Her mit der Kostenpauschale für Selbstständige!

Der Rechnungs- und Belegwahnsinn

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Der Rechnungs- und Belegwahnsinn

Der ständig wachsende Bürokratiewust schreckt Gründungswillige ab und hindert Selbstständige an ihrer eigentlichen Arbeit. Robert Chromow weiß ein Lied davon zu singen: Nach einem Dutzend Jahresabschlüssen hat er die Nase voll: Wenn nicht bald die Betriebskosten-Pauschale für Freiberufler und Kleinunternehmer kommt, wechselt er ins Lager der Angestellten oder Arbeitslosen!

Wissen Sie, wie viele Rechnungen, Storno- und Korrekturrechnungen ich Anfang des Jahres von einem meiner Webhoster für eine einzige (!) Domain bekommen habe? Sechs Stück! Und welcher der darin genannten Beträge tauchte schließlich als Abbuchung auf meinem Konto auf? Kein einziger! Abgebucht wurde - unter Verweis auf eine kryptische Zahlungsbelegnummer und ein nicht näher bezeichneter "Avis" - ein siebter Betrag. Einen separaten Beleg darüber gab's natürlich nicht. Da in den 12,89 Euro immerhin stolze 2,06 Euro Vorsteuer stecken, muss die Differenz geklärt werden. Sie wissen ja: Keine Buchung ohne Beleg...

Gesamtdauer der Online-Recherchen und der Telefonate mit der - selbstverständlich - kostenpflichtigen Anbieter-Hotline: knapp 60 Minuten. Ergebnis: Ich soll mir aus dem Rechnungs- und Stornosalat doch bitteschön eigenhändig den endgültigen Rechnungsbetrag und die darin enthaltenen unterschiedlichen Umsatzsteueranteile (16 und 19 Prozent) ausrechnen. Wie ich das anschließend dokumentiere und in ein paar Jahren dem Betriebsprüfer plausibel machen soll, ist mir schleierhaft. Einmal ganz abgesehen davon, dass die von mir aus dem Internet angeforderten Rechnungskopien keine digitale Signatur tragen und die Vorsteuerabzugsberechtigung bei Licht betrachtet sowieso hinfällig ist...

Angesichts der steuerlichen Regulierungswut sind überforderte und/oder unkooperative Geschäftspartner leider kein Einzelfall: Ganz gleich, ob es um das Lieferdatum, den richtigen Steuersatz, die Steuernummer oder die fehlende elektronische Signatur geht oder ob Rechnungsdifferenzen und ähnliche Unstimmigkeiten auftreten: Als Erfüllungsgehilfe des Finanzamts sitze ich ständig zwischen allen Stühlen.

Mein Drohpotenzial als Kunde tendiert dabei vielfach gegen Null: Den Massenprovider kostet die Abwanderung eines unzufriedenen Kunden allenfalls ein Schulterzucken. Mir hingegen drohen bei Zahlungsverweigerung schmerzhafte Nachteile - im Beispielfall das Abklemmen einer Website, unter Umständen sogar der Verlust der Domain. Wenn ich umgekehrt meine Buchhalterarbeit nicht ordentlich mache, streicht mir der Fiskus den Vorsteuerabzug und womöglich sogar die Anerkennung als Aufwand.

Von wegen "Erbsenzählerei"

Sie meinen, ich soll mich wegen zwei Euro Vorsteuer mehr oder weniger doch nicht so anstellen? Ja, doch - es ist ja auch wahrhaftig nicht so, dass ich überhaupt keinen Mut zur Lücke hätte. Doch bis wohin handelt es sich um Peanuts und wo hört der Spaß auf? Das wiederum soll ich die Sorge meines Steuerberaters sein lassen? Aber dessen Aufgabe ist es doch gerade nicht, korrekte Belege für mich anzufordern! Im Gegenteil: Erfahrungsgemäß sind Steuerberater und andere Buchführungshelfer noch viel pingeliger als ich selbst.

Wenn ich die Rechnungspflichtbestandteile ernst nehme, weisen nach meinen völlig unrepräsentativen Erhebungen mehr als die Hälfte aller Rechnungen Formfehler auf. Wenn ich wollte, könnte ich mich tagein, tagaus mit meinen Lieferanten und Dienstleistern herumärgern.

Dazu war ich in der Vergangenheit sogar bis zu einem gewissen Grad bereit: Denn als gelernter Kaufmann und Betriebswirt sind mir die Grundzüge des Steuerrechts und damit die wichtigsten Gewinnermittlungsvorschriften durchaus geläufig. Überdies bin ich in der erfreulichen Lage, Aha-Erlebnisse und Frust-Erfahrungen aus meinem Buchführungs-Alltag gelegentlich in Schreib-Aufträge umsetzen zu können: Schließlich lässt sich mancher Ärger in Leser-Informationen oder Praxistipps umwandeln.

Doch wie ist das mit Gründern und Selbstständigen ohne diesen Hintergrund? Menschen, wie mein kluger und fleißiger Freund Peter, der dieser Tage ein Ingenieurbüro eröffnet hat? Der alle Hände voll zu tun hat, Kunden zu finden, neue Aufträge an Land zu ziehen und - das ist doch der eigentliche Sinn der Sache - dann auch ordentlich zu erledigen? Der hat nun wirklich Besseres zu tun, als sich in die Abzugsfähigkeit von Raum-, Reise- und Bewirtungskosten, das Prinzip von Abschreibungen oder die Systematik von Standardkontenrahmen oder auch nur die des EÜR-Formulars hineinzudenken.

Doch genau das muss er tun, um seinen Steuerberater und dessen Auswertungen zu verstehen, um ihm halbwegs brauchbare Unterlagen zu schicken und um seine monatlichen (!) Umsatzsteuervoranmeldungen zu erledigen.

Schluss mit lustig!

Nachdem ich seit Jahr und Tag bei skeptischen Lesern und Beratungskunden dafür geworben habe, dass das Steuerrecht aus Sicht von Freiberuflern und Kleingewerbetreibenden zwar schwierig ist, aber keine Geheimwissenschaft darstellt, ist mir bei meiner aktuellen Umsatzsteuervoranmeldung und in Anbetracht des drohenden Jahresabschlusses 2006 der Geduldsfaden gerissen: Vielleicht werde ich ja alt und denke inzwischen zu kompliziert: Egal - mir reicht's!

Wenn wir "kleinen Selbstständigen" im Rahmen von Steuer-"Reformen" und "Bürokratieabbau"-Gesetzen nicht bald spürbar von Buchführungspflichten und sonstigem Papierkram entlastet werden, mache ich meinen Laden dicht! Ich gehöre nämlich zu der nicht unbeträchtlichen Zahl selbstständiger Einzelkämpfer, die im Schnitt eher weniger verdienen als vergleichbar qualifizierte Angestellte. Dass geringeres Durchschnittseinkommen mit Mehrarbeit und geringerer sozialer Sicherheit einhergeht, kann ich verschmerzen. Dafür bietet die Selbstständigkeit ja auch mehr Freiheiten und ermöglicht individuellere Zeit- und Lebensgestaltung.