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Keine Aufträge? Keine Panik!

Wie akademie-Autor Lorenz Hölscher berufliche Durststrecken nutzt

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Stand: 27. Juni 2012 (aktualisiert)

Wenn in einem Monat mal keine Termine oder Aufträge anliegen, bin ich froh. Nicht, dass ich nicht auch mit Arbeit mein Geld verdienen würde. Aber sie stört manchmal bei all den vielen Dingen, die ich auch noch machen möchte. Und während ich mich noch über die freie Zeit freue, droht schon wieder ein Kunde mit einem Auftrag. Dann bin ich auch froh. - Wie akademie-Autor Lorenz Hölscher Phasen beruflichen Misserfolgs überlebt.

Et hätt noch immer jot jejange

Meine Technik, schwierige Phasen zu meistern, ist angelehnt an das (zwischen Wahnsinn, Naivität und Glück pendelnde) rheinische Grundgesetz: "Et hätt noch immer jot jejange!". Um dieses Grundgesetz zu verinnerlichen, braucht es nicht nur gute Nerven und ein kleines finanzielles Polster, sondern etwas Vorbereitung und Erfahrung. Kurz und gut, das ist nix für Berufsanfänger.

Aber Sie können dem Glück etwas nachhelfen: wenn es in Ihr berufliches Umfeld passt, sollten Sie dafür sorgen, dass Sie unterschiedliche Arten von Aufträgen haben. Bei mir ist es inzwischen eine Mischung aus Schulungen, Programmierungen und Schreibtätigkeiten. Das sorgt nicht nur für abwechslungsreiche Arbeit, sondern vor allem für unterschiedliche Bezahlungsphasen:

  • Schulungen sind nach ein bis drei Tagen beendet und werden typischerweise gesammelt zum nächsten Monatsende bezahlt. Der Abstand zwischen Arbeit und Bezahlung ist sehr gering.

  • Programmierungen dauern bei mir von ein paar Tagen bis zu mehreren Jahren (wenn auch nicht Vollzeit) und lassen sich gut zwischen die Schulungen einschieben, um die Lücken zu füllen. Hier gibt es eher mal Abschlagszahlungen, bevor der Auftrag wirklich komplett fertig ist.

  • Schreibtätigkeiten passen wiederum in die immer noch verbleibenden Leerzeiten, oftmals im Zug oder (bei Büchern) durchaus wochenlang konzentriert am Bürotisch, vor allem erzeugen sie Bezahlungen weit nach der eigentlichen Tätigkeit.

Wenn ich also eine berufliche Durststrecke habe, dann ist das eine unterbrochene Auftragszeit, nicht aber notwendigerweise eine unterbrochene Bezahlung. Die Einnahmen aus Büchern oder Artikeln laufen weiter als eine Art Hintergrundrauschen. Davon könnte ich nicht leben, aber das federt die Panik deutlich ab.

Keine Aufträge = keine Arbeit?

Immer wieder gerne übersehen wird der Nicht-Zusammenhang zwischen Arbeit und Geld verdienen. Aus arbeitnehmerischer Gewohnheit denkt man oft, mit Arbeit würde man Geld verdienen. Das ist falsch, wie Ihnen viele Frauen aus eigener Anschauung mit der (Haus-)Arbeit bestätigen können.

Arbeit macht Mühe, wird aber nicht notwendig bezahlt. Deswegen ist auch die Bezeichnung arbeitslos falsch, die Menschen sind in Wirklichkeit erwerbslos. An Arbeit muss es ihnen gar nicht mangeln, sie erhalten nur keine Entlohnung dafür.

Für Ihre "berufliche Durststrecke" müssen Sie daher zuerst einmal prüfen, an was es Ihnen mangelt: an Arbeit oder an Geld oder an Erfolg. Da versteckt sich nämlich das zweite Missverständnis, denn Sie können für Ihre Arbeit auch mit Zuwendung, positiver Bestätigung oder sonst einem guten Gefühl entlohnt werden, nicht nur mit Geld. Das hilft zwar nur wenig, wenn Sie Ihre Miete bezahlen müssen, wird an Wichtigkeit aber deutlich unterschätzt.

Gerade wenn Sie keine Aufträge haben, ist es Arbeit, neue zu akquirieren. Solange alles gut läuft, fällt diese Art Arbeit gerne mal unter den Tisch. Ich habe es da zugegebenermaßen sehr bequem, weil ein Kollege für mich die Akquise macht und ich nur noch nicken muss, ob ich einen Auftrag übernehmen möchte.

Mein Anteil an der Akquise besteht aber in der Weiterbildung, denn wenn ich keine neuen Techniken lerne, bin ich irgendwann raus aus dem Geschäft. Es ist zuerst einmal unproduktiv, mühsam Neues zu erwerben, und ich muss gestehen, dass ich das oft auch erst unter dem Druck eines neuen Auftrags mache, aber gerade die berufliche Durststrecke ist ein optimaler Zeitpunkt, sich mit so etwas zu beschäftigen.

Ich entwickle in solchen Auftragslücken eher mal ein Konzept für ein längst erledigtes Projekt, welches wegen knapper Termine oder unpassender Kundenwünsche nur so gerade eben an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Dann kann ich für mich mal durchspielen, wie es eigentlich ordentlich hätte gemacht werden sollen. Als Software-Entwickler kostet das kein Material, sondern nur meine Arbeitszeit. Und davon habe ich in solchen Phasen ja ausreichend.

Leerzeiten nutzen

Daraus entwickeln sich aber oftmals fruchtbare Erkenntnisse für die nächsten Projekte oder sogar ein Angebot für eine andere Firma, weil ich mich plötzlich austoben konnte und es damit ordentlich gelöst wird. Bei der Gelegenheit kann ich dann gleich ein paar Techniken durchspielen, von denen ich zwar schon gehört hatte, für die aber keine Zeit im laufenden Projekt war. Und siehe da, wenn ich das damals gewusst hätte, wäre es vielleicht einfacher gewesen ...

Warum eigentlich immer "Weiter so"?

"Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst!" Und was macht der Sultan also? Genau, er macht Pause! Wenn die berufliche Tretmühle sich einmal ohne Sie weitergedreht hat, lehnen Sie sich ein wenig zurück und verschnaufen. So können Sie besser die Konkurrenz oder die Kollegen strampeln sehen.

Sie erhalten dadurch unfreiwillig die Möglichkeit, einmal in Ruhe in die Zuschauerrolle zu wechseln, sozusagen auf die Meta-Ebene. Viel zu selten gönnen wir uns die Chance, innezuhalten und mal über das nachzudenken, was wir gerade machen.

Zum Weiterlesen: Per Richtungswechsel zum Geschäftserfolg

Wenn Sie nicht einfach weitermachen wollen, zeigt Ihnen der Beitrag "Geradeaus ins Abseits - oder per Richtungswechsel zum Geschäftserfolg?" Anregungen, wie Sie sich verändern können.

Wetten, Sie denken jetzt schon wieder darüber nach, wie Sie den nächsten Auftrag an Land ziehen, wie Sie mit noch mehr Einsatz diesen Verlust wettmachen? Welchen Verlust? Sie haben gar kein Geld verloren, Sie haben nur kein neues bekommen. Das ist ja an sich nicht schlimm, wenn es nicht zu oft oder zu lange auftritt.

Da können solche Zwangspausen der Anlass sein, mal über sich und sein Arbeitsleben nachzudenken. Mitten im Projekt lassen sich schlecht die Brocken hinschmeißen, aber vielleicht sehen Sie sich mal nach etwas Anderem um? Selbstständig machen, wieder zurück in ein Angestellten-Verhältnis, eine Ausrichtung auf andere Zielgruppen, neue Techniken, was auch immer. Dann ist die berufliche Zwangspause eine Verschnaufpause.

Arbeiten bis zum Umfallen?

Es gibt zwei Arten von beruflichen Durststrecken: die Aufträge fehlen oder ich habe keine Lust. Bedauerlicherweise treten sie nicht gleichzeitig auf, denn dann müsste ich ja mangels Aufträgen einfach nicht arbeiten, wenn ich sowieso keine Lust habe. Sie arbeiten gar nicht, weil Sie Lust drauf haben, sondern wegen des Geldes?

Ich nicht. Arbeit ist ein wesentlicher Teil des Lebens, mir wäre stinklangweilig ohne Arbeit. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich verdiene mein Geld auch mit Arbeit. Aber Geld entschädigt mich auf Dauer nicht genug für die Zeit, die ich mit Arbeit verliere.

Angenommen, Sie hätten im Lotto eine monatliche Dauerrente gewonnen und wären finanziell sorgenfrei. Möchten Sie anschließend den ganzen Tag zu Hause, im Café oder am Strand herumsitzen? Jeden Tag Feiertag wäre doch furchtbar!

Arbeit soll mich persönlich (und finanziell) zufriedenstellen. Nicht jeden Tag und auch nicht bei jedem Projekt, aber wenigstens überwiegend. Sonst mache ich mich psychisch kaputt und das ist mit Geld nicht aufzuwiegen, schließlich habe ich nur dieses eine Leben.

Deswegen bin ich erstens selbstständig, habe zweitens ein Büro zu Hause und arbeite drittens nicht selbstverständlich jeden Tag Vollzeit (dafür aber durchaus auch abends und am Wochenende zwischendurch). Ich brauche noch Zeit für mich, für meine Familie, für Freunde oder für mein Engagement etwa in der Schule.

Wenn ich im Beruf durchhänge, weil irgendwie alles nicht klappt, gibt es noch mehr in meinem Leben. Ich habe noch mehr als meine berufliche Arbeit, denn meine Anerkennung kommt auch aus der Familie, von Freunden oder aus ehrenamtlicher Arbeit. Nur das Geld nicht.

Viel Geld macht viel Angst

Ja, ich mache mir auch Sorgen um Geld. Es mag sich jetzt so anhören, als käme jeden Freitag eine Fee mit einem Füllhorn voller Geldscheine vorbeigeflogen und würde mich fragen, wie viele ich gerade bräuchte.

Dabei ist das durchaus die richtige Frage: wie viel brauche ich? Nicht: wie viel will ich haben? Haben will man immer mehr, brauchen tut man es nicht.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Ausbildungszeit oder das Studium. Es war doch erstaunlich, mit wie wenig Geld man so viel Spaß haben konnte. Natürlich lag das viel zu kleine Zimmer im Tiefparterre und hatte nur einen Kohleofen, es gab öfter als heute Fertignudeln und Tiefkühlpizza.

Heute haben Sie eine Familie, ein Haus, ein bis zwei Autos, drei Wochen Urlaub mit Vollverpflegung und Animation, tausend technische Geräte vom Computer über mp3-Player bis hin zum aktuellen Handy, ein paar laufende Kredite und - Kosten bis zum Abwinken.

Damit sind die Ausgaben fixiert. Wenn jetzt die Einnahmen sinken, haben Sie natürlich ein Problem und guten Grund zur Panik. Warum versuchen Sie dann aber, die Einnahmen wieder zu erhöhen? Jede vernünftig kalkulierende Firma senkt zuerst die Ausgaben, warum nicht auch Sie?

Es ist durchaus ein Unterschied, ob Sie 3.000 Euro einnehmen und monatlich ausgeben oder nur 2.000 Euro. So lange es gut läuft, ist es egal. Wenn aber die berufliche Durststrecke kommt, haben Sie die Meßlatte hoch gehängt und sind nun gezwungen, auch wirklich so viel Geld zu verdienen.

In Erfolgszeiten vergisst man diese Erkenntnis schon mal und gewöhnt sich schlicht daran, so viel Geld auszugeben. Das ist nicht schwer. Wenn die Einnahmen dann nachlassen, glauben viele Leute jedoch, die Ausgaben seien unveränderlich, weil es schon immer so war.

Damit das nicht passiert, zahle ich mir meine Einnahmen nicht komplett aus, sondern zweige direkt etwas davon ab. Jeden Monat fließen 300 Euro sofort auf ein Sparkonto, ohne dass ich das Gefühl hätte, es wären Einnahmen (unabhängig davon entnehme ich vom Firmenkonto sowieso nur die Nettoeinnahmen, damit immer der Umsatzsteuerbetrag auf dem Konto bleibt).

Entsprechend verringern sich die gefühlten Einnahmen um diesen Betrag und ich gewöhne mich gar nicht daran, mehr auszugeben. Das ist weniger schwierig, als die Ausgaben später wieder zu reduzieren.

Wenn es mal schlecht läuft (wir haben gerade einen sehr säumigen Zahler), zweige ich den Betrag nicht ab und habe ohne Mühe das finanzielle Polster für sofortige Ausgaben erhöht. Wichtig ist, diese Erhöhung später auch wieder zurückzunehmen.

Wird es dann mal wirklich brenzlig, finden sich auf dem Extra-Konto pro Jahr über 3.000 Euro als Notreserve. Da Ihnen das hoffentlich nicht jedes Jahr passiert, wird der Betrag gelegentlich deutlich größer werden. Es ist jedoch kein Spielgeld, sondern als letzte Rettung gedacht und damit tabu für das tägliche Geschäft.

Fazit

Eigentlich ist es ganz einfach, wenn eine berufliche Durststrecke auftaucht:

  • Sie freuen sich, dass Sie nun mehr Zeit für sich haben, kümmern sich um sich, um die Familie und alte Freunde.

  • Sie nutzen die Zeit für vorausschauende Planung, Kundenakquise oder einfach nur einen übergeordneten Blick auf Ihre Projekte.

  • Sie haben rechtzeitig Geld beiseite gelegt, von dem Sie nun zehren.

Na gut, der wichtigste Punkt fehlt noch: Sie machen sich einen Tee und fragen sich, was Ihnen nun eigentlich fehlt: Geld, Arbeit oder Anerkennung? Kaum haben Sie diese Frage beantwortet, wissen Sie, was nun zu tun ist.

Zum Weiterlesen: Zum Weiterlesen:

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Super Artikel! Es ist

Super Artikel! Es ist wirklich nicht leicht sich bei einer Auftragsflaute nicht hängen zu lassen. Wir haben uns die letzten Tage auch mit dem Thema beschäftigt und dazu einen Beitrag verfasst. Es geht darum was man in der auftragslosen Zeit am sinnvollsten tun sollte. Ich finde er ergänzt diesen Artikel hier ganz gut. Wen es interessiert kann gerne reinschauen: https://sevdesk.de/blog/auftragsflaute/

Danke schön für die

Danke schön für die treffenden Tipps !

Toller Artikel! Sehr Motivierend!

Das sind sehr wichtige Hinweise! Einen weiteren habe ich noch für den Fall, dass die Auftragsflaute einfach nicht kommen will und die Arbeit kein Ende nimmt. Ich habe es irgendwann akzeptiert, dass ich es nicht schaffe, eine 40-Stunden-Woche einzuhalten: Nachtarbeit, Wochenendarbeit, und immer will man noch mehr Aufträge haben. Bis ich mir irgendwann gesagt habe: Gut. Wenn ich schon mehr als 50 Stunden in der Woche arbeite, dann habe ich künftig wenigstens drei Monate Urlaub im Jahr - das sind im Jahresdurchschnitt dann wieder etwa 40 Stunden pro Woche. Das geht - und es ist ganz herrlich! Aber das geht nicht von selbst. Die Urlaube muss man planen, am besten gleich am Jahresbeginn, sonst verschiebt man sie doch nur unter aktuellem Druck. Aber wenn man es hinkriegt, dann ist das eine ganz tolle Alternative zur Disziplinlosigkeit beim Feierabend-Machen. Und endlich ist einem mal der Neid der angestellten Kollegen gewiss!

Goetz Buchholz

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