Ausgestaltung" in RV aktuell 01/2008 und zieht dazu die Ergebnisse der AVID-2005-Studie heran:

Zitat Anfang

Letztlich ist deshalb davon auszugehen, dass gegenwärtig rd. 2 bis 3 Millionen Selbstständige ohne obligatorische Alterssicherung sind. Ob und inwieweit diese Personen in ausreichendem Maße privat für das Alter vorsorgen oder aber im Alter von Armut bedroht sind, ist unbekannt. Die jüngst erschienene Studie "Altersvorsorge in Deutschland 2005" (AVID 2005), bei der auch Informationen über die private Altersvorsorge derjenigen Personen erhoben wurden, die nicht in der RV versichert sind, stimmt insoweit aber skeptisch: Danach weisen die Biographien von Personen mit geringem Netto-Alterseinkommen zwei- bis dreimal so lange Phasen einer selbständigen Tätigkeit auf wie die Biographien von Menschen mit höherem Alterseinkommen. (Hervorhebung akademie.de)

Zitat Ende

Dass die genauen Vorsorgedaten für Selbständige ohne Zwangsrente "unbekannt" sind, liegt jedoch an den Vorgaben der Deutschen Rentenversicherung als Auftraggeber. Die AVID 2005 Studie fragt nämlich - zum Nachteil der Selbständigen - einfach nur die Vorsorgewerte ab, die in die Dogmatik der rentensozialistischen Bürokratie hineinpassen.

Insofern ist es der blanke Hohn, wenn der Präsident der Deutschen Rentenversicherung dann später das "geringe Netto-Alterseinkommen" von Personen mit mehrfach langen "Phasen einer selbständigen Tätigkeit" hervorhebt, um damit für die Alterszwangsvorsorge für Selbständige zu argumentieren. Schließlich ist die DR als Forschungsauftraggeber und damit beim Studiendesign für die abzufragenden Daten und die Definition von "Netto-Alterseinkommen" mitverantwortlich, mit denen über die Studie Selbständigen angeblich die Altersarmut droht. Ebenfalls erstaunlich ist, dass Herr Dr. Rische bei diesen Studienergebnissen nicht mehr von einer Prognose spricht, sondern fälschlich bereits tatsächliche Netto-Alterseinkommen Selbstständiger unterstellt.

Einfluss der AVID-2005-Studie auf Sozialbeirat-Gutachten 2009

Und das Gutachten des Sozialbeirats der Bundesregierung zum Rentenversicherungsbericht 2009 (der gemäß § 155 SGB VI konstituiert wird und einen hohen Einfluss auf die Altersvorsorgepolitik von Bundesregierung, Bundestag und die Medien hat), wiederholt diese Behauptung mit Hinweis auf die AVID-2005-Studie erneut, um die angeblich dringend gebotene Zwangsrentenpflicht für Selbstständige wissenschaftlich zu begründen:

Zitat Anfang

In den Biographien von Personen mit niedrigem Netto-Alterseinkommen sind bis zu dreimal längere Phasen der Selbständigkeit zu finden als bei Personen mit höheren Alterseinkommen. (Sozialbeirat, BT-Drs. 17/52, S. 79, Punkt 54)

Zitat Ende

Und im Gutachten 2011 mahnt der Sozialbeirat erneut die angebliche Dringlichkeit dieses angeblichen Problems an:

Zitat Anfang

Die Diskussion, wie einer vermehrt drohenden Altersarmut begegnet werden kann, muss daher weitergeführt werden und zu umfassenden Lösungen gelangen. So wird z. B. die Antwort auf die Frage, ob und wie Selbstständige in das System der obligatorischen Alterssicherung eingebunden werden sollen, immer dringender (dazu Sozialbeirat, BT-Drs. 17/52, S. 78 ff.).

Zitat Ende

Ergebnis

Der Deutschen Rentenversicherung Bund gelingt es als Forschungsauftraggeber der AVID-2005-Studie, durch die plumpe Definition der zu prognostizierenden "Netto-Alterseinkommen" möglichst viele Selbständige rechnerisch in die angebliche Altersarmut zu manövrieren.

Der einfache Trick besteht darin, die wesentlichen Pluspunkte des Altersvorsorge-Verhaltens Selbstständiger wegzulassen, nämlich ihre Vermögenswerte und ihr erhebliches Einkommen aus diesen Vermögen auszublenden. Damit sind definitionsgemäß sogar selbstständige Milliardäre mangels solcher "Netto-Alterseinkommen" von Altersarmut bedroht, sofern sie nicht ausreichend gesetzliche oder betriebliche Versorgungsansprüche bzw. Lebensversicherungen nachweisen können.

Mit diesen krassen Realitätsverfälschungen wird dann rentensozialistische Politik gegen Selbstständige betrieben - sei es als Positionspapier oder per Einfluss über die Vertreter im Sozialbeirat der Bundesregierung und dortige Gutachten.

Medien und Politiker haben in den letzten Jahren kritiklos diese Falschbehauptung drohender Altersarmut Selbständiger übernommen. Inzwischen gehört diese Falschinformation zum vermeintlichen Grundwissen nicht nur der Journalisten und Politiker, sondern auch der Allgemeinheit.

Die wirklichen Zahlen zur Altersarmut in Deutschland

Es wundert nicht, wenn die Akteure der Kampagne "Zwangsaltersvorsorge für Selbständige" die wesentlichen, seriöseren Zahlen verschweigen und auf Tricksereien ausweichen. Keiner der Akteure nennt die Zahlen des Statistischen Bundesamts und die Zahlen im letzten Alterssicherungsberichts der Bundesregierung. Schon diese verweisen das Märchen über einen den Selbständigen drohenden Altersarmuts-Tsunami ins Land der Träume:

  1. Von 2005 bis 2010 ging die Quote Selbstständiger mit armutsgefährdenden Einkommen immer weiter zurück. Gleichzeitig rutschen zunehmend sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer und noch mehr die Arbeitslosen in die armutsgefährdende Einkommenszone.

    Konkret sank gemäß den Erhebungen des Statistischen Bundesamts die Quote armutsgefährdeter Selbstständiger von 2005 bis 2010 um 8 %, nämlich von 9,1 % auf 8,4 % aller Selbstständigen. Dagegen stieg die Quote der armutsgefährdeten abhängig Beschäftigten um weitere 4 % an, nämlich von 7,1 % auf 7,4 %. Noch stärker, nämlich um 9 % stieg die Armutsgefährdungsquote bei den Arbeitslosen, nämlich von 49,6 % auf 54 %.

  2. Im Jahr 2008 war die Quote Selbstständiger, die im Alter staatliche Hilfe benötigte, mit 4 % gleich hoch wie die Quote bei den rentenversicherungspflichtig Beschäftigten.

    Gemäß der Alterseinkommensstatistik 2008 im Alterssicherungsbericht 2008 der Bundesregierung, die in den Tabellen BC.25 bis BC.27 ausgewiesen werden, beanspruchen nur 4 % aller Selbständigen im Ruhestand ab 65 Jahren staatliche Transferleistungen wie Wohngeld, Sozialhilfe oder Grundsicherung. Bei den versicherungspflichtigen Arbeitnehmer-Rentnern ab 65 liegt die Quote für staatliche Hilfezahlungen ebenfalls bei 4 %. Sogar etwa 3 % der Beamten ab 65 erhalten im Ruhestand derartige Sozialtransfers. Mehr dazu im Beitrag "Gerechtigkeitslücke oder Gerechtigkeitslüge" hier auf akademie.de.

Ergebnis

Die Altersarmutsquote Selbständiger liegt mit 4 % völlig im Normalbereich, da sie der Quote abhängig Beschäftigter mit Rentenversicherungspflicht entspricht. Dabei sind gerade Selbständige der einzige Lichtblick. Denn nur hier sinkt seit 2005 die Armutsgefährungsquote. Viel mehr sollte sich die Politik um die statistisch wirklich nachweisbare steigende Armutsgefährdung bei den Arbeitnehmern und den Arbeits- und Erwerbslosen sorgen.

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Der Fairness halber ...

sollte vielleicht erwähnt werden, dass die Transferempfänger unter den Arbeitern und Angestellten im Durchschnitt 267 - 175 = 92 EUR (je Transferempfänger) monatlich weniger Transferleistung erhalten. Bei 75.000 selbständigen Transferempfängern ab 65 sind das 82.800.000 EUR pro Jahr Einsparpotenzial bundesweit.
Das sehe ich als das einzige, statistisch belegbare Argument, das für eine RV-Pflicht spricht.
Dieses Argument ist aber sooo hauchdünn, dass es hinter den nachteiligen Folgen sofort verschwindet. Allein die Verwaltungskosten für 2 Mio. Selbständige würden den Betrag sehr wahrscheinlich übersteigen. Zudem muss man sehen, dass bereits 3% der ab 65-jährigen Selbständigen die 4% Transferempfänger durch ihre Steuern und Abgaben finanzieren.
Es ist also sehr viel Luft, bis die jüngere Generation oder die Allgemeinheit belastet wird. Ganz im Gegensatz zum gesetzlichen System.

Private Krankenversicherung und Altersarmut Selbständiger

Ich habe zwar keine statistischen Belege dafür, vermute aber, dass die um 92 EUR monatlich pro Kopf gegenüber Arbeitnehmern höheren Alters-Transferleistungen für 75.000 selbständige Transferempfänger fast ausschließlich durch die extrem hohen, unfairen Beitragssätze in der PKV für alte Menschen bedingt sind. PKV-Beiträge um 700 bis 1000 EUR monatlich (inkl. Pflegeversicherung) treiben viele Selbständige in die Altersarmut. Grund dafür ist, dass die Ärzte bei Privatpatienten - BGH-bestätigt - generell mindestens den 2,3fachen Gebührensatz nehmen dürfen und dann natürlich auch nehmen (!). Darüber finanzieren die Ärzte ihre bei den Kassenpatienten häufig entstehenden Defizite durch die dort viel niedrigeren Abrechnungshöchstsätze, die sie mit den gesetzlichen Kassen vereinbaren müssen.

So müssen auch die altersarmen Selbständigen im Ruhestand in unserem Gesundheitssystem die Krankenkassenbeiträge für Arbeitnehmer subventionieren.

Zugleich werden bei den Arbeitnehmern im Rentenalter deren gesetzliche KV-Beiträge massiv subventioniert: Einerseits durch die solidarische GKV-Gemeinschaft, andererseits aber auch durch die Geldmittel der PKV-Mitglieder, die für gleiche Arztleistungen viel höhere Rechnungen zu zahlen haben.

Insofern finden also auch Sozialtransferleistungen von altersarmen ehemals selbständigen Rentnern (PKV) zu altersarmen ehemals Beschäftigten (GKV)statt. Müssten ehemalige Arbeitnehmer als Ruheständler solche PKV-Beiträge zahlen, dürfte sich die bisherige 4% Quote für Alterstransferleistungen an Arbeitnehmerrentner wahrscheinlich vervielfachen. Denn der dort recht großen Rentnergruppe mit Renteneinkommen bis 850 EUR würde bei PKV- statt GKV-Beitragspflicht monatlich wohl kaum noch etwas für ihren Lebensunterhalt übrig bleiben.

Danke, das Argument mit der PKV hatte ich bislang übersehen

Das heißt nämlich im Klartext, dass sogar die Zahlen des Alterssicherungsbericht im Grunde zu Gunsten der ehemaligen Arbeitnehmer geschönt sind (formal natürlich korrekt, aber kein vollständiges Bild), da die Selbständigen die ehemaligen Arbeitnehmer über die PKV indirekt subventionieren. Diese Vermutung sollte sich im Prinzip durch Statistiken über den Anteil der Privatversicherten, aufgesplittet nach Bevölkerungsgruppen, belegen lassen.

Wie schaut der Trend innerhalb der GKV aus? Wie sind die Beiträge zur GKV, abhängig von der Bevölkerungsgruppe?
Durch die Mindestbeiträge bei Selbständigen müsste da doch eigentlich auch ein indirekter Transfer stattfinden, insbesondere da die Selbständigen oft länger als bis 65 arbeiten.

Die geschuldeten, aber nicht bezahlten, Beiträge sind natürlich jeweils herauszurechenen.

Es bliebe noch zu klären, wie hoch die Kosten für die jeweiligen Behandlungsleistungen sind, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Wer nimmt mehr von der KV übernommene Arzt-Leistungen in Anspruch, Selbständige oder Arbeitnehmer?

Transfer-Rechnung bitte durchdenken

Die Rechnung mit dem Einsparpotential hat den Haken, dass unterstellt wird, man könne die Transferleistungen für Selbständige durch die Rentenversicherungspflicht abbauen. Bei den pflichtversicherten Arbeitnehmern klappt das aber auch nicht - da beziehen ja ebenfalls 4% der Gruppe ab 65 Jahren Transfergelder und sogar bei den Beamten sind es rund 3%.

Allein wegen Behinderungen, chronischen Krankheiten, Alkoholismus, usw. im Erwerbsalter, die häufig diese Niedrigeinkommen auslösen, wird man die bestehende 4% Sozialtransferrate im Alter niemals auf Null drücken können. Das gilt für Selbständige genauso wie für Arbeitnehmer oder Beamte. Und es ist auch gut so, dass sich auch diese Menschen um eigenes Einkommen bemühen und sich so aktiv gegen den Alternativstatus erwerbslos mit voller Grundsicherung über ALG II stemmen.

Wie soll es bitte gelingen, Menschen mit längerfristig bestehenden Armutseinkommen ausgerechnet über Rentenpflichtbeiträge vor dem Schicksal zukünftiger Altersarmut zu schützen?

Super Recherche-Arbeit

Danke, dass Sie so engagiert die womöglich bewussten Statistik-Fehlinterpretationen und Diffamierungen aufdecken!
Kein Wunder, dass Politiker mit dümmlichen Gesetzentwürfen daherkommmen, wenn sie so systematisch hinters Licht geführt werden.
Ich konnte ihre Aussagen noch nicht selbst verifizieren. Aber wenn das alles so haltbar ist, wäre das skandalös!
Ein Gesetz zur Altersvorsorgeflicht Selbständiger auf der Basis bewusster Täuschung durch Lobbygruppen wäre einfach ein Unding!
Selbst dann, wenn es sich "nur" um einen Irrtum im politischen Tagesgeschäft handeln würde, wäre es schon schlimm genug.
Haben Sie alles doppelt überprüft und objektiv dargestellt? Falls ja, so müssen diese Informationen unbedingt an den AK Rentenpflicht und den VGSD, so dass der Petitionsausschuss und der Sozialausschuss des Bundestags in Kenntnis gesetzt werden.

Au weia

Zu den Ausführungen kann man nur sagen:Setzen, 6, am besten Klasse wiederholen.

Au weia

Wie gegründet sie die 6 setzen?
Ich halte den Artikel für überzeugend.

Zutreffende Beurteilung! Der

Zutreffende Beurteilung!
Der Herr Doktor möge sich mal in einem der Münchner Sozialbürgerhäuser umsehen und die ehemals "Selbständigen" zählen, die heute Grundsicherung beziehen, keine fetten Protzer-BMWs mehr fahren, nicht einmal ein mickriges Wägelchen sich leisten können...

Eine Renteneinzahlungspflicht für Alle sollte aber auch bewirken, dass niemend mehr seine fetten Fremdrenten als angeblich deutschstämmiger Traktorist in Sibirien ohne ein Wort Deutsch auch nach 15 Jahren Aufenthalt hierzulande mehr bekommt.

Wirres Klischee

Die Selbständigen, die ich kenne, inklusive mir selbst, fahrem keine "fetten Protzer-BMWs" (obwohl sie es sich leisten könnten), sondern oftmals mit dem "fetten ÖPNV", jedoch ein paar Arbeitnehmer in meinem Bekanntenkreis.
Wieviel Prozent Ihrer "ehemals 'Selbständigen'", die heute "Grundsicherung beziehen", haben früher "fette Protzer-BMWs" gefahren?
Und wievielen dieser Grundsicherungs-Bezieher ginge es heute besser, wenn sie Rentenbeiträge bezahlt hätten?
Wieviele Grundsicherungsbezieher waren selbständig, und wieviele nicht?
Wieviele haben Rentenbeiträge bezahlt und sind trotzdem in die Grundsicherung gefallen?
Wie hoch ist der Anteil der ehemals Selbständigen, die in München Grundsicherung beziehen?
Und was ist die tatsächliche Ursache?

Bevor Sie mit Klischees um sich werfen, sollten Sie sich erst einmal die statistisch belegten Fakten anschauen. Bei 80 Mio Deutschen finden Sie für viele exotische Fälle Beispiele. So könnte man analog argumentieren: Boris Becker ist reich und kann gut Tennis spielen, und Boris Becker ist rothaarig. Also sind alle Rothaarigen reich und können gut Tennis spielen.

Aber bevor man (Gesetzgeber) mit dem dicken Baseballschläger (RV-Pflicht) anfängt, auf Fliegen (konstruierte erhöhte Gefahr der Altersarmut Selbständiger) zu schlagen, die auf anderer Leute (Selbständige) Köpfen sitzen, sollte man sich erst einmal die tatsächlichen Gegebenheiten anschauen.

Der "Herr Doktor" argumentiert also eindeutig fundierter; die Beurteilung ist unzureichend begründet und nicht zutreffend.

Die gesetzliche Rente scheint das Armutsrisiko ja eher zu erhöhen, wenn mich mir die jüngsten Prognosen so anschaue.

Die versicherungsfremden Leistungen sind ein anderes Thema. Da kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Aber die Bundeszuschüsse zur GRV werden sich demnächst ohnehin erhöhen müssen.

Was stört Sie denn?

Was genau stört Sie denn an dem Beitrag? Sehr detailliert ist Ihre Kritik leider nicht ausgefallen.

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