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Praxiskurs Umsatzsteuer, Vorsteuer und Mehrwertsteuer

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Stand: 27. Mai 2013

Wahlrecht: Wann Kleinunternehmer für die Umsatzsteuer optieren

Auf dieser Seite erfahren Sie, unter welchen Bedingungen Sie umsatzsteuerlich als "Kleinunternehmer" gelten. Außerdem erläutern wir, welche Vorteile es bieten kann, sich freiwillig für die Umsatzbesteuerung zu entscheiden und was dabei zu beachten ist.

Kleinunternehmer brauchen ihren Kunden keine Umsatzsteuer in Rechnung zu stellen und können sich den größten Teil der Umsatzsteuer-Bürokratie sparen. Als Kleinunternehmer im Sinne des § 19 UStG gelten Sie, wenn Ihre Betriebseinnahmen (Umsatz, nicht Gewinn!)

  • im Vorjahr unter 17.500 Euro lagen

    und (!)

  • im laufenden Kalenderjahr 50.000 Euro voraussichtlich nicht übersteigen werden.

Für Gründer kommt es nur darauf an, ob der Umsatz im Jahr der Betriebsgründung voraussichtlich die 17.500-Euro-Grenze überschreiten wird. Sollte sich der tatsächliche Umsatz im Nachhinein als höher herausstellen, haben Sie keine Strafen oder Nachzahlungen zu befürchten. Wenn Sie jedoch wider Erwarten bereits früh im Jahr auf die 50.000-Euro-Grenze zusteuern, sollten Sie einen Steuerberater hinzuziehen oder sich direkt mit dem Finanzamt über Ihren Umsatzsteuerstatus verständigen.

Bitte beachten Sie: Als Kleinunternehmer brauchen Sie keine Umsatzsteuer auf ihren Ausgangsrechnungen auszuweisen. Damit Rechnungsempfänger nicht über die vermeintlich fehlende Umsatzsteuer stolpern, sorgen Sie mit einer professionellen Standardfloskel wie der folgenden für Klarheit: "Der Rechnungsbetrag enthält gemäß § 19 UStG keine Umsatzsteuer." Damit ist alles gesagt – der Begriff "Kleinunternehmer" muss nicht ausdrücklich erwähnt werden.

Jahresperspektive: Hochrechnung auf 12 Monate erforderlich!

Falls Ihr erstes Geschäftsjahr nicht im Januar beginnt, dann müssen Sie Ihren voraussichtlichen Umsatz aufs Jahr hochrechnen. Beispiel für ein solches Rumpfgeschäftsjahr: Sie machen sich im August selbstständig, sind also nur fünf Monate lang wirtschaftlich aktiv. Auf zwölf Monate gerechnet überschreiten Sie dann bereits bei einem Umsatz von 7.292 Euro die 17.500-Euro-Jahresmarke!

Die Angaben über Ihre Umsatzerwartungen machen Sie als Gründer übrigens auf dem achtseitigen "Fragebogen zur steuerlichen Erfassung". Den bekommen Sie vom Finanzamt zugeschickt, wenn Sie Ihren Gewerbebetrieb oder Ihre selbstständige Tätigkeit anmelden. Einen Überblick über die wichtigsten formalen Gründungsschritte finden Sie in unserem Praxistipp "Gründung, Anmeldungen, Genehmigungen für die Selbstständigkeit: Unternehmer werden ist nicht schwer!"

Keine Steuerbefreiung!

Die Kleinunternehmerregelung wirkt auf den ersten Blick wie eine Steuerbefreiung. Steuerexperten legen jedoch Wert auf die Klarstellung, dass Umsätze von Kleinunternehmern nicht steuerfrei sind. Vielmehr wird die fällige Umsatzsteuer aus Vereinfachungsgründen bloß "nicht erhoben". Bei genauem Hinsehen ist diese begriffliche Feinheit mehr als nur Haarspalterei: Umsätze mit tatsächlich umsatzsteuerfreien Waren und Dienstleistungen brauchen Sie nämlich gar nicht in die Kleinunternehmer-Umsatzgrenze mit einzurechnen!

Beispiel: Teilzeit-Kleinunternehmer

Angenommen, eine Trainerin hat ihren Kunden im Vorjahr für Seminare und Workshops insgesamt 15.000 Euro in Rechnung gestellt. Im gleichen Zeitraum erbrachte sie außerdem heilberufliche Leistungen (z. B. als Krankengymnastin) im Gesamtwert von 10.000 Euro. Damit überschreitet ihr Gesamtumsatz zwar ganz offensichtlich die 17.500-Euro-Grenze. Weil die Summe der umsatzsteuerpflichtigen Umsätze jedoch unter der magischen Marke lag, darf die Trainerin weiterhin als Kleinunternehmerin auftreten.

Freiwilliger Verzicht auf das Kleinunternehmer-Privileg

Als Kleinunternehmer brauchen Sie keine Umsatzsteuer ans Finanzamt abzuführen. Da Sie keine Umsatzsteuer für den Staat eintreiben, haben Sie im Gegenzug auch kein Recht auf Vorsteuerabzug. Der Gesetzgeber gibt Ihnen allerdings die Möglichkeit, freiwillig für die Umsatzsteuer zu optieren. Dieses Wahlrecht kann für Sie beispielsweise dann interessant sein, wenn Sie

  • angesichts teurer Anschaffungen ("Investitionen") Wert auf den Vorsteuerabzug legen oder

  • sich im Geschäft mit Geschäftskunden nicht als Klein(st)unternehmen mit Mini-Umsätzen offenbaren wollen.

Das Kleinunternehmer-Wahlrecht unterliegt jedoch einer wichtigen Einschränkung:

Bindungsfrist

Wer freiwillig auf die Steuerfreiheit verzichtet, legt sich damit für die nächsten fünf Jahre fest. Mit dieser Festlegung will der Gesetzgeber dem "Umsatzsteuer-Hopping" vorbeugen: Auf diese Weise ließen sich ansonsten interessante steuerliche Mitnahmeeffekte erzielen.

Abgesehen vom geringeren Verwaltungsaufwand profitieren Sie von der Umsatzsteuer-Befreiung vor allem in folgenden Fall:

Echtes Steuerprivileg

Wenn Sie sich mit Ihren Waren oder Dienstleistungen ausschließlich oder überwiegend an Privatkunden richten und absehbar unter den genannten Umsatzgrenzen bleiben werden, dann ergibt sich aus der Steuerbefreiung ein realer Angebotsvorteil: Denn Ihre Kundschaft muss faktisch nur den Nettobetrag bezahlen. Im Vergleich zur steuerpflichtigen Konkurrenz bieten Sie objektiv niedrigere Preise.

Aus dem Privileg kann allerdings auch schnell ein Nachteil erwachsen: Wer aufgrund von Umsatzsteigerungen schließlich doch gezwungen ist, seinen Kleinunternehmer-Status aufzugeben und keine Gewinneinbußen in Kauf nehmen will, für dessen (private!) Kunden ergeben sich auf einen Schlag Preiserhöhungen in der Größenordnung des zusätzlichen Umsatzsteuer-Anteils.

Falls Sie in einem solchen Fall den Umsatzsteueranteil nicht auf Ihre Kunden abwälzen können, mindert sich Ihr Gewinn spürbar. Wie Sie den anfänglichen Steuervorteil möglichst klug und weitblickend nutzen, entnehmen Sie unserem Praxistipp zur Umsatzsteuer-Befreiung für Kleinunternehmer.

Gute Geschäfte – schlechte Nachricht?

Worauf Sie achten müssen, wenn Ihre Umsätze sich im laufenden Jahr unerwartet gut entwickeln und die 17.500-Euro-Grenze in Sicht kommt, erfahren Sie in unserem ausführlichen Spezialbeitrag "Überschreiten der Kleinunternehmer-Umsatzgrenze".

Umgekehrt kann im Laufe der Zeit unter Umständen auch ein Abstieg in die Kleinunternehmer-Liga nötig oder sinnvoll werden: Mehr dazu im Praxistipp "Rückkehr zur Kleinunternehmer-Regelung".

Im Umsatzsteuergesetz finden sich unterschiedliche Steuersätze. Warum es die verschiedenen Tarife gibt, wo Sie nachlesen können, welcher für Sie zutrifft, und wie Sie die gefährliche "Steuerschuldenfalle" umgehen, erläutert der folgende Abschnitt.

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Über den Autor:

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Robert Chromow ist gelernter Industriekaufmann, Betriebswirt und Politologe. Seit zwanzig Jahren arbeitet er als freiberuflicher Journalist, Autor und Berater im eigenen Redaktionsbüro. Print- und Onl ...

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