öffentlich
Redaktion Druckversion

Zeichnen lernen: Richtige Proportionen

Standardmotive, attraktiv verpackt

Wenn Sie etwas zeichnen, greifen Sie sicherlich häufig zu einem DIN-A-4-Papier. Oder, wenn es etwas größer sein darf, zu DIN-A-3. Das ist schnell zur Hand, sieht harmonisch aus - und ist langweilig. Versuchen Sie doch mal ein anderes Format und machen Sie Ihre Bilder attraktiver.

Das DIN-A-Format hat unbestreitbar viele Vorteile, aber der tiefere Sinn einer DIN-Regelung ist gerade die Normierung, also die Gleichmacherei. Für Geschäftsbriefe ist das sinnvoll, für Bilder (und ebenso für Fotos) jedoch nicht. Schließlich sollen die doch aus der Masse herausstechen und nicht im Einheitsbrei untergehen, oder?

Probieren Sie doch mal aus, um wie viel attraktiver Ihre Zeichnungen werden, wenn Sie mal vom Standard abweichen. Obwohl sich am Inhalt selber nichts ändert, macht das Papierformat daraus ein besseres Bild.

Querformat

Nehmen Sie beispielsweise ein Schiff wie in der folgenden normalen Skizze im DIN-A4-Format:

Ein Schiff im DIN-A4-Format

Alles drauf, alles dran, alles richtig. Aber mehr auch nicht. Es ist eher eine Konstruktionszeichnung als ein aussagekräftiges Bild eines Schiffes. Das Bild erzählt keine Geschichte.

Nun verführt natürlich so ein Schiff dazu, seine Seitenansicht darzustellen, weil diese am stärksten dem Archetypus "Schiff" entspricht. Es ist hier sozusagen am "schiffigsten". Das zwingt Sie jedoch nicht, das Papier diesem Umriss auch anzupassen. Wie wäre es mal mit folgenden Proportionen?

Das gleiche Schiff im Breitformat

Da deutet sich schon eher die Weite des Meeres an und gibt dem Schiff entsprechend mehr Raum. Und schließlich müssen Sie das Schiff keineswegs in die Mitte setzen. Schieben Sie es bei gleichen Proportionen einfach an den rechten Rand:

Das Schiff verlässt das Bild

Das Schiff selber hat sich nicht verändert, aber das Bild erhält nun eine andere Aussage, etwa zum Thema "Ende einer Kreuzfahrt" oder "Aufbruch ins Unbekannte".

Schon die Position innerhalb des Papiers bestimmt, was das Bild sagt. Ein zeitlicher Fortschritt geht normalerweise von links nach rechts, hier sowieso verstärkt durch die eindeutige Fahrtrichtung des Rumpfs. Schauen Sie sich mal an, wie sich das verändert, wenn Sie das Schiff an den "Anfang" setzen:

Das Schiff startet von links

Dieses Schiff hat seine Zukunft noch vor sich und diese ist erkennbar groß. Das ist übrigens eine ideale Gelegenheit, diese Zukunft auch zu thematisieren. Nehmen Sie das Ziel doch mal ins Bild auf! Eine Palme am Strand könnte schon reichen:

Das Schiff hat nun ein Ziel

Das Schiff ist insgesamt etwas kleiner geworden und vermittelt damit den Eindruck von "Ferne", in die der Urlaub führt. Mit jeder Verschiebung des (fast) gleichen Schiffs hat sich die Aussage des Gesamtbildes erheblich verändert.

Hochformat

Jetzt haben wir das Schiff oft genug von der Seite gesehen. Dabei ist es ebenso gut für ein hochformatiges Bild geeignet. Sie müssen dazu nur den Blickwinkel ändern:

Das gleiche Schiff im Hochformat

Das ist schon ganz nett, aber wegen der Symmetrie doch ziemlich statisch. Geben Sie der Ansicht direkt deutlich mehr Schwung, indem Sie schräg von unten zum Bug hochblicken:

Das Schiff erhält mehr Dynamik

Das ist eine klassische Froschperspektive (siehe den Beitrag "Zeichnen lernen: Perspektive zeichnen"), welche die Größe des Schiffes betont. Sie können das noch steigern, indem Sie ein kleines Detail in den Vordergrund holen:

Ein Detail bietet Anhaltspunkte für die Größe

Gerade weil es so widersprüchlich scheint, spricht übrigens auch nichts dagegen, ein hochformatiges Schiff doch mal auf einem querformatigen Papier zu präsentieren:

So passt es auch

Hier wirkt es trotz des größeren Weißanteils im Bild gleich viel massiver, als wenn es genau in ein Hochformat eingezwängt wäre.

Quadrat

Weder hoch- noch querformatig ist ein Quadrat als äußere Begrenzung. Diese Unentschiedenheit ist oftmals auch das Problem solcher Bilder. Alles passt und nichts ist dynamisch:

Das Schiff direkt von vorne

Das Papierformat gibt schon die zentralisierende Tendenz vor, das symmetrische Schiff verstärkt sie noch und zu allem Überfluss kreuzen sich alle Achsen (Bugspitze, Horizont, Bilddiagonalen) auch noch am gleichen Punkt. Das ist bestenfalls langweilig.

Gerade bei einem solchen Format sollten Sie außermittig arbeiten, also etwa den Himmel betonen oder dem Schiff eine klare Richtung geben:

Das Quadrat erlaubt auch asymmetrische Anordnungen

Sie können sogar dieses Problem der langweiligen Symmetrie zum Thema des Bildes machen und es gerade in diesem so scheinbar "sicheren Hafen" des ihn umgebenden Quadrats mal provokativ schief anordnen:

Das Schiff ist schief

Sicherlich eher selten (weil mühsam herzustellen) ist eine kreisrunde Begrenzung. Gerade bei marinen Themen zitiert sie aber das Bullauge und damit den Blick von einem Schiff auf ein anderes:

Ausblick aus einem Schiff auf ein Schiff

Bilder umrahmen

Die Dynamik eines Bildes lässt sich noch weiter steigern, indem Sie die Begrenzung des Formats im wahrsten Sinne sprengen. Anders als das begrenzende Papier können Sie einen gezeichneten Rahmen unterbrechen. Das gibt dem Bild sozusagen eine dritte Dimension, indem es seine Fläche verlässt.

Das Schiff sprengt den Rahmen

Der Kontrast eines dicken Rahmens hebt feine Linien der Zeichnung übrigens ebenso hervor, wie ein dünner Rahmen eine grobe Skizze elegant umrahmt. Der Rahmen darf durchaus auch an mehreren Stellen unterbrochen werden.

Besonders effektvoll ist es, wenn das Bild am vorderen oder unteren Rahmen über die Grenzen tritt, weil der Betrachter dann noch mehr das Gefühl hat, im Bild zu stehen:

Dieses Schiff scheint am Rahmen festgemacht zu haben

So ein Rahmen eignet sich ansonsten vorzüglich, um einen Bildinhalt nicht nur herausragen zu lassen, sondern ihn direkt massiv anzuschneiden. Sehen Sie sich mal die Wirkung des folgenden Bildes an, bei dem wesentliche Teile des Schiffes gar nicht zu sehen sind und trotzdem bzw. gerade deswegen seine Größe eindrucksvoll zur Geltung kommt:

Dieses Schiff passt gar nicht auf das Bild

Fazit

Veränderte Proportionen und die Anordnung des Bildinhalts an unterschiedlichen Stellen haben eine enorme Wirkung auf den Gesamt-Eindruck. Mit ganz wenig Aufwand können Sie die Dynamik Ihrer Zeichnung unglaublich steigern. Auch der Rahmen lässt sich als wesentliches Bild-Element integrieren.

Beitrag bewerten

Ihre Wertung:

 

Mitglied werden, Vorteile nutzen!

  • Sie können alles lesen und herunterladen: Beiträge, PDF-Dateien und Zusatzdateien (Checklisten, Vorlagen, Musterbriefe, Excel-Rechner u.v.a.m.)
  • Unsere Autoren beantworten Ihre Fragen

Downloads zu diesem Beitrag

Newsletter abonnieren