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Chinesische Etikette

China gilt als extrem kompliziert. Die Etikette birgt für Europäer unzählbar viele Fettnäpfchen. Fast jedem Wort, jedem Satz, jeder Mimik messen Chinesen bestimmte Absichten zu. Einige Verhaltensweisen, die in Deutschland normal sind, gelten in China als skandalös - und umgekehrt. Im Reich der Mitte existieren viele Grundregeln und Business-Regeln, die für Europäer schwer nachvollziehbar sind. Man sollte sie jedoch kennen, insbesondere dann, wenn man Geschäftsbeziehungen aufbauen möchte.

Grüßen und Begrüßen

In China gebührt älteren Menschen besonderer Respekt; Alter geht vor. Jüngere Leute mit niederem Status grüßen ältere mit höherem Status. Handschlag zwischen Chinesen und Europäern ist mittlerweile gängig. Dennoch sollte der Gast darauf warten, dass der Chinese ihm die Hand reicht - nicht umgekehrt.

Chinesen sind insofern nicht mit Japanern vergleichbar. Japaner verbeugen sich zur Begrüßung. In China wird die Hand gereicht, aber der Händedruck ist sehr schwach.

Die Begrüßungsregeln in China entsprechen den deutschen Gepflogenheiten.

Essen und Trinken

Die Tischmanieren wirken auf Europäer höchst eigentümlich. Alles wird interpretiert.

Handelt es sich um eine private Einladung, dann sollten nach wie vor besser keine Blumen als Gastgeschenk mitgebracht werden. Insbesondere mit weißen oder gelben werden nur Tote geehrt.

Europäerinnen brauchen sich nicht zu wundern, wenn die chinesische Hausherrin sie zur Toilette begleitet und vor der Tür wartet. Es zählt als höfliche Geste; die Frau soll sich beschützt fühlen.

Die Tischmanieren als solche wirken oft abstoßend auf Europäer. Schmatzen und Schlürfen sind in Deutschland ein Fettnäpfchen. Anders in China, dort gehören sie zum guten Ton.

Vermeiden Sie unbedingt Naseschnäuzen in Gegenwart Ihrer Gastgeber. Naseschnäuzen ist ein absolutes Don't!

Chinesen legen großen Wert auf ein gemeinsames Essen. Meist werden für alle gemeinsam Gerichte bestellt.

Bisweilen werden auch zwölf Gänge pro Menü serviert. Darauf sollte jeder vorbereitet sein, denn die Gastgeber sehen es gern, wenn der Fremde von vielen Gerichten etwas probiert. Meist wird mindestens ein Gericht mehr aufgetischt als Gäste eingeladen sind. Das Essen wird mit extra Stäbchen von gemeinsamen Platten verteilt. Die Reisschale wird zum Mund geführt und die Stäbchen dürfen nicht parallel über, sondern nur neben die Reisschale gelegt werden.

Stäbchen

Wer die Kunst mit Stäbchen zu essen beherrscht, sollte unbedingt vermeiden, sie senkrecht in den Reis zu stechen. Dies bedeutet, dass jemand gestorben ist oder demnächst stirbt. (Weiße Kleidung sollte ebenfalls unbedingt vermieden werden - weiß gilt als Farbe des Todes.)

Stichwort Stäbchen: Schulkantinen und Restaurants verteilen mittlerweile in Plastikhüllen eingeschweißte Holzstäbchen. Teure Restaurants bevorzugen silberne Metallstäbchen, da Holzstäbchen unter Umständen mit giftigen Mitteln gebleicht sind.

Bei sehr exquisitem Essen erhält der Gast für jedes Gericht einen neuen Löffel, beziehungsweise neue Stäbchen. Die Reisschale wird zum Mund geführt.

Seit jeher ist es üblich, laut schmatzend oder rülpsend zu essen. Wer als Gast zwischen schmatzenden Chinesen sitzt, kann es ihnen nachmachen.

Bei Business-Essen im internationalen Umfeld ist Schmatzen allerdings nicht ratsam. Die Reisschüsseln, aber auch die Suppenschüsseln, werden bis zu den Lippen gehoben. Auf diese Art kann man die Suppe trinken beziehungsweise den Reis problemlos essen. Die Gefahr, dass er von den Stäbchen fällt ist dann fast ausgeschlossen. Knochen oder Gräten legt man meist in eine flache Schüssel.

Nach dem Essen sollten die Stäbchen auf den Tisch gelegt werden (oder auf den Teller). Wer satt ist, lässt ein "Anstandshäppchen" auf dem Teller. Dies bedeutet, dass er keinen Nachschlag wünscht. Nach dem Essen verabschiedet man sich zügig.

Trinkgeld

Früher galt Trinkgeld in China als böse Beleidigung. (Ganz im Gegensatz zu Japan.) Heute wird es auch in China, insbesondere in Touristenhochburgen, gern genommen. Notwendig ist es aber nicht. Laut offizieller Version steht der "vollkommene Kommunismus" als politisches Ziel, aber die allgemeine Wirtschaft wird, insbesondere für Studierende, wichtiger als Ideologie. Die KP (Kommunistische Partei) verfolgt eine klare Macht- und Interessenpolitik. Das Land der 1,3 Milliarden soll sich rasch entwickeln. Und dafür braucht es nicht nur Ressourcen und Energie, sondern billige Arbeitskräfte. Und diese arbeiten motivierter, wenn sie ein Trinkgeld erhalten.

An Geschäftsessen nehmen Ehepartner nicht teil.

Der Gastgeber bezahlt in der Regel das Geschäftsessen. Trifft man sich spontan, ohne dass jemand eine Einladung aussprach, dann wird lange diskutiert, wer bezahlen darf. 15 Minuten früher zur Essenseinladung erscheinen und nie Nase putzen.

Gastgeschenke

Vom Gast wird, sofern es sich um eine Einladung in ein Privathaus handelt, ein Gastgeschenk erwartet. Hochwertige "Kleinigkeiten" aus Europa sind beliebt. Zu teuer sollten sie jedoch nicht sein, zumindest nicht wenn sie von Fremden stammen. Dies ist dem Gasgeber eher peinlich.

Verpackte Geschenke werden nicht vor den Augen aller ausgepackt. Der Chinese will dem Gast Peinlichkeiten ersparen. Falls ihm das Geschenk nicht gefällt, dann braucht er keine gute Miene zum bösen Spiel zu machen und Freude vortäuschen. Dafür lässt er ihn die Enttäuschung am Tag darauf spüren. Falls er sich nicht herzlich und mit Begeisterung bedankt, hat es ihm vermutlich missfallen.

Briefmarken und Pralinen sind beliebt. Blumen mittlerweile zunehmend, aber keinesfalls weiße oder gelbe; diese stehen für "Tod".

Wer rechts neben dem Gastgeber sitzt und einen Blick zur Tür hat, darf sich glücklich schätzen. Er hat damit den Ehrenplatz inne.

Ein Lob für den Koch oder die Köchin wird gerne gehört.

Small-Talk-Sünden

Grundsätzlich könnte man sagen: Je allgemeiner und unverfänglicher das Thema, desto besser. Wetter ist immer wieder ein harmloses Thema. Aktuelle Geschehnisse dagegen bergen bereits Fettnäpfchen. Auch Wertediskussionen oder politische Themen sollten von der Agenda gestrichen werden. Raubkopien deutscher Produkte und Produktpiraterie allgemein sind zwar eine Tatsache - aber kein Tischgesprächsthema. Gleiches gilt für Dopingskandale chinesischer Sportler.

Aktuelle Themen, zum Beispiel sportliche oder gesellschaftliche Ereignisse, sind ebenfalls heikel, selbst, wenn sie als Kompliment gemeint sind. Denn Chinesen fühlen sich unter Umständen getadelt, wenn ihnen ein Fremder sagt, dass Zahnkronen in China ja nur 40 Euro, in Deutschland aber 300 Euro kosten. Es könnte ein Vorwurf sein, dass es sich um Produktpiraterie handelt.

Merke: Je allgemeiner das Gesprächsthema desto unbedenklicher.

Alkohol

Sonderliche Wertschätzung an hochwertigen alkoholischen Getränken ist nicht unbedingt selbstverständlich. Dies mag daran liegen, dass Bier lange als Getränk der einfachen Leute galt, das man in größeren Mengen und hoher Geschwindigkeit trinken konsumiert.

Die Gleichung lautet: Bier gleich Alkohol. Und Alkohol wird von vielen eher "chemisch" betrachtet, denn als kulinarisch. Ein teurer Wein wird oft in der selben Geschwindigkeit hinuntergestürzt. In diesem Fall empfiehlt sich bei einer Einladung Tafelwein statt Grand Crue und Sekt/Perlwein statt Champagner.

Ein halb volles Glas wird in China sofort nachgefüllt. Falls der Gastgeber ein Schnapsglas, meistens gefüllt mit einem hochprozentigen Getreideschnaps, genannt Maotai, erhebt, sollte es ebenfalls in einem Zug austrinken. Meist fällt die Aufforderung "Gan bei". Dies bedeutet "Ex", also auf einen Zug.

Merke: In Alltagssituationen besser Bier bestellen, da es gängig ist.

Kontakte zwischen Männern und Frauen

Zu Zeiten Maos war Küssen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit peinlich und verpönt. Während früher (zu Kaiserzeiten) die Eltern die Ehepartner der Kinder aussuchten haben sie heute (nur) noch ein Mitspracherecht. Allerdings ein starkes. Sie treffen sich auch heute noch im Pekinger Zhongshan-Park, um für ihre Kinder eine passende Partie zu entdecken. Manche tragen Pappschilder um den Hals. Darauf preisen sie die Vorzüge ihrer Kinder an. Partnervermittlungsagenturen verlangen mehr als ein halbes Monatsgehalt (Durchschnittswert) für die Aufnahme in die Agentur.

Mittlerweise sind Heiratsanzeigen gängig. Im Gegensatz zum sonstigen Understatement, wird hier mit Geld, Attraktivität und Bildung "angegeben", um seinen Marktwert zu erhöhen. "Wie viel verdienst du?" ist oft die normalste Frage der Welt, wenn es um Beziehungsangelegenheiten geht. Kontaktanzeigen nennen das Jahreseinkommen der Suchenden, aber insbesondere Statussymbole wie deutsche Autos, Eigentumswohnungen oder Häuser. Wer ein Haus besitzt, besitzt Prestige und Sicherheit. Formulierungen wie "Geschlecht, Alter, Größe, Studium in..., besitzt einen BMW und eine Wohnung mit 450 Quadratmetern", sind durchaus üblich. Selbst auf Feiern oder Familienfesten fragen andere nach dem Einkommen.

Bei Familienfeiern schenkt man in den allermeisten Fällen Geld, und zwar in roten Umschlägen verpackt (Hongbao). Jeder Gast überreicht zur Hochzeit einen roten Geldumschlag. Dieser wird während der Feier geöffnet und die Familie des Bräutigams (!) notiert die enthaltenen Beträge. Bei einer Gegeneinladung sollte man dann dem Schenker die exakte Summe (zurück-)schenken.

Merke: Nicht über direkte Fragen nach finanzieller Situation wundern - aber besser andere nicht danach fragen.

Vornehme Blässe als Schönheitsideal

Während in Europa Sonne und Bräune für Schönheit und Gesundheit stehen, steht dies in China für Armut und Arbeit auf dem Feld. Daher ist der Porzellanteint angesagt. Ähnlich wie in Zeiten Ludwig des XIV. in Frankreich, als "vornehme aristokratische Blässe" als Zeichen für Schönheit, Reichtum und Anmut galt. Kein Wunder, dass in Kontaktanzeigen in chinesischen Zeitungen ein "blasses Gesicht" als Vorzug angepriesen wird. Angesichts der Tatsache, dass Blässe als attraktiv gilt, sind Strände und Sonnenbaden meist nur bei Touristinnen beliebt. "Oben ohne" ist untunlich. Höchstens an Privatstränden. Abgesehen davon tragen Chinesinnen oft Kopfbedeckungen, um möglichst blass zu bleiben.

Geschäftsfrauen wirken mit hellem (Puder-)Make-up vorteilhafter.

Geduld und Pünktlichkeit

Zeit hat mehrere Gesichter, aber zumindest in Sachen Pünktlichkeit lässt sie sich einfach definieren: Auf Pünktlichkeit wird großen Wert gelegt. Dies umfasst insbesondere Fristsachen. Potenzielle Geschäftspartner müssen Fristen exakt einhalten. Ergebnisse sollten möglichst einige Zeit vor Fristablauf vorliegen. Insbesondere Zulieferer müssen pünktlich sein. Dies gilt aber auch für Touristen. Zorn oder Ungeduld über langatmige langwierige Besprechungen gelten als Zeichen mangelnder Selbstkontrolle und somit als negative Eigenschaft.

Bereits eine zu laute Stimme beim Verhandeln wird mit Argwohn zur Kenntnis genommen. Flapsige Bemerkungen oder kleine Anekdoten zum Auftakt einer Präsentation gelten als absolut unseriös.

Vornehmes Understatement bezogen auf Firma und Produkt erweckt Vertrauen. Insbesondere Pressespiegel mit Artikeln über das Unternehmen, Geschäftsberichte oder besondere Auszeichnungen können Unternehmer punkten. Böse Kommentare über Mitbewerber oder Konkurrenten sind dagegen unangebracht, Sie erwecken damit lediglich Misstrauen.

Auch wenn es starke Nerven erfordert: Seinen Unmut über zeitraubende Verhandlungen sollte man sich keinesfalls anmerken lassen. Selbst bei Endlosdiskussionen sollten Sie freundlich lächeln - sonst verlieren Chinesen meist schnell den Respekt.

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Über die Autorin:

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Silke Schneider-Flaig ist Juristin, Fachzeitschriftenredakteurin und Buchautorin mit viel Auslandserfahrung. Zum Thema "gute Manieren" hat sie zahlreiche Beiträge in Print- und Online-Medien veröffent ...

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