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Selbstmarketing für Introvertierte, Networking für Einzelgänger

Sie müssen sich nicht verbiegen, auch nicht für geschäftliche Kontakte. Punkten Sie mit Ihren Vorzügen - auf zurückhaltende Art.

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Stand: 18. Mai 2015

Um es klar zu sagen: Introvertiert zu sein ist keine Krankheit, die therapiert und geheilt werden müsste. Umgekehrt ist permanente Kommunikationslaune keineswegs die Voraussetzung für den Erfolg – auch nicht für Selbstständige und Freelancer.

Sie fühlen sich auf Visitenkartenpartys, in Veranstaltungspausen, bei Stehempfängen, Arbeitsessen und ähnlichen Smalltalk-Anlässen eher unwohl? Lassen Sie sich nicht einreden, dass das ein Persönlichkeitsdefekt ist. Sie leiden noch lange nicht unter einer Sozialphobie. Wenn Sie zur Gruppe der eher introvertierten Menschen gehören, sind Sie in guter und zahlreicher Gesellschaft: Etwa die Hälfte der Menschheit gehört zu dieser Spezies.

Zugegeben: Wir leben in Zeiten, in denen die Fähigkeit zu öffentlicher Selbstdarstellung und Selbstmarketing Hochkonjunktur hat. Nach außen gerichtete Menschen, denen Kontaktaufnahme, Smalltalk und ähnliche soziale Interaktionen leicht fallen und Spaß machen, haben im Networking-Zeitalter zweifellos Vorteile.

Lassen Sie sich davon aber bloß nicht verrückt machen, wenn Sie introvertiert sind: Ihnen fehlt überhaupt nichts – Sie haben nur andere Stärken als Extrovertierte. Berühmte Nerds und „Sozialallergiker“ wie Steve Wozniak, Bill Gates oder Larry Page zeigen, dass es auch andere Wege zu geschäftlichem Erfolg gibt als Dampfplaudererei und Power-Palaver. Es ist Zeit, dass Introvertierte ein selbstbewusstes „Coming-out“ in Wowereit-Manier starten: „Ich bin introvertiert – und das ist auch gut so!“.

Stärken stärken!

Vergleichen Sie Ihr inneres Empfinden gar nicht erst mit der öffentlichen Fassade anderer Menschen. Wenn Ihnen Auftritte vor Publikum nicht liegen, versuchen Sie am besten gar nicht erst, zur smarten Plaudertasche zu werden. Selbstbewusstsein lässt sich auch auf anderen Wegen ausdrücken. Besinnen Sie sich lieber auf Ihre eigenen Stärken.

Sie sind nicht gut darin, geschliffene Statements oder geistesgegenwärtige Repliken abzugeben? Dann seien Sie doch mal versuchsweise ein besonders guter Zuhörer. Gönnen Sie anderen Menschen ruhig ihre Selbstdarstellungsbühne. Folgen Sie konzentriert den smarten Stegreifreden anderer: Hören Sie zu und würdigen Sie die Ausführungen Ihres Gegenübers!

In der Ruhe liegt die Kraft

Ihr Vorteil: Die meisten Zeitgenossen sind so begierig darauf, selbst zu Wort zu kommen, dass sie anderen nicht richtig zuhören. Wenn ihnen nun plötzlich jemand

  • Raum gibt, sich zuwendet und Blickkontakt hält,

  • aufmerksam und freundlich zuhört,

  • durch Lächeln, Nicken und körperliche Zuwendung Empathie zeigt,

  • gründlich mit- und nachdenkt,

  • Fragen stellt und

  • konstruktive Rückmeldungen gibt,

dann ist das für die meisten Menschen eine unverhoffte Wohltat. Würdigen Sie besonders interessante Überlegungen oder Anregungen: Ausdrückliche Wertschätzung kommt im Smalltalk viel zu selten vor. Auf diese Weise machen Sie im Ergebnis mehr auf sich aufmerksam als durch eigene Versuche, „Paroli zu bieten“ und extrovertierte Verhaltensweisen nachzuahmen.

Weiterer Vorteil: Wenn Sie aufmerksam sind und aktiv zuhören, lernen Sie auf jeden Fall dazu: inhaltlich, wenn ein Gespräch wirklich interessant ist; aber auch dann, wenn das nicht der Fall ist – weil Sie merken, welch dünne Bretter die anderen bohren.

Standardsituationen und Fragetechniken trainieren

Stillen und zurückhaltenden Menschen mangelt es ja nicht an Wissen, Erfahrung oder sprachlichen Fähigkeiten. Im Unterschied zu Vielrednern und Lautsprechern nehmen sie sich bloß nicht ganz so wichtig. Oder sie sind in größeren Gesprächsrunden einfach weniger durchsetzungsfähig und geistesgegenwärtig.

Wer fragt, führt …

Durch offene Fragen halten Sie den Gesprächsfluss im Gang, ohne selbst Statements abgeben oder Vorträge halten zu müssen.

Beispiele dafür: „Was halten Sie von …?“, „Welche Erfahrungen haben Sie denn mit … gemacht?“, „Was ist Ihnen dabei am wichtigsten?“, „Wie setzen Sie … in der Praxis um?“

Zum Glück können Sie sich auf viele typische Gesprächssituationen in aller Ruhe vorbereiten.

Beim aktiven Zuhören geben Sie Ihrem Gegenüber durch kurze bestätigende Rückmeldungen oder klärende Nachfragen zu verstehen, dass Sie auf Empfang sind. Zusammen mit einer zugewandten Körperhaltung bringen Sie so Ihre Akzeptanz und Wertschätzung der anderen Person gegenüber zum Ausdruck. Das schafft Vertrauen und sorgt für eine positive Gesprächsatmosphäre.

Bei Vorstellungsrunden und ähnlichen Standardsituationen sind kurze Selbstpräsentationen manchmal unvermeidlich („Und was machen Sie so!?“). Im angelsächsischen Sprachraum sind solche prägnanten Selbstpräsentationen unter der Bezeichnung „Elevator Pitch“ bekannt. Die Idee dahinter: Während einer 30- bis 60-sekündigen Fahrstuhlfahrt haben Sie die Gelegenheit, einem potenziellen Kunden Ihr Angebot vorzustellen. Wenn Sie noch keinen „Werbespot in eigener Sache“ parat haben, helfen möglichst knackige Antworten auf folgende Fragen: Was verkaufen Sie an wen? Was ist das Besondere an Ihren Produkten und Dienstleistungen? Welchen Nutzen haben Ihre Kunden dadurch? Die Antworten können Sie in aller Ruhe notieren, ausformulieren, anschließend an Ihren Sprachduktus anpassen, sich einprägen und testen.

Übrigens: Einfache Gesprächstechniken und vorbereitete Vorstellungsmodule bewähren sich nicht nur im geschäftlichen Härtetest. Sie können die Anregungen gefahrlos in privaten Gesprächsrunden ausprobieren und verfeinern.

Aufgabe:

Wenn Sie sich in größeren Menschenansammlungen unwohl fühlen, treffen Sie sich doch mit Ihren geschäftlichen Kontakten versuchsweise einmal zu zweit (zum Beispiel bei einem Arbeitsessen oder auf einen Kaffee) oder in Kleingruppen. Manche eher introvertierten Menschen blühen bei der sogenannten „Face-to-face“-Kommunikation geradezu auf.

Wer schreibt, der bleibt!

Persönliche Gespräche sind einfach nicht Ihr Ding – ganz gleich, wie groß die Gruppe ist? Auch dann brauchen Sie sich nicht in die Isolation zurückzuziehen. Schließlich leben wir im Zeitalter der elektronischen Kommunikation. Soziale Netzwerke, E-Mails, Weblogs und ähnliche Formen der virtuellen Verständigung haben schon aus vielen vermeintlichen Sozialallergikern gefragte Kontaktpersonen gemacht.

Eher stille Menschen finden gerade im asynchronen schriftlichen Austausch das passende Medium: Auf diese Weise können sie „ohne Ansehen der Person“ (und ohne selbst gesehen zu werden) in aller Ruhe nachdenken, sich Informationen beschaffen, schreiben und umformulieren – und obendrein den passenden Zeitpunkt der Nachrichtenübermittlung wählen.

Wer dabei dann auch noch

  • fachlich kompetent ist und wirklich etwas zu „sagen“ hat,

  • nutzwertige und verlässliche Inhalte verbreitet,

  • die Perspektive seines Gegenübers (oder einer größeren „Zielgruppe“) im Blick behält,

  • sich klar und verständlich ausdrückt,

  • konstruktiv und wertschätzend schreibt,

macht sein Fehlen auf Messen, Meetings und ähnlichen Massenveranstaltungen oft mehr als wett.

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Ich stimmte zu.

Lieber Herr Robert Chromow,

Sie wissen wohl gar nicht, wie sehr Sie mir aus der Seele sprechen. Ich habe am Anfang vor dem Schritt in die Selbstständigkeit mir am meisten Sorgen darum gemacht, dass ich so viel würde mit Kunden sprechen müssen, aber auch wenn es nicht immer leicht gewesen ist, man gewöhnt sich doch daran und kann auch ohne viele Worte durch Qualität überzeugen!

Herzlichst,

Ihre Katerina Djokovic

Antwort: Ich stimmte zu.

Liebe Frau Djokovic,
vielen Dank für Ihre freundliche Rückmeldung. Es freut mich, dass sich meine Wahrnehmungen mit Ihren Erfahrungen decken!
Weiterhin alles Gute und herzliche Grüße
Robert Chromow

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