Her mit der Kostenpauschale für Selbstständige!

Gegenmittel: Kostenpauschale

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Gegenmittel: Kostenpauschale

Bewegtes Umfeld

Die Vor- und Nachteile müssen aber in einem halbwegs angemessenen Verhältnis zueinander stehen. Eben diese Kosten-Nutzenrechnung ist angesichts des sich immer schneller wandelnden rechtlichen, technischen und organisatorischen Umfeldes in vielen Fällen einfach nicht mehr gegeben. Schließlich ändern sich ja nicht nur die Steuervorschriften von Jahr zu Jahr. Auch die dem zugrunde liegenden Vorgänge, etwa die Art der Kommunikation und der Informationsaustausch mit Geschäftspartnern und Behörden sind in ständiger Bewegung:

  • Neue Vertriebs- und Inkassoformen werfen in der betrieblichen Praxis andauernd überraschende Form- und Buchungsfragen auf. Während sich deren Beantwortung für mittelständische und große Unternehmen aufgrund der großen Zahl ähnlicher Geschäftsvorfälle lohnt, müssen Kleingewerbetreibende oft für Einzelfälle unökonomische "Grundlagenforschung" betreiben.

  • Einstige Standarddokumente (wie die gute alte Telefonrechnung) enthalten laufend neue Inhalte und kommen in ständig sich wandelnder äußerer Form daher (vergleichen Sie nur einmal ihre Telefonrechnungen aus den Jahren 1997, 2002 und 2007). Es gibt einfach immer weniger regelmäßige Geschäftsvorgänge, die bis auf das Datum und den Rechnungsbetrag einfach unbesehen aus Vormonaten oder Vorjahren übernommen werden können.

  • Geschäftsdokumente landen zudem auf unterschiedlichsten Wegen und in ständig wechselnden Formaten im Posteingang und stammen noch dazu von den unerwarteten Ausstellern. Nicht nur bei Kreditkartenzahlungen sind Inkasso und zugrunde liegende Geschäftsvorgänge kaum noch miteinander in Verbindung zu bringen. Wenn Sie zum Beispiel Dienstleistungen bei der altehrwürdigen "Kreditanstalt für Wiederaufbau" in Anspruch nehmen, müssen Sie darauf vorbereitet sein, eine Abrechnung aus England zu bekommen. (Die wiederum erhalten Sie selbstverständlich erst mit wochenlanger Verzögerung und nach mehrmaliger Aufforderung.)

  • Die Informationslücke zwischen geltendem Recht und Verwaltungspraxis wächst. Viele Vorschriften kommen bei den zuständigen Verwaltungsmenschen gar nicht mehr an oder sie haben selbst keinen blassen Schimmer, wie sie umzusetzen sind. Versuchen Sie einmal, Ihren - noch so freundlichen und hilfsbereiten - Finanzamtssachbearbeiter nach dem jüngsten Fahrtenbuch-Prozedere zu befragen, sich die (heutige oder gar zukünftige) Prüfpraxis in Sachen elektronischer Signatur oder in Bezug auf digitale Archivierungspflichten erläutern zu lassen! Selbst die zuständigen Sachgebietsleiter (und auch viele Steuerberater) müssen hier oft passen. Ich als Hilfsbuchhalter in eigener Sache muss mich aber schon heute richtig verhalten, um nicht in ein paar Jahren ein böses Erwachen zu erleben.

Bei all dem ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass die rasant voranschreitende Globalisierung auch Kleinunternehmer immer öfter in grenzüberschreitende Geschäftsvorgänge verwickelt. Denken Sie nur an Ebay-Einkäufe: Wer in den letzten Jahren das zweifelhafte Vergnügen hatte, Monat für Monat halbwegs finanzamtstaugliche Bücher zu führen, wird die Liste beliebig mit Beispielen verlängern können.

Flatrate - aber subito!

All diese unproduktiven Buchführungssümpfe ließen sich auf einen Schlag durch eine Betriebsausgaben- und Vorsteuer-Flatrate trockenlegen. Der aller Orten beobachtbare Zug zum Pauschaltarif darf angesichts der wirtschaftlichen und technischen Entwicklungsdynamik auch vor dem Steuerrecht nicht haltmachen. Wichtiger als die Berechnung der persönlichen Einkommensteuererklärung auf dem "Bierdeckel" ist dabei die Vereinfachung der betrieblichen Gewinnermittlung: Deren Schwierigkeitsgrad überfordert, bremst und verunsichert Gründungswillige, Selbstständige und Kleinunternehmer.

Wenn Politiker, die Kostenpauschalen in eigener Sache übrigens sehr zu schätzen wissen, wirklich mehr Selbstverantwortung und Selbstständigkeit von den Bürgern erwarten, müssen sie dafür auch die erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehört die Einführung...

  • einer betrieblichen Kostenpauschale für Selbstständige und Kleinunternehmer in Höhe von 25 bis 50 Prozent des Umsatzes bis zu einem Jahresumsatz von (zum Beispiel) 60.000 Euro sowie

  • einer Vorsteuer-Flatrate von (zum Beispiel) 15 Prozent auf die pauschal ermittelten Kosten.

Der Buchführungsaufwand wäre damit im Normalfall auf eine Liste der Ausgangsrechungen, einer schlichten Addition sämtlicher Netto- und Umsatzsteuererlöse sowie zwei Multiplikationen (Umsatz mal Pauschaltarif und Pauschale mal Vorsteuer-Flatrate) und zwei Subtraktionen (Umsatz minus Pauschale und Umsatzsteuer minus Vorsteuer) reduziert.

Pingeligen Centfuchsern bliebe es selbstverständlich unbenommen, an den im Übrigen weiterhin geltenden differenzierten Gewinnermittlungsvorschriften und dem bisherigen Einzelnachweis-Verwahren festzuhalten. Sie könnten sich dabei der Hilfe ihrer - in vielen Fällen spürbar entlasteten - Steuerberater versichern. Im Gegenzug müssten sie dafür aber auch mit häufigeren Finanzamts-Prüfungen rechnen.

Mitnahme-Effekte?

Einen derartigen Befreiungsschlag gegen überflüssige Bürokratie bei der Gewinnermittlung von Klein(st)unternehmen hat der Bundestag im Jahr 2003 sogar schon einmal beschlossen: Die ursprüngliche Fassung des "Small Business Act" sah eine 50-prozentige Betriebsausgabenpauschale für umsatzsteuerliche Kleinunternehmer vor (Umsatz bis 17.500 Euro im Vorjahr und bis zu 50.000 Euro im laufenden Jahr).

Das ungewohnt unternehmerfreundliche Vorhaben der rot-grünen Koalition scheiterte damals im letzten Moment an der Unionsmehrheit im Bundesrat. Deren unbewiesene Bedenken: Für einen großen Teil der betroffenen Unternehmer sei das Angebot unattraktiv, da ihre Aufwendungen über 50 Prozent lägen. Bei allen anderen drohten unerwünschte Mitnahmeeffekte mit der Folge von Steuermindereinnahmen.

Die ließen sich jedoch problemlos begrenzen:

  • Damit nur wirtschaftlich aktive Freiberufler und Kleinunternehmer in den Genuss der Vereinfachung kommen, kann deren Anwendung auf eine einzige, am besten die hauptberufliche Tätigkeit beschränkt werden.

  • Der prozentuale Abzug ließe sich drüber hinaus (nach dem Vorbild der Vorsteuer-Durchschnittsätze) nach Branchen differenzieren. Erfahrungen mit den Umsatz-/Gewinnverhältnissen in verschiedenen Wirtschaftszweigen und bei unterschiedlicher Unternehmensgröße liefern die Betriebsprüfer schließlich genug. Für den Handels- und Handwerksbereich gibt es etwa seit Jahr und Tag die Richtsatzsammlung des Bundesfinanzministeriums.

Fazit

Angesichts überschaubarer Umsätze und Gewinne ist der Buchführungsaufwand für die meisten Freiberufler und Kleinunternehmer unverhältnismäßig hoch. Wenn die Selbstständigen-Quote in Deutschland nach dem positiven Ich-AG-Zwischenspurt nicht wieder unter zehn Prozent sinken soll, muss die Betriebsausgaben-Flatrate kommen. Dabei geht es nicht um eine Steuerentlastung, sondern die Befreiung vom Bürokratie-Joch und vom Damoklesschwert der Betriebsprüfung. Befürchtete Steuermindereinnahmen lassen sich durch differenzierte Pauschalen kompensieren.