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Fachtexte schreiben, die gelesen werden

So finden Sie Ihr Thema

Schreiben Sie Ihren Küchenzuruf!

Jede Nachricht, jede Reportage, jeder Fachartikel muss einen Küchenzuruf haben, sonst funktioniert der Text nicht. Erfunden hat diesen Begriff der Gründer und langjährige Chefredakteur des Stern, Henri Nannen:

"Was ist also ein Küchenzuruf? Wenn am Donnerstag der Hans mit seiner Frau Grete am Arm zum Kiosk pilgert, dort 2 Mark 50 hinlegt und den neuen STERN käuflich erwirbt und sie beide dann mit dem STERN unter dem Arm wieder gemütlich nach Hause wandern; und Grete sich dann in die Küche verfügt, sich die Schürze umbindet, um sich für den Abwasch vorzubereiten; und der Hans nebenan im Esszimmer Platz nimmt, den neuen STERN aufschlägt und mit der Lektüre der ersten Geschichte im neuen STERN beginnt; und wenn der Hans dann nach beendigter Lektüre dieser Geschichte voller Empörung seiner Frau Grete durch die geöffnete Küchentür zuruft: 'Mensch Grete, die in Bonn spinnen komplett! Die wollen schon wieder die Steuern erhöhen!' - dann sind diese beiden knappen Sätze ... der so genannte Küchenzuruf des journalistischen Textes."

Auch Ihr Fachtext braucht einen Küchenzuruf. Im beruflichen Kontext können wir den Küchenzuruf gerne Kantinengeflüster nennen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten einem Kollegen aus einer anderen Abteilung in 2-3 Sätzen erklären, welche Auswirkungen es hat, dass das Bundesverfassungsgericht das Abzugsverbot für häusliche Arbeitszimmer aufgehoben hat. Während Sie gemeinsam in der Kantinenschlange warten, fällt Ihnen ein, dass seine Frau Lehrerin ist und Sie sagen: "Stell dir vor, deine Frau kann ihre Bürokosten zu Hause teilweise wieder absetzen. Sogar rückwirkend bis 2007! Ich schreibe gerade einen Artikel, der zeigt, wie das geht."

Ihr Kantinengeflüster gibt die zentrale Aussage Ihres Textes wieder und beantwortet die Frage: "Warum muss ich das lesen?"

Außerdem diszipliniert Sie der Küchenzuruf als Texter, denn Sie müssen die Botschaft Ihres Themas kurz und prägnant auf den Punkt bringen können - und zwar so, dass Ihre Leser gleich wissen, was sie davon haben, wenn sie den Artikel lesen.

Deshalb: Wenn Sie eine Idee zu einem Thema haben, dann formulieren Sie gleich einen Küchenzuruf. Spielen Sie verschiedene Möglichkeiten durch.

Je nach Leserschaft kann der Küchenzuruf unterschiedlich formuliert werden. Beim Thema Kurzarbeit hängt es z. B. sehr davon ab, ob Sie für ein Magazin schreiben, das sich eher an Arbeitgeber oder Arbeitnehmer als Zielgruppen richtet. Der Küchenzuruf könnte dann unterschiedlich ausfallen:

  • Arbeitgeber-Küchenzuruf: Mit Kurzarbeit überbrücken Sie ein Auslastungsloch ohne Entlassungen

  • Arbeitnehmer-Küchenzuruf: Unternehmen können ihre Mitarbeiter nicht zur Kurzarbeit verpflichten

Und der Mietrechtsexperte wird in seinem Text über die Auswirkungen eines BGH-Urteils auch sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen - je nachdem, ob Vermieter oder Mieter die Zielgruppe seines Artikels sind. Sein Küchenzuruf zum BGH-Urteil "Kostenerstattungsanspruch des Mieters bei unwirksamer Endrenovierungsklausel" (VIII ZR 302/07) könnte dann lauten: "Mieter können die Kosten für die Endrenovierung vom Vermieter zurückerstattet bekommen, wenn in ihrem Vertrag ungültige Schönheitsreparaturklauseln stehen."

Der Küchenzuruf ist Futter für den Titel Ihres Textes, die Überschriften und den Anfang des Fachartikels. Er ist Ihr Leuchtturm, der Ihnen immer wieder die Richtung vorgibt, in die Ihr Text gehen soll. Alle Inhalte, alle Fragen, die Sie in Ihrem Text beantworten, müssen einen direkten Bezug zum Küchenzuruf haben. Haben sie das nicht, sind sie sehr wahrscheinlich nicht relevant für das, was Sie in diesem Artikel sagen möchten.

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