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Erfolgreich als IT-Trainer

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Stand: 7. Juni 2012

Perspektivenwechsel

So "ticken" Ihre Teilnehmer

EDV-Kurse werden häufig von wahren IT-Profis gehalten. Oft sind es "Freaks", die selbst nie einen Kurs besucht haben. Vielmehr scheinen diese Dozenten EDV-bezogene Inhalte geradezu intuitiv zu verstehen und haben sich ihr umfangreiches Wissen selbst erarbeitet, ohne das als mühevoll zu empfinden.

Aber selbst wenn Sie als EDV-Dozent nicht zu dieser Gruppe zählen, haben Sie vermutlich trotzdem schon erlebt, wie schwierig es sein kann, sich in die Denk- und Herangehensweise vieler Teilnehmer hineinzudenken. Z.B. in Anfänger, die starke Berührungsängste mitbringen, oder auch in User, die zwar "notgedrungen" (z.B. aus beruflichen Gründen) mit dem PC arbeiten, aber eher eine distanzierte Beziehung zu allem pflegen, was damit verbunden ist.

Doch um auch solche Interessenten behutsam an den Umgang mit dem PC heranzuführen, ist es notwendig, sich auf deren Denkweisen einzulassen und sich auf ihre Ebene zu begeben. Gar nicht so einfach, wie das folgende fiktive Beispiel zeigt:

Stellen Sie sich diese Situation vor: Bildungseinrichtung Musterstadt; in fünf Minuten beginnt ein Computerkurs für Anfänger.

Herr Amend (30) leitet den Computerkurs. Seine Gedanken vor Kursbeginn: "Heute machen wir erstmal Einführung. Ich hab' mir was besonders Anschauliches ausgedacht: Ich hab' einen alten PC mitgebracht, den nehmen wir erstmal auseinander und schauen uns die Einzelkomponenten an. Das ist sicher interessant, viele haben wahrscheinlich noch nie einen Computer von innen gesehen.
Und dann hab' ich eine Liste der wichtigsten Fachbegriffe samt 'Übersetzung' zusammengestellt. Viele wissen ja nicht mal, was "Hardware" oder "Software" bedeutet. Das ist eine gute und wichtige Grundlage für die nächsten Stunden. Dann wissen alle, was gemeint ist, wenn ein Begriff verwendet wird.
Ich hoffe, dass alles gut läuft und die Teilnehmer auch merken, dass ich Ahnung von der Materie habe und ihnen möglichst viel beibringen will."

Sie sehen schon: Herr Amend hat sich viele Gedanken gemacht bei der Kursvorbereitung. Er hat sich etwas Anschauliches überlegt, sogar seinen alten Rechner und Werkzeug mitgebracht, er hat ein Arbeitspapier zusammengestellt etc. Vor allem: Er hat wirklich versucht, sich in die Situation der Teilnehmer hineinzuversetzen und zu überlegen, was diese interessieren könnte. Und das ist, wie gesagt, eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gutes Seminar.

Aber ob ihm das gelungen ist?
Noch mal Musterstadt:

Frau Larson (54 Jahre) besucht heute zum ersten Mal in ihrem Leben einen Computerkurs. Klar hat sie schon mal ihrem Sohn über die Schulter geguckt, wenn er am PC saß, oder auch unter Anleitung einen Text geschrieben. Aber so richtig eigenständig hat sie nie mit dem Rechner gearbeitet. Sie hat sich nie wirklich getraut. Nun wartet sie darauf, dass der Kurs beginnt.
Folgende Gedanken gehen ihr durch den Kopf: "Ob das richtig war, dass ich mich für den Computerkurs angemeldet habe? Ich verstehe sowieso nur die Hälfte. Und die anderen haben sicher schon viel mehr Erfahrung als ich. Ich trau' mich gar nicht, den Computer nur anzufassen ... Dabei will ich doch eigentlich nur lernen, wie ich mal einen Brief schreiben und ausdrucken kann. Oder wie ich ins Internet komme. Bestimmt mach' ich irgendwas falsch und dann funktioniert gar nichts mehr. So ein Computer macht doch sowieso, was er will."

Die Gedanken von Frau Larson sind typisch für Teilnehmer von Computerkursen. Und zwar keineswegs nur für Anfänger.

Für Frau Larson trifft ein Phänomen zu, das man bei vielen Menschen beobachten kann: Sie nimmt den Computer als lebendiges Wesen wahr, als ein sehr eigenwilliges Wesen, einen potenziellen Gegner. Viele Teilnehmer haben Berührungsängste mit dem PC. U.a. Ältere trauen sich oft nicht, selbst etwas auszuprobieren, aus Angst, etwas "kaputtmachen" zu können.

Doch aus der Lernpsychologie ist bekannt: Mit Angst lernt es sich denkbar schlecht. Im Gegenteil: Motivation und Lernerfolg sind nachweislich größer, wenn das Lernen von positiven Empfindungen begleitet ist und wenn der Lernende zuversichtlich ist, dass er in der Lage ist, das Lernziel zu erreichen.

Der Dozent, Herr Amend, kennt solche Ängste selbst nicht. Aber damit Frau Larson wirklich in die Lage versetzt werden kann, die Möglichkeiten eines Computers zu entdecken, muss er es schaffen, ihr die Angst zu nehmen.

Ob ihm das gelingt, indem er zu Kursbeginn die Einzelteile eines PCs zeigt und Fachbegriffe erklärt? Wohl eher nicht. Womöglich erreicht er eher das Gegenteil: Frau Larson wird in ihrer Meinung bestätigt, dass der Computer ein technisch kaum zu durchschauendes Ungetüm ist. Ihr wird vor Augen geführt, dass es unzählige Fachbegriffe gibt, die sie alle nicht kennt. Die Folge: Wahrscheinlich wird ihre Angst sogar noch größer!

Was also kann Herr Amend, was können Sie als Dozent also stattdessen tun, um ihr die Angst zu nehmen?

In der Verhaltenstherapie wird in der Regel damit gearbeitet, ängstliche Menschen mit dem, wovor sie Angst haben, ganz bewusst zu konfrontieren. Etwas vereinfacht dargestellt kann man sich das so vorstellen: Wenn jemand unter Höhenangst leidet, so wird er dazu angehalten, (zunächst unter Begleitung) hohe Türme zu besteigen. Die Folge: Er macht die Erfahrung, dass gar nichts passiert, wenn er oben steht, und dass er es aushalten kann. Infolgedessen steigt zunehmend das Zutrauen in die eigene Fähigkeit, und die Angst sinkt allmählich.

Natürlich ist "Computerangst" nichts Krankhaftes oder Therapiebedürftiges. Aber im Grunde muss sie ähnlich behandelt werden. Ein Teilnehmer, der Berührungsängste mit dem PC hat, muss möglichst schnell die Erfahrung machen, dass in der Regel gar nichts Schlimmes passiert, wenn er den Computer einschaltet und damit arbeitet. Er braucht ein schnelles Erfolgserlebnis. Und er braucht jemanden, der ihn dabei begleitet und an ihn glaubt.

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Über den Autor:

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Heike Neidhardt ist Diplom-Psychologin und Erwachsenenbildnerin (M.A.). Nach 10 Jahren Berufserfahrung in der Weiterbildung hat sie sich 2009 selbstständig gemacht. In ihren Vorträgen und Seminaren ze ...

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